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Drei männliche Mitglieder seiner Familie starben eines plötzlichen Todes, wodurch er in den Besitz eines Gutes und nicht unbedeutenden Barvermögens kam, und über Nacht vom Kommis eines Tabakgeschäftes in Atlanta zum wohlhabenden Großgrundbesitzer seiner Heimat avancierte.
Sein Gut, Heinrichshof in Ostpreußen, war verpachtet, doch da er beabsichtigte, es nach Ablauf des Pachtkoutrakts in einigen Jahren selbst zu bewirtschaften, gab er sich einstweilen dem Studium der Landwirtschaft hin.
Paul Lehmigke hatte zuerst wenig Lust gezeigt, Herrn von Löschwitz als Volontär in Brantikow aufzunehmen, trotzdem dieser eine außergewöhnlich hohe Summe für die Lehrzeit bot. Endlich gab er der dringenden Befürwortung seiner Schwiegermutter und dem Zureden seiner Frau nach. @r wußte wohl, daß nicht nur Gewinnsucht, sondern auch Eitelkeit die Damen zu diesem Schritt trieb.
Herr von Löschwitz als Aristokrat und durch seine Erbschaft zu einiger Bedeutung in der besten Gesellschaft gelangt, war es der Mühe wert, daß man ihn protegierte. Er würde ein Bindeglied zwischen Brantikow und der immer noch etwas spröden adligen Nachbarschaft abaeben, und die Anziehungskraft der Brantikolver Gesellschaft _erhöhen.
Diese Gründe hätte Paul Lehmigke noch vor wenigen Jahren ganz sicher veranlaßt, ihm sein Haus zu verschließen, aber er war seit einiger Zeit gleichgiltiger und toleranter gegen die Schwächen seiner Frau geworden. Er war froh, wenn sie Unterhaltung und Befriedigung auf ihre Weit - und und ihn nicht belästigte.
Er wußte, daß sie über ihren Vergnügungen nie ihren Haushalt vernachlässigte oder ihren materiellen Vorteil unberücksichtigt ließ _ Sie besah so viel Scharfsicht und körperliche, unverwüstliche Ausdauer, um neben dem unruhigsten geselligen Leben ihre Wirtschaft bis ins kleinste am Schnürchen zu halten, und mit dem kleinen Finger zu regieren.
Seit einigen Tagen herrschte eine angenehme Aufregung im Brautikower Hause. Alma wollte eine Art Bal champötre geben, und in Anbetracht der Abwesenheit des Hausherrn sollte nur Jugend geladen werden, einige unverheiratete Offiziere und junge Damen aus der Nachbarschaft.
Herr von Löschnitz lvar mit den Einladungen für die Damen von Haus zu Haus geritten, und Alma hatte sich nicht verrechnet in der Voraussetzung, daß keine Mutter einer heiratsfähigen Tochter ihm einen Korb für ihr Gartenfest geben würde.
Man saß eben beim Nachmittagskaffee, der bei dem warmen Sommerwetter auf der Veranda unter einem Zeltdach von rotgestreiftem Segeltuch genommen wurde, und entwarf den Plan. Alma und Herr Stroppa, der Maler, führten das Wort.
„Also erst Spiele im Garten, dazu Bowle und Gis", sagte Alma, die vor der Wiener Kaffeemaschine saß, und eben die weiße mit Brillantringen beladene Hand nach Onkel Toms Tasse ausstreckte.
„Tanzen, tanzen!" riefen die jungen Vettern im Chor.
Herr Carlo Stroppa, der eigentlich Carl Stropp hieß, aber durchaus von einer Mailänder Familie abstammen wollte, winkte Ruhe. Das ist Nebensache, meine Herren. Es liegt nicht in der Absicht unserer schönen Wirtin, daß wir Bauern zur Tag und Nacht den Rasen zerstampfen. Wir haben höhere Genüsse in petto."
„Die Erdbeerbowle braue ich, ich stimme ebenfalls ftir,höhere Genüsse'," siel Onkel Tom ein. „Nehmen wir Rüdesheimer oder Niersteiner, liebe Alma?"
„Onkelchen, ich dachte Mosel thut's auch für die jungen Leute. Dir weißt, Paul hat guten Zeltinger int Keller."
Onkel Tom machte ein saures Gesicht.
„Was die Tableaus betrifft", sprach der Maler dazwischen, „so brauche ich zweierlei, um einen Effekt zu erzielen. Ein erhöhtes Podium mit Hintergrund und Beleuchtung."
„Natürlich", rief Frau Kommerzienrat Janisch, „Du weißt, liebe Alma, wie es bei Meyers in Leipzig gemacht wurde. Großartig, einfach großartig. Bengalische Beleuchtung und die ganze Orangerie als Hintergrund."!
„Das Feuerwerk besorgen wir", riefen die Jünglinge von der lustigsten Tischecke herauf, wo sehr viel gekichert
und geschwatzt, und ungezählte Tassen Kaffee geleert wurden.
„Carlo, liebes Herz", säuselte Frau Stroppa, indem sie ihren breitschultrigen, robusten Gatten ängstlich ansah, „iß nicht so viel von dem schweren Napfkuchen, Du bekommest Sodbrennen. Nimm doch lieber eine Honig- semmel, das ist so gesund. Darf ich sie Dir streichen, mein Engel?"
Der Engel brummte etwas von „Kinderei", aß aber doch die Honigsemmel und forderte eine zweite.
„Das Podium und alles Nötige zu den Tableaus sollst Du natürlich haben, lieber Carlo", sagte Alma, „ich werde heute noch deswegen mit Herrn von Löschnitz konferieren."
„Wo ist denn Herr von Löschnitz^, ivarum ist er nicht hier?" riefen die jungen Damen herauf.
„Er hat itatürlich in der Wirtschaft zu thun. Du weißt doch, Natta, daß er nicht zu seinem Bergnügeir hier ist", wandte sich Alma an eines der jungen Mädchen, als hätte nur dieses allein gesprochen. Ihre Stimme klang jedes Mal scharf Ivie Messerklingen, wenn sie den Namen „Natta" aussprach.
Natta, die eigentlich Natalie Lohmann hieß, war nicht Gast in Brantikow, sondern auf unbestimmte Zeit dort ausgenommen, zur Unterstützung der Hausfrau bei ihren Geschäften. Sie war ein ganz armes Mädchen, die Tochter einer verstorbenen Schwester Paul Lehmigkes, deren Mann sein ganzes Vermögen einer unseligen Spielwut geopfert hatte.
Natta war schön, die Schönste unter ihren Altersgenossen, vielleicht die Schönste im ganzen Kreise, wenn auch noch etwas mager und unreif, aber Alma hatte für arme abhängige Mädchen kein Herz. Sie ließ Natta bei jeder Gelegenheit ihre traurige Lage fühlen.
„Meinst Du nicht auch, liebe Alma, daß wir Natta die Rolle der Wasserfee übertragen?" fragte der Maler, indem er das junge Mädchen mit kritischen Blicken betrachtete, das heute in einem einfachen, etwas verwaschenen blassen Kattunkleidchen mit seinen rabenschwarzen Zöpfen ganz reizend aussah.
„Unsinn", platzte Alma nicht sehr höflich hinaus, „Natta hat kein Geld zit dem teuren Kostüm. Sie hat auch viel zu dünne Arme, um dekolletiert zu gehen."
„Aber Carlo, wo hast Du Deine Augen?" rief Frau Stroppa mit einem hellen Auflachen, „zur Wafserfee eignet sich doch niemand anders als Alma mit ihrem wundervollen Nixenhaar und ihrer Alabasterhaut?"
„Freilich, freilich — ich dachte nur, es würde unserer liebelt Cousine zu viel — erst die Rolle der Zauberin, und dann noch —"
„O, Alma ist immer bereit, sich zu opfern."
„Alma must Sie wird nicht gefragt", riesen die alten Damen im Chor, und Frau Stroppa sagte mit begeistertem Augenaufschlag — sie war immer in Ekstase, wenn sie von den Schöpfungen ihres Mannes sprach — „denke nur, süßes Herz, welch ein Vorwurf für Deinen Pinsel! Alma als Melusine!"
„Natürlich unbezahlbar!" murmelte das süße Herz, und griff wieder nach dem gefährlichen Napfkuchen.
„Aber, Schatz, Du wirst doch nicht? Ich bitte Dich, Alma, nimm ihm den Kuchen weg. Ich sehe das Bild schon vor Augen — Waldesschatten — plein air-Beleuch- tuug —"
„Unbestimmtes Dämmerlicht — Halbdunkel — Märchenstimmung —" ergänzte Carlo Stroppa, indem er mit der Hand durch seinen blonden Haarbusch fuhr.
„Mer Kinder, denkt an unser Fest! Zum Malen ist später noch Zeit", rief Alma, die dem Maler einen Klaps auf die Hand gegeben, und den Kuchen weggenommen hatte, wofür sie ihm eine Flasche feinen Siqeitr zuschob, die Onkel Tom ganz mit Beschlag belegt hatte.
Und nun drehte sich die Unterhaltung wieder um die Tableaus, um die Wahl des Tanzplatzes im Park, um das Menü zur Wendtafel und ob man auf der Terrasse ein Büffet decken oder im Saal soupieren solle.
„Ah, da kommt Herr von Löschnitz wie gerufen. Ich muh das weitere mit ihm besprechen", sagte Alma, als Schritte auf dem Gartenkies knirschten und gleich darauf die hohe, schlanke Gestalt des Volontärs auf der Treppe erschien.
„Also das weitere überlassen wir Euch. Kömmt, Kiu-


