Ausgabe 
18.8.1902
 
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Momag den 18. August.

1902. Nr. 122.

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(Nachdruck verboten.)

Miß Cookson aus New-Jork.

Won Heinrich Lee.

(Fortsetzung.)

War das das einzige, was er ihr in diesem Augenblick zu sagen hatte? Begriff er das Geschehene nicht?

Bell! Wo ist sie?" kam es über ihre Lippen.

Sie kleidet sich noch an."

So ruhig, so gelassen konnte er bleiben. Ja, war ihm nun nicht alles klar?

Ich muß mit Dir allein sein", flüsterte sie,ganz allein. Sind wir hier ungestört?"

Ich denke doch.' Komm, setze Dich, Du bist, sehr erregt. Du wirst noch von der Reise angegriffen sein. Ich werde Dir ein Glas Wein eingießen."

Er wollte sie zu einem Stuhl führen, sie aber blieb vor ihm stehen.

Ich bin nicht müde, ich bin nicht erregt", erwiderte sie,ich verstehe nur Deine" Ruhe nicht. Ja, begreifst Du denn nicht? Herwarth, ich bin jetzt frei! Soll ich Dir sagen, warum ich ihn so rasch begrub? Willst Du die Wahrheit wissen? Weil ich Eile hatte. Eile, zu Dir zu kommen, bevor es zu spät war. Herwarth, verstehst Du es jetzt?"

Ja, jetzt verstand er sie, und was ihm ihre Worte nicht sagten, das rief ihm der Ton ihrer Leidenschaft zu. Von dem frischen Grabe kam sie hierher ins Hochzeitshaus, in der Hoffnung, daß seine Vermählung noch nicht vollzogen war, in der Hoffnung, nun Bells Stelle einzunehmen, wohl­verstanden nach Ablauf ihres Trauerjahres. Und war sie nicht in ihrem Recht? Hatte er ihr die Wandlung seines Herzens bisher nicht verborgen? Muhte sie nicht glauben, daß es ihr immer noch ungeteilt gehörte wie einst und daß er zu dieser Heirat nur geschritten war, um Bells Geldes wegen? Die ganze Wahrheit ihr sagen? Daß er Bell jetzt liebte, sie ganz allein? Fehlte ihm denn der Mut dazu? Es fehlte ihm der Mut dazu, brutal gegen sie zu sein. Noch? Konnte er sie schonen.

Ottilie", sagte er sanft,wenn Du es noch nicht weißt, Meine Verbindung mit Bell ist vollzogen. (£§' ist zu spät."

Aber das wußte sie ja, daß die Vermählung stattge- fundeu hätte.

Herwarth", flüsterte sie außer sich, ohne auf seine Ant­wort zu achten,wäre ich nur deshalb frei für Dich! und Mich, daß uns meine Freiheit nun zu einem Hohn der Hölle Wird? Herwarth, so gebe ich Dich, so gebest wir Beide uns sticht auf so nicht 1"

Was wollte sie noch?

Ottilie, jetzt verstehe ich! Dich allerdings nicht mehr. Was kann denn stoch geschehen?"

Was noch geschehest kann? Siehst Du es sticht?"

Sie faßte ihn bei hethest Händctt. - 1

Auch Du mußt Deine Freiheit von ihr zurückerhalten!"j Sie kam ihm vor wie eine Fieberkranke.

Wie meinst Du das?"

Es wird sich ein Grund, ein Mittel finden lassen, daß Deine Ehe mit ihr rückgängig gemacht wird, daß ihr ge­schieden werdet."

Also das war es, auf was sie steuerte.

Das kann nicht Dein Ernst sein", antwortete er.

Warum nicht?" fragte sie erstaunt.

Sie erriet ihn noch nicht.

Weil eine Scheidung einen Skandal bedeuten würde. Abgesehen von allem Anderen. Denk' doch nur an meine Stellung."

Deine Stellung!"

Sie starrte ihn an.

Du sprichst von Deiner Stellung und ich ich spreche von unserer Liebe.--Oder liebst Du mich nicht mehr *?"-

Endlich kam es über ihre Lippen. Plötzlich, tonlos, wie ein Hauch,

Ottilie", erwiderte er, denn er sah', daß sich die Wahr­heit nun nicht mehr bannen ließ,'ich! muß Dir etwas offenbaren. Immer ist zwischen uns Ehrlichkeit gewesen-! Bell habe ich belogen, Dich will ich nicht belügen. Ottilie, ich liebe Bell!"

Es war, als flog eine Kugel in ihr Herz. Sie taumelte, er umfing sie und ließ sie auf den Stuhl uiedergleiten.

Ja, Ottilie", fuhr er nun mit starker Stimme fort, ich liebe Bell. Ich liebe sie mit meinem ganzen Herzen, mit allen meinen Sinnen. Aus voller Seele liebe ich sie, Es ist wahr, damals, Du weißt es, empfand ich den Ge­danken, sie' meine Frau einst zu nennen, wie ein Opfer, mit dem ich mein ferneres Leben erkaufte. Ich kanstte sie ja nicht. Ich betrog sie ich wollte ihr Liebe heucheln-! Nun, Ottilie, hat sich, in mir der Betrug 'zur Wahrheit ge- wandelt. Jetzt liebe ich sie und ich gebe sie nicht mehr her, um keinen Preis der Welt."

Seine Worte rauschten in ihr Ohr und sie betäubtest sie. Die Sinne wollten ihr vergehen.

Und ich?" brachte sie endlich hervor,mich hast Du vergessen?"

Alles Schlimme gegen sie schwieg jetzt bei ihrem An­blick in ihm. Er dachte nur noch ihrer alten Neigung zu einander.

Dich vergessen, Ottilie!" sagte er.Ich glaube nur, wir haben unsere einstige Empfindung für einander über­haupt verkannt ich sowohl wie Du. Ueberlege Dir doch alles. Ich! war Primaner, da schwärmte ich für Dich. und Du, ein halbreifer Backfisch, Du hattest natürlich, ast weinen Huldigungen Dein Vergnügen. Dann wurden wir getrennt, und Du, Du heiratetest. Nach langen Jährest sahen wir uns wieder. Hermann wär Dein Mtte nur noch dem Namen stach und ich >- ich brachte nach detf Heimat ein teer gewordenes HerL Oie Erinnerung ast Misere Jugend wär es, die Macht Wer uns. MM sticht