Ausgabe 
18.10.1902
 
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Samslsg den 18. Kkkodrr.

1902. Nr. 155.

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-

(Fortsetzung.)

Ohne Furcht und Zaudern stürzte sich Bertha in seine Arme und umarmte ihn zärtlich, wie einen Bruder.

Sie Sie, mein liebes, liebes Kindchen!" stammelte er.

Dann sich an Georg wendend, der schweigend auf seinem Platze geblieben war, sagte er:

Und Du Du kommst nicht näher zu mir?"

, ^eo.rg ging auf ihn zu. Doch seine Hand, die er rn die ihm entgegengehaltene legte, war eisig und bebend.

Endlich! Da sind wir nun wieder beisammen so wie früher", versuchte Franz von Sempach zu scherzen. Und dies Zimmer, in dem wir uns befinden, ist so luxuriös gegenüber meiner Zelle und dem Sprechzimmer, daß ich beinahe versucht bin, zu glauben, ich wäre bei mrr zu Hause oder bei Euch. Schaut nur hin! Da sind nrcht einmal Eisenstangen an den Fenstern. Kinder, ich bin wie neugeboren!"

Die Heiterkeit, zu der Sie sich zwingen", bemerkte Bertha, die sich ihre Thränen abtrocknete,ist uns schmerz­licher, als uns Ihre Traurigkeit berührt hätte. Geben Sie sich, wie Ihnen zu Mute ist. Verstellen Sie sich nicht. Mir wissen ganz gut, was Sie leiden, und kommen her, um Ihre Leiden mit Ihnen zu teilen."

Dank, Dank!" rief er, indem er ihnen die Hände drückte: dann fügte er hinzu:Ich hatte nicht gehofft, Euch schon heute zu sehen. Georg hatte mir mitgeteilt, daß Sie in Straßburg wären, aus Ergebenheit und Freundschaft für mich wohlverstanden, um mit an meiner Befreiung zu arbeiten."

Ja, ich hatte es wirklich einen Augenblick gehofft", antwortete sie.Mer ich hatte diese Hoffnung bereits aufgegeben, als mich der Brief meines Bruders zurückries."

Sie wollten ja, wie er mir sagte, einen gewissen Munser aufsuchen oder auffiuden, der Ihnen als der eventuell Schuldige bezeichnet worden ivar."

Er ist es nicht."

Ich hab' es ja gewußt. Der Verdacht, den Ihnen Minna eingeflößt hatte, mußte vom ersten Augenblicke geradezu erfunden sein."

Sie glauben also, daß

,Lch glaube nichts, und ich weiß auch nichts. Ich suche blos. Und wenn ich an dieses Mädchen denke, so erstaune ich über eine Menge von Dingen. Tausend Kleinig­keiten und Nebensächlickkeiten, denen ich früher keine Wich­tigkeit beilegte, kamen mir nun wieder in den Sinn und setzen mich in Erstaunen. Georg wird Ihnen wohl mit­geteilt Robert, was ich ihm in Betreff des Hemdknopfes!

Ja, und das scheint uns ebenso sonderbar wie Ihnen., Weshalb leugnet sie diese Thatsache, daß Sie sie gebeten haben, diesen Knopf einige Tage vor dem Morde zu suchend

Geleugnet hat sie nicht. Dazu ist sie zu schlau. <5i£. sagt bloß:Ich erinnere mich nicht." Und zwischen der Aussage dieses Stubenmädchens, dessen Zeugnis die Unter­suchung nur bekräftigte, und der Aussage des Verhaftetem dem man von Anfang an nicht wohlgesinnt war, zweifelt! der Richter nicht lange".

Warum war er Dir fo schlecht gesinnt?" fragte Georg, da er sich doch in das Gespräch mischen mußte.

Weil ich mich gegen ihn und seine Würde anfgelehnt hatte, mein Lieber. Glaubst denn Du, daß man in gewissen Fällen Herr über sich sein, seine Empörung unterdrücken kann? Stelle Dir vor, Du wirst irgend eines gemeinen Verbrechens angeklagt angeklagt, ein Weib getötet zu haben, eine Unglückliche, die Dich geliebt hat und vielleicht noch liebte! Später habe ich ja meine Kaltblütigkeit wieder­gefunden, denn ich sah ein, daß mir der Zorn noch schaden würde. Dann wurden mir weiter nur Fragen vorgelegt, auf die ich nicht antworten konnte und durfte, und so ent­schloß ich mich denn, zu schweigen. Dieses beharrliche! Schweigen und Verstummen, zu dem ich mich verdammte, brachte schließlich den ganz außer sich, von dem gerade mein ganzes Geschick abhing. Ich kann es begreifen und auch entschuldigen. Er ist kein schlechter Mensch- Er ist ein unparteiischer und gerechter Mann. Er täuscht sich nur. Das ist alles."

Fräulein Rakenius, die einen Augenblick still nachge­sonnen hatte, sagte plötzlich:

Kehren wir wieder zu diesem Stubenmädchen zurück, ich bitte Sie, und lassen wir das Thema nicht mehr fallen.; Haben Sie mit dem Untersuchungsrichter niemals über sie gesprochen? Haben Sie ihm nicht Ihre Absicht über den Fall mit dem Hemdknopf mitgeteilt?"

Doch. Wer er hat ihn weiter nicht berücksichtigt, und ich habe nicht darauf bestanden. Ich habe Ihnen ja! schon gesagt: ich rede mit ihm so wenig als möglich."

Gut! Aber mit uns, das ist etwas anderes. Sagen Sie uns alles, was Sie denken, und was Sie bemerkt haben."

Gern. Ich hatte dies übrigens schon mit Georg abgemcht."

41. Kapitel.

Er lehnte, die Arme ineinander verschlungen, mit dem Rücken an die große Wandkarte gelehnt, die zwischen beiden Fenstern aufgehängt war, und unterhielt sich stehend mit Bertha itttb Georg, die ihm gegenüber Platz genom­men hatten.

Laßt uns zunächst versuchen, meine lieben Freunde, Ordnung in unsere Nachforschungen zu bringen und be­züglich des Kammermädchens Minna so vorzugehen, wie es mein Richter gethan hätte, wenn er in diesem Mädchen, statt nur die Zeugin zu sehen, die Schuldige gesehen hätte.