Ausgabe 
18.7.1902
 
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bet. Komm, Ludolf, Du mußt geben", gab die Kommer- zienrätin das Zeichen zum Aufbruch!.

Ein stürmisches Stuhlrücken folgte. Die alten Herr­schaften zogen sich in das Gartenzimmer an den Spiel­tisch zurück, das Ehepaar Stroppa ging Arm in Arm nach dem Gartenhaus im Park. Der Maler brachte dort den größten Teil des Tages auf einem Faullenzer zu, Zigaretten rauchend, während seine Frau ihm die Mücken und Fliegen wegjagte, ihm die Zeitung vorlas und kühlende Getränke herbeiholte.

Die Jugend hielt eine kurze Konferenz, um den Schlachtplan für den Rest des Tages zu entwerfen.

Wie ist's mit einem Stamm Kegel? Natta und Otti, habt Ihr Lust?" fragte Fritz, der Primaner.

Otti rümpfte ihr pikantes Stumpfnäschen mit Som­merflecken und warf einen ausdrucksvollen Blick auf Arnolds den Banklehrling. Natta schwankte und sah sich nach Alma um.

Kommen Sie, Fräulein Otti, wir angeln", entschied Arnold, woraus das Paar sehr vergnügt und einig die Treppe in den Park hinunterging.

Die übrigen jungen Leute entschieden sich endlich für kegeln, und Natta schloß sich zögernd an.

Herr von Löschnitz, war unterdessen zu Alma auf die Veranda getreten. Gr hatte sich einigermaßen verändert seit jenem Wend in Leipzig, als er Camill Stauffeu bei Meckerlein seine Herzenstragödie offenbarte und als ein Schiffbrüchiger von diesem Abschied nahm.

Der Schicksalswechsel hat aus dem Unterliegenden, tim Leben Verzagenden, wieder einen selbstbewußten, genuß­frohen Menschen gemacht. Sein Aeußeres war männlicher, reifer und stattlicher geworden, er sah sehr gut aus, in dem leichten Zivil des Landjunkers, und die Spuren der dunklen Geschicke und des abenteuerlichen Lebens der letzten Jahre, gaben seinen hübschen, feinen Zügen jenen verwegenen, rücksichtslosen Ausdruck, den Damen gewöhn­lich an Männern interessant finden.

Er zog seinen Stuhl neben den Almas, nachdem er Hut und Gerte auf den Tisch geworfen hatte, und während die Hausfrau ihn mit Kaffee bewirtete, vertieften sich beide in ein eifriges, halblautes Gespräch.

Sie waren jetzt ganz allein unter dem Zeltdach an der leeren Kaffeetafel, hinter den blühenden Topfgewächsen auf der Steinbalustrade.

(Fortsetzung folgt.)

Leiden und Freuden eines Provinz-Redakteurs.

(Düsseldorfer Erinnerungen von Paul Liuda u.*)

Meine publizistische Thätigkeit in Düsseldorf bestand nicht nur in kühnen Streifzügen aus das Gebiet der hohen Politik. Ich brauchte das garstige Lied, das politische Lied, nicht zu meinem ausschließlichen Studium zu machen. Ftir die politischen Bedürfnisse der Mitbürger sorgten aus­reichend die imposante Nachbarin aus Köln und die Rhei­nische Zeitung. Ich brauchte es nicht, und ich durfte es auch nicht, denn ich hatte viel mehr zu thun. Ich mußte über Wahlversammlungen, über besonders interessante Gerichts­verhandlungen, über Bilderausstellungen, Schach!- und Fach- kongresse, musikalische und dramatische Aufführungen lange Berichte schreiben, lokale Mißstände bekämpfen und in farben­reichem Stile verheerende Brände, augeschwemmte Wasser­leichen und dergleichen schildern. Und das hübscheste dabei war: ich war von allem so überzeugt! Ernsthafter nahm ntid). kein Mensch als ich mich. Mer so gescheit war ich denn doch schon in meinen jüngsten Jahren, daß ich bald bemerkte, wie meine Aufsätze über die großen Fragen in Staat, Kirche und Gesellschaft weit weniger Eindruck machten, als die harmlosesten Besprechungen mittelmäßiger schM- spielerischer Leistungen, meine polemischen Ausfälle gegen ungenügende Straßenreinigung und dergleichen. Auf diesem bescheidenen Gebiete erwuchs mir auch mein erster journa­listischer Erfolg. Es war wirklich ein großer lokaler Erfolg.

*) Wir entnehmen diese Plauderei des geistvollen Cau­seurs der Düsseldorfer Ausstellungs-Woche, wo Paul Lindau zur Zett eine Reihe von fesselnden Erinnerungen an die rheinische Kunststadt veröffentlicht, von der aus er seine publizistische Laufbahn begann. D. Red.)

Unsere Redaktion lag in der Grabenstraße, in nächster Nachbarschaft der schönen Kustanien-Allee und des großen weniger schönen Exerzierplatzes. Ich hatte seit kaum vierzehn Tagen vom Sessel und Pult des Redakteurs Besitz ergriffen, als sich eines Morgens eine unbeschreibliche Katzenmusik vernehmen ließ. In unwahrscheinlichen Höhenlagen wurde gepfiffen, schauderhaft unreine Bläsereien aus Blechinstru­menten, die wohl schrecklich verstimmt sein mußten, klangen barbarisch durch den lieblichen Frühlingsmorgen, und da­runter rasselte es vom Kälbleder,was nur die Möglichkeit war. In äußerster Bestürzung blies ich durch das Sprachrohr, und der brave Faktor Courth stürzte herbei.Um Gvtteswillen", fragte ich,was ist denn da los?"

Nach einer Kunstpause versetzte er:Das werden wohl die Spielleute sein, die sich auf dem Exerzierplätze üben."

Aber dabei kann doch kein Mensch arbeiten. Das ist doch einfach entsetzlich! Kommt denn das öfter vor?"

Ab und an", entgegnete Courth ruhig.

Wer hat denn das angeordnet?" fragte ich iveiter.

Wahrscheinlich Generalleutnant Graf Monts."

Den kenne ich nicht, aber ich kenne den Oberbürger­meister Hammers, itnb ich denke, ein Oberbürgermeister kann alles. An den schreibe ich"

Es war mir nicht möglich, bei dein Höllenlärm einen klaren Gedanken zu fassen, und wie es in solchen Fällen öfter geschieht, fing ich an zu dichten. Am selbigen Mittag lasen die Abonnenten der Düsseldorfer Zeitung die nach­stehende Epistel an das Haupt der Stadt:

Im wunderschönen Monat Mai.

Ach, Herr Oberbürgermeister, Ach, beschjwicht'gen Sie die Geister Dieser trommelnden Soldaten, Die sogar auch tuten thaten!

Ich bin ein Kolleg' von Goethe, Dichte, singe, bin Poete.

Wohne unter den Kastanien, Ach, ich wollt', ich wär von bannten! Ach, ich wollt', ich wär von bannten! In Galizien oder Spanien, Nur nicht hier, wo die Soldaten Trommeln stets und tuten thaten!

Unser Haus, das so gemütlich, Uns're Gegend, die so friedlich Sind ja durch die Solidsten In die größte Not geraten!

Meine Frau, sie ringt die Hände, Ich renn' mit dem Kops die Wände. Nichts fann uns're Lage schlimmern, Denn die Hunde selbst, sie wimmern. Auch ich liebe die Rekruten. Nur sie dürfen nicht so tuten. Und ich liebe die Soldaten, Wenn sie nur nicht tuten thaten.

Wem: der Lärm noch länger dauert, Der mein Leben so versauert, Wird die Mus' mich ganz verlassen, Kann mich dann begraben lassen.

Drum, Herr Oberbürgermeister, O, beschwicht'gen Sie die Geister Dieser trommelnden Soldaten, Die sogar auch tuten thaten.

Die Dichtung fand großen Anklang; denn die Mut über die erbarmungslosen Ruhestörer inmitten der Stadj ivar allgemein, aber die erivünschte Wirkung blieb doch aus. Am andern Morgen wiederholte sich der Spaß mit unerbitt­lichem Ungestüme. Ich griff wieder in die Leier und schrieb kurz und bitter:

Unsre freundlichen Rekruten, Unsre herzlichen Soldaten, Ach sie thaten heute tuten, Wie sie gestern tuten thaten!

Abermals allgemeine Freude in der ganzen Stadt. I. der folgenden Nummer brachte ich ein halbes Dutzend frei­williger Beiträge, bi'e mir namentlich aus Malerkreisen zu- gcgangen waren. Ich pausierte also einen Tag, um am nächsten, es war ein Sonntag, wiederum mein Sieb er­schallen zu lassen: