Ausgabe 
18.8.1902
 
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Dann will ich daß Du die Scheidung einleitest, Auf der Stelle. Morgen."

Bell!"

"Wirst Tu es thun?" fragte sie noch einmal.

Bell, sei darmherzig!" stöhnte er.

Ein kaltes, verächtliches Lächeln glitt über ihr Gesicht.

Ich bin vielleicht nicht deutlich gewesen", sagte sie. Nur mich verstehst Tu, nur mich fordere ich von Ttr zurück. Nicht mein Geld. Tu selber sollst die Summe nenuen, uin die ich Dir feil bin. Ich werde meinem Anwalt Auftrag geben, und Du wirst sie erhalten."

Bell!" schrie er aus und hob den Arm gegen sie.

Tann bezwang er sich

Es wird geschehen, tote Tu es wünschst", sagte er, lebe wohl!"

Er ging.

Sie hörte noch den Nachhall seiner gebrochenen Stimme, das Geräusch der Thür, die sich hinter ihm schloß.

Sie sank in den Stuhl.

Um beit Tisch summten die Fliegen und auf dem Kastanienbaum draußen schwatzten die Spatzen.

Das war ihr Hochzeitstag.

(Fortsetzung folgt.)

Der gegenwärtige Stand der Säuglings- Ernährung.

Tie Frage der Säuglings-Ernährung hat gerade in der letzten Zeit durch Robert Kochs Mitteilungen auf dem Lon­doner Tuberkulose-Kongreß eine aktuelle Bedeutung be­kommen, weil die anscheinend fest begründete KuhmilchpHy- gteite damit in andere Beleuchtung gerückt worden ist. Und diese Frage wird, wie auch der vorjährige Naturforschertag zu Hamburg gelehrt hat, noch nicht so bald aus der öffent­lichen Diskussion verschwinden. Denn sie ist für das Wohl der Familie und des Volkes eine so wichtige, daß es kein Wunder nehmen kann, wenn Aerzte und Hygieniker fort­während bemüht sind, sie zu klären, Uebelständen abzu­helfen, Irrtümer zu beseitigeu, Verbesserungen zu ersinnen.

Ein richtig und gut ernährter Säugling erhält, indem fite seine Gesundheit ein fester Grund gelegt wird, damit die beste Sicherheit einer kräftigen Entwicklung, also eine be­deutungsvolle Mitgabe für das Leben. Je mehr die Säuglings-Ernährung gebessert wird, desto mehr wird die Sterblichkeit der kleinsten Kinder, die noch vor wenigen Jahren erschreckende Zahlen aufwies, aber sich bereits merk­lich verringert hat, eingedämmt.

Was die Erhaltung gesunder, leistungsfähiger Indi­viduen für ein Volk zu bedeuten hat, braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Aber auch für das Haus und die Familie, in erster Linie für die Mütter, ist zur Erhaltung des Kindes eine stete Vertrautheit mit dem jeweiligen Stande der ErnÄhrungssrage wichtig.

Daß die Frauenmilch, d. hi die Mutter- oder Ammen- milch, für das Kind die naturgemäßeste und trotz vieler Ver­suche künstlicher Umgestaltung der Kuhmilch noch unerreichte Ideal-Nahrung ist, daran hat sich nichts geändert. Diese Thatsache ist feststehend geblieben, obwohl es in den letzten Jahrzehnten nicht an Bemühungen gefehlt hat, künstliche Präparate herzustellen, welche die Frauenmilch vollkommen ersetzen könnten. Auch wenn sie chemisch gleich zusammen­gesetzt waren, erwies sich doch ihre physiologische Wirkung in Bezug auf Resorption und Ernährung nicht als die gleiche. Wer es ist nicht zu leugnen, daß durch Biedert, Backhaus, Gärtner und andere Autoritäten sehr wesentliche Ausgleiche zwischen Kuhmilch und Frauenmilch erzielt wur­den. Biederts Rahm-Konserve, die entkäste Backhausmilch, die überfettete Gärtnersche Milch find Errungenschaften und Fortschritte, die als Marksteine in der Säuglings-Diätetik be­zeichnet werden müssen.

Die Erkenntnis von den Vorzügen der Frauenmilch hatte schon lange dazu geführt, arme mutterlose oder kränk­liche Säuglinge milchreichen Stillenden zur Ernährung neben ihrem eigenen Kinde mit an die Brust zu geben. JU Findel­häusern OesterreichD und Rußlands wurden Frauen, die aus den Entbindungsanstalten entlassen waren, mit ihren Kin- dren noch für einige Zeit unentgeltlich verpflegt, wenn fie ihre Nahrung gleichzeitig noch einem der Findlinge spen­deten. Auch im Säuglings-Krankenh'aus zu Dresden hat man, wie Tr. FlachD berichtet, ähnliches versucht. Um den

dortigen kranken Kindern Frauenmilch zu schaffen, wurden Ammen in die Anstalt ausgenommen, und zwar mit ihren Kindern, damit diese nicht sofort der eigenen Mutter ent­behrten, und damit letzterer eilte rege Milchsekretion gesichert blieb. Die Ammen erhalten freie Kost und Verpflegung gegen die Verpflichtung, ein Kind mit an die Brust zu nehmen. Die so für die kleinen, kranken Pfeglinge ge­wonnene Milchmenge wurde ein ganzes Jahr lang genau bestimmt. Durchschnittlich waren an 196 Verpflegungstagen monatlich 18 Ammen im Säuglingsheim thätig. Diese lieferten im Monat durchschnittlich 223 Liter Milch, von denen die eigenen Kinder der Ammen 53 Liter, die kranken Säuglinge 170 Liter (resp. 45 Liter täglich) erhielten. Wenn man die Verpslegungskosten der Ammen mit deren eigenen Kindern in Anschlag bringt, so stellt sich ein Liter Frauenmilch, welches die Pfleglinge erhielten, auf 5.23 Mk., allerdings ein enormer Preis. Selbst wenn man die Güte und Bekömmlichkeit der Milch berücksichtigt, so durste doch dies kostspielige Experiment schwerlich zur Nach­ahmung reizen.

Die Durchführung einer derartigen Ernährung im großen und in einem für die ärmeren Kreise ausreichen­den Mahstabe wäre einfach unmöglich. Man wird deshalb immer wieder auf die Kuhmilch zurückkommen.

Man hat die Kuh als dievierbeinige Amme" aller der Kinder bezeichnet,' welche ohne Brustnahrung aufgezo­gen werden müssen. In der That vermochte weder die Ziege die Kuh des kleinen Mannes noch die Eselin, obwohl die Milch beider der Frauenmilch ähnlich und fast frei von Mikroben ist, die Kuhmilch aus ihrer Popularität zu verdrängen. Sie wird für immer das verbreitetste, am leichtesten zu beschaffende Nahrungsmittel für die erste * Kinderzeit bilden. Wohl haben in den letzten 20 Jahren das Mikroskop, der bakteriologische Brutapparat und das Laboratoriums-Experiment den Glauben an ihre Güte und Reinheit etwas Kschüttert. Allein es darf der Mutter zur Beruhigung gereichen, daß ein kurzes Erwärmen (Pa­steurisieren) in der Molkerei oder tut Hause, ein fünf Mb nuten langes Wkochen vollkommen genügt, um schad- liche Keime, selbst Tuberkulose-Bazillen, abzutöten, und zugleich die Milch für 24 Stunden haltbar zu machen.

Daß die Perlsuchtbazillen der Rinder-Tuberkulose und die Tuberkulosebazillen der Menschen, trotz ihrer äußeren Aehnlichkeit, verschieden sind, haben Robert Koch und Paul von Baumgarten nachgewiesen. Wer sie sind nahe ver­wandt; sie entstammen einer Urform, die sich nur im Laufe der Zeit dem Menschen- oder Tier-Organismus so angepaßt hat, daß der allmählich veränderte Bazillus bei der ihm fremd gewordenen Spezies schwer haftet.

So kommt es, daß der Mensch durch Milch perlsüch­tiger Kühe bei weitem nicht so häufig infiziert, nicht so stark gefährdet wird, wie man bisher annahm. Dennoch wird man sicherer gehen, wenn man dem Kinde die Milch nicht roh giebt, sondern kurz abgekocht. Denn es kommen doch, wenn auch glücklicherweise selten, Fälle von primärer Darmtuberkulose und von Entwickelung allgemeiner Tuber­kulose aus solcher vor. Da also die Möglichkeit einer In­fektion durch Milch oder Milchprodukte nicht ganz abzu- weisen ist, so thut man gut, auch ferner Vorsicht walten zu lassen. Deshalb werden auch die Medizinalbehörden sich noch nicht veranlaßt fühlen, die gesundheitspolizeiliche Ueberwachung der Milch und des Molkereiwesens wieder aufzugeben.

Großartig sind, gerade dank jener Ueberwachung, die Fortschritte des modernen Molkereiwesens. Das Milchvieh wird tierärztlich besser kontrolliert. Reagiert es auf Tuber­kulin-Einspritzung, so wird es, als verdächtig, von der Milch^- produktion ausgeschlossen. Mau hält auf gut ventilierte, trockene Ställe mit reiner Luft, auf undurchlässigen, leicht abfallenden Fußboden. Man beseitigt die Fliegen, diese gefährlichen Zwischenträger von Krankheitskeimen, durch sinnreicheFänger". Man striegelt die Kühe vor dem Mel­ken, widmet dem Euter der Kühe, beit Händen des Melkers!, ben Gefäßen usw. größere Sorgfalt, peinlichere Sauberkeit. Soxhlet hat uns bie Gefahren des von Exkrementen und Futterpartikelchen herrüyrenden Stallschmutzes für die Milch unb bas Kind so eindringlich vorgeführt, baß wir die in der Verunreinigung liegende Gefahr furchten gelernt haben. Sterilisierbare Siebe, Zentrifugen usw. entfernen jetzt den Schinutz aus der Milch, ehe ste ins Publikum