Freitag den 18. Juli.
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E iy02. — Nr. 105.
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(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Es war beschlossen, daß der folgende Dag bereits dem Ernst der Arbeit gewidmet werden sollte, Paul Lehmigke wollte die Schwestern selbst in ihre neue Thätigkeit einführen, und so genoß man den heutigen Abend noch als Ferienzeit.
Wer den Hausherrn in den letzten Jahren in dem schweigsamen verschlossenen Ernst seiner rastlosen Thätig- kett gesehen hatte, der würde ihn in diesen Stunden kaum wiedererrennen. Es war wie ein Ausvuhen über ihn gekommen, das die starre Energie seines Wesens und den eisernen Willen seiner Thatkraft endlich einmal in Wohlsein und Lebensfreude löste. Ja, er lachte sogar manchmal laut und Herzlich, er neckte tzulde und redete ihr vor, der Postbote käme nur jede Woche einmal nach Kienberg, sie könne nur alle acht Tage Grüße mit ihrem Verlobten austauschen, und auch für Traute hatte er allerlei kleine Neckereien, die fast an Uebermut streiften.
Selbst Frau Velten, die den Tag über an Kopfweh gelitten, wurde ganz warm und herzlich gegen ihn, als sie ihn in den Abendstunden näher kennen lernte, denn ihre Gesinnung war viel zu liebenswürdig, um ein äußerliches Vorurteil festzuhalten, wenn ihre Einsicht sie eines Bessern
Bis in die Mitternachtsstunde hinein saß man unser dem Nußbaum beisammen, und Paul und Traute schien der Gesprächsstoff gar nicht auszugehen. Nur einmal schwiegen beide lange still und horchten auf. Die Nacht war schon da mit ihren schwarzen Schatten, die sich gegen das flimmernde Lampenlicht auf die Veranda zur Finsternis vertieften, als die Ziehharmonika mit ihrer wehmütigen Lustigkeit das Lied von der heimlichen Liebe an- sklmmte. tvas altbekannte Lied, das in Leipzig eine Zeitlang jeder Leierkasten gespielt hatte, und das dann ebenso schnell vergessen und verklungen war. Es weckte allerlei Erinnerungen und Bilder.
Traute lehnte das Haupt in müder Träumerei an den rankenumschlungenen Pfeiler, nnd ihre Augen suchten die fernste Finsternis. Mit einem Aufseufzen schreckte sie endlich aus ihrer Selbstvergessenheit auf, und den Kopf wendend, begegnete sie Paul Lehmtgkes Blick. Sie erschrak vor der stummen und doch so beredten Frage, die darin geschrieben stand mit dem Ausdruck von Seelenqual. Abest im nächsten Augenblick spielte die Ziehharmonika „Du bist verrückt, mein Kind", das Gespräch kam wieder in Fluß und her Schreck verflog wie ein Schatten. Es war wohl nup Unbildung gewesen, sagte sie sicht
Nnd als Lehmigke Traute wieder lachen, hörte, sägte
erst Impressionist gewesen und zum Symbolismus.
er sich: Es war wohl nur Einbildung gewesen, daß däH Lied sie plötzlich so blaß und traurig machte, das fatale Lied, das man damals in Leipzig auf dem Eise spielte."
Und mit heiterem und herzlichem Gutenacht trennte man sich endlich nach Mitternacht.
Fünfundzw anzigstes Kapitel.
Während Paul Lehmigke in Kienberg war, hatte Almck in Brantikow das ganze Haus voll Logierbesuch Es machte ihr viel mehr Spaß, von einem größeren Kreis von Vcvi fallen und Basallinnen die Wirtin und Herrin von Bran-, tikow zu spielen, als in die Bäder oder ins Gebirge zu reisen. ' i ;
Ihre Mutter und zwei ältliche Erbtanten bildeten die Garde d'Honneur für sie in Abwesenheit des Gatten und! diese würdigen Damen, die ein Witzbold der Gesellschaft die drei Parzen getauft hatte, leisteten Unglaubliches int Whistspielen, Patiencelegen, Schlafen, Essen und Trinken. Sie hatten ihren ständigen Aufenthalt am Spieltisch- und am Speisetisch und eine von ihnen schnarchte immer in einer Sofaecke, während die beiden andern sich mit Patiencen oder Rabouge beschäftigten.
Den vierten Mann am Whisttisch machte häufig der Bruder der Kommerzienrätin Janisch, ein unverheirateter Mann von einigen sechzig Jahren, der meist für dass große Weingeschäft seines Schwagers in allen Weltteilen gereist war, und von alt und jung Onkel Tom genannt wurde, obgleich er Ludolf Thomas hieß.
Zu Almas Gästen zählten ferner ein junges Ehepaar,- eine Cousine mit sehr viel Geld, die als spätes Mädchen, wie Onkel Tom sagte, einen Künstler ohne Geld geheiratet hatte. Sie war etwas verwachsen, und er war als Maler erst Impressionist gewesen und neigte sehr stark zur Mystik und zum Symbolismus. Alma protegierte ihn, kaufte seine Bilder, ließ sich von ihm malen, und wollte jeden überreden, ihn für den größten Künstler der Gegenwart zu halten. Nebenbei war er der Schoßhund seiner stark verliebten Gattin, die ihn so hätschelte und pflegte, daß er anfing fett zu werden und ein wenig faul.
Den lustigsten Teil dieses Kreises bildeten ein paar unverheiratete Vettern und Cousinen aus der Stadt, haM wüchsige Burschen, von denen der jüngste Primaner und der älteste Lehrling in einem Bankgeschäft war, und die sämtlich von den routinierten Stadtdamen in der höheren Kunst des Flirt unterwiesen wurden.
Der Reiz und die Vielseitigkeit dieses geselligen Zusammenlebens wurde noch erhöht durch einen jungen Mann, der sich seit einigen Wochen als Volontär in Brantikow aufhielt, um Landwirtschaft und Fabrikwesen !vie Ziegelei zu studieren. Er war ein alter Bekannter der Fannlre Janisch, in deren Hause er als Leutnant verkehrte,, Ms er Schulden halber den Dienst quittierte, und auf euttge Jahre nach Amerika verschwand.
Von dort rief ihn eine unerwartete Erbschaft zurück.


