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Liebe, nein, nur ihr Liickenbüßer. Prüfe Dich selbst, Ottilie, und dann sage, ob ich Recht habe oder nicht."
Wie eine Last wälzte er es sich von der Seele. Es war nicht nur eine Brücke, die er ihr baute, sondern, wie er jetzt von der Vergangenheit sprach, so erschien sie ihm auch. Nur Eine hatte er in seinem Leben geliebt — Bell.
Ottilie stand auf.
„Nein", ries sie ihm heiser ins G-esicht, „nein, nein!" „Ottilie!"
Und mit vor Leidenschaft bebender Stimme, alles vergessend, fuhr sie fort: „Ich liebe Dich! Hörst Du, ich liebe Dich, und ich lasse Dich ihr nicht — ihr nicht!"
„Ottilie, das ist nicht Liebe, das ist Eifersucht, das ist Neid!"
Wie sie sich selbst vergaß, so vergaß er nun auch sich.
„Neid, ja!! Nenne es, wie Du willst. Du siehst, ich schäme mich nicht mehr. Ich lasse Dich ihr nicht, ich lasse Dich ihr nicht. Ich — ich habe Euch zusammengebracht- Ich — ich habe sie Dir gegeben. Und ich — ich kann sie Dir auch wieder entreißen."
Wild funkelten ihre Augen ihn an, in Rachsucht, in Triumph, in Wahnsinn.
An was erinnerte sie ihn? Und alles Mitleid, das er mit ihr gefühlt hatte, war in diesem Augenblick aus seinem Herzen verschwunden. Er hätte sie von sich stoßen können-
„Du hast sie mir gegeben — ja! Aber erinnere mich nicht daran. Du erinnerst mich an die Lüge, an das Verbrechen, zu dem Du mich gegen sie angestiftet hast."
„Ein Verbrechen!" schrie sie ihm mit unterdrückter Stimme zu, denn sie vergaßen beide nicht, daß sie belauscht werden konnten, und nun erglänzte ihr Gesicht in einer dämonischen Freude. — „So also nennst Du es selbst." Dann reckte sie sich hoch auf. „Ein Wort von wir, und sie erfährt dieses Verbrechen."
„Ottilie, Du bist nicht bei Vernunft. Du weißt nicht mehr, was Du sprichst!"
Sie sah seinen Schrecken, seine Furcht, seine Angst,
„Zitterst Du jetzt?"
Und ihr Ton sank wieder zur Bitte, zur flehenden Zärtlichkeit. Alles, auch ihre fortgeworfene Weiblichkeit, ihre jetzt von ihm verschmähte Liebe, alles war gleichgiltig — wenn er nur nicht das Eigentum der anderen wurde.
„Verlaß sie", bat sie, „hörst Du, Herwarth, verlaß sie, und ich schweige. Du wirst sie vergessen, Du wirst mich von neuem lieben lernen, ich will Dich glücklich machen. Noch ist sie nicht hier, noch hat sie mich nicht gesehen, Deine Koffer sind gepackt, Du reisest mit mir!"
Er fragte sich, ob er es nicht wirklich mit einer Wahnsinnigen §11 thun hatte. Jedenfalls mußte dieser Auftritt ein Ende nehmen. Bell konnte in jedem Augenblick mit ihrer Toilette fertig sein, dann würde sie ihn suchen, dann ihn hier mit ihr finden.
„Wir haben uns nichts mehr zu sagen!" sprach er, ,,Ie6e wohl!"
Er ging.
Sie klammerte sich an ihn fest
„Herwarth!"
Er riß sich von ihr los.
In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet.
Bell stand vor ihnen beiden — im Reifekleid.
Sie hatte sich gewundert, wo er blieb. Erst der Kellner sagte es ihr. Auch von der Dame hatte er ihr gesprochen.
„Ottilie!" rief Bell.
Ihre Ueberraschung verstummte.
Eie sah Ottiliens Trauerkleid.
„Ottilie! — Dein Mann! — Er ist tot !<'
„Ja, er ist tot!"
Sie lief es ihr zu in einem Tone, der kein Schmerz mehr, kein Trauern war.
Bell blickte nach Herwarth.
Er wandte ihr nicht fein'Gesicht zu.
„Ottilie", sprach ■ sie erschüttert.
Aber vergebens, daß sie der Freundin ihre Hand entgegenstreckte. Ottilie nahm sie nicht.
„Bedaure mich nicht, Bell", erwiderte sie kalt, schneidend, mit einem eisigen, höhnvollen Blick. — „Daß er gestorben ist, das ist das Wenigste!"
Bell fühlte ihren Arm erfaßt — von ihm.
„Komm mit mir", sagte er, „hör' sie nicht an/< .Aber sie blieb stehen.
„Es ist zwischen Euch etwas geschehen. Ich will es wissen."
Es war ihr, als stünde ihr plötzlich das Herz still, als wüßte sie schon, was ihr diese Frau jetzt zu erwidern hätte.
„Und Du sollst es wissen", zischte ihr Ottilie jetzt zu, indem sie dicht vor sie hintrat. „Bell, ich hasse Dich und deshalb habe ich kein Mitleid mit Dir. Du bist sein Weib geworden. Du denkst, weil er Dich liebte- Nein, Bell! Nur weil Du reich bist. Damals, als eq um Dich warb, hatte er sein Vermögen eingebüßt. Um in seiner Stellung zu bleiben, brauchte er eine reiche Frau. Du dachtest, er wüßte nichts von Deinem Reichtum. Du fragtest muh darüber. Ich habe Dich damals belogen- Ich selber habe Dich an ihn verraten. Denn, Bell, ich liebte ihn im Innersten meines Herzens selbst und ich mußte ein Mittel finden, ihn zu retten. Ich kam hierher, weil ich nun frei bin — Hermann ist tot. Nichts hätte meiner Liebe, meiner Verbindung mit ihm nun im Wege gestanden — nur Du — Du hast ihn mir geraubt. Nun weißt Du es. Es ist für Dich mein Hochzeitsgeschenk- Leb' wohl!"
Sie rauschte hinaus.
Sie waren Beide allein.
In dem kleinen Saale war es ganz still, nur die Fliegen summten um den Tisch. Durch die hohen, mit schweren, durchsichtigen Vorhängen verhüllten Fenstern, hinter denen der Hotelgarten lag, glitt bis hinüber zu dem großen, schweren, eichenen Buffet ein dreikantiger, aus Milliarden Stäbchen bestehender Streif der Nachmit- tagssonne und munter hörte mau jetzt von dem großen Kastanienbaume, der vor dem Mittelfenster stand, die Spatzen zwitschern.
Bell stand, mit dem Arm die Lehne umschlingend, an einem hohen Sessel.
„Bell!" flüsterte er, an sie herantretend.
Er konnte nicht ihr Gesicht sehen, denn es war nach der anderen Wand gerichtet.
„Sage", klang es endlich von ihren Lippen in einem fremden Ton, „sage, daß sie gelogen hat."
Er konnte es nicht.
„Bell", sprach er, „hör' mich an' Sie stöhnte in sich hinein.
„Es ist wahr! Es ist wahr!"
lieber ihre Schultern lief ein Zittern, wie ein Schauder vor seiner Berührnng. Er sah es- Er sah auch, daß alles verloren war.
„Bell", begann er von neuem, „was ich Dir sagen muß, das soll keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung für mich sein. Du verachtest mich nicht tiefer, als ich mich selbst verachte. Du siehst, Du hast mich nicht zu fürchten- Ich rühre Dich nicht an — nicht den Saum Deines Kleides. Ja,' Bell, ich habe Dich betrogen, aber ich kannte Dich ja nicht, ich wußte ja nicht, was ich that. Einem reichen Mädchen die Komödie Vorspielen, daß man nicht um ihres Reichtums, sondern um ihrer selbst willen wirbt — das war schließlich etwas Gewöhnliches und alle Welt findet es in der Ordnung. Nicht das, Bell, kann mein Verbrechen fein. Aber dieses Mädchen warst Du. Das macht es erst dazu."
Tie Stimme versagte ihm. Dann fuhr er fort, überströmenden Herzens, und sie hörte ihn nun ganz dicht hinter sich:
„Tenn jetzt, jetzt liebe ich Dich Bell. Ich liebe Dich ! Das schwöre ich Dir!"
Sie lachte gellend auf.
„'Er schwört!"
Es war ein Lachen, vor dem alle seine Beteuerungen zusammensplitterten.
„Tu glaubst mir nicht mehr", sprach er weiter, „darauf hast Tu ein Recht- Bell, ich frage mich, was ich thun kann, nicht, um Dich zu versöhnen, nein, um Dich von meiner Liebe zu überzeugen. Hier stehe ich und erwarte, was Du beschließen wirst. Ich unterwerfe mich Dir."
Sie richtete sich auf — sie wandte sich jetzt zu ihm um.
Ihr Gesicht lvar wie verwandelt. Wie weißer Marmor sah es aus — so weiß und so hart und so schön.
Ja, — er zeigte ihr den Weg aus ihrer Sch,mach
„Was ich beschließen werdet, sprach sie, „und das wirst
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„Ja."


