Ausgabe 
18.6.1902
 
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Wer niemals akademischen Kreisen nahe gestanden yak> ist leicht geneigt, vieles von den in Couleurverbindungen hochgehaltenen Bräuchen für überlebt und der Reform oder gänzlichen Abschaffung wert zu erklären. Auch der­jenige, der als krasser Fuchs und als Bursch selber aus dem schäumenden Becher der Lust hat trinken dürfen, wird, wenn er ein gereifter Philister geworden, sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß auch die Formen des studentischen .Ver­bindungswesens nicht unantastbar sind, das bis aufs I- TApfelchen unverändert sich durch alle Zeiten erhalten nrüsse. Während aber die Zeit mit langsam wirkender und dennoch unwiderstehlicher Gewalt das abschleift, was dem modernen Empfinden widerstreitet, schweift der Blick in jene entfernten Jahrhunderte zurück, als das Wiederaufblühen der Studien nach den finsteren Zeiten des frühen Mittel­alters Tausende von deutschen Jünglingen nach den Uni­versitäten Italiens, vor allen nach Bologna, und nach der Pariser Sorbonne lockte.

Mas sich dort an jungen, genußfrohen und lebens-, freudigen, dabei oft mittellosen Leuten des Auslandes zu­sammendrängte, übertrifft an Zahl bei weitem den Hörer­stand unserer heutigen Riesenuniversitäteu. Fern von der Heimat und ihren natürlichen Hilfsquellen gerieten die im.Vertrauen auf ihren Glücksstern hunderte von Meilen weit Herbeigezogeneu oft in das bitterste Elend, undj mancher deutschen Mutter einziger Sohn, der mit hoch?- fliegenden Hoffnungen gen Süden zog, ist im welschen Lande in der bejammernswertesten Lage verdorben, gestorben. Anderseits machte sich auch das Bedürfnis geltend, den Studiengang zu beaufsichtigen und zu regeln; denn gar mancher'deutscher Scholar, der seine kurze Studienzeit lieber in den Osterien und Trattorien als in den Auditorien zu­gebracht hatte, kehrte schon nach wenigen verbummelten Semestern als völliger Ignorant in seine Heimat zurück, um sich, dort als Lehrer und Gelehrter aufzuspielen.

In der Verfassung und Gliederung, die sich die Univer­sitäten deswegen selber gaben, nimmt einen wichtigen Platz ein die Einteilung der Hörer in Nationen, die sich in Paris schon um das Jahr 1222 findet und von dort auf die deutschen Universitäten (auf Prag im Jahre 1348, auf Leipzig im Jahre 1409) überging. 'Tas gesellschaftliche Bedürfnis und das Gefühl der näheren Zusammengehörigkeit der aus einer bestimmten, enger umgrenzten Gegend stammenden Studenten war die Veranlassung, daß sich in den großen Korporationen der Nationen kleinere Unterabteilungen, die sogenannten Landsmannschaften bildeten, die als die Vor­läufer unserer heutigen Korps zu betrachten sind. Ihre Thätigkeit war allerdings lange Zeit eine sehr beschränkte, weil auf allen deutschen Hochschulen der Pennalismus mit seinen wilden Orgien und ungeheuerlichen Auswüchsen herrschte. Pennäler oder Pennal (so genannt von penna gleich die Feder) hieß der von der Mittelschule frisch auf die Universität gekommene Student, also wie mau heute sagt,der Fuchs".

Er stand zu dem älteren Studenten, dem Schoristen im Verhältnis der tiefsten Abhängigkeit, so wie etwa der Diener zu seinem Herrn, was soweit ging, daß er letzteren nicht nur die niedrigsten Dienste zu leisten hatte, sondern daß der Scholar sogar das Mgeutum des Pennalen als das seimige betrachtete. Unglaubliche Mißhandlungen und De­mütigungen liefen dabei unter, und erst nach einjährigem Pennalkursus erfolgte unter überaus kindischen und rohen Zeremonien die sogenannte Tepositiou, d. h. die Ausnahme des Pennalen unter die Schoristen. Dieser Pennalismus, der, wie Johannes Scherr sich, ausdrückt, das alte deutsche Laster der Trunksucht zur förmlichen Saufkunst ausbildete und sich in zügelloser Rauflust unb Krawallen Luft machte, bei denen man auch vor Mord und Totschlag nicht zurück­schreckte, war eine Spezialität der protestantischen Hoch­schulen Norddeutschlands- gegen die die Reformatoren ver­geblich eiferten, und die nach drakonischen Maßregeln erst um das Ende des 17. Jahrhunderts von der Bildfläche verschwand.

Hiermit war den Landsmannschaften erst die Moguchf- keit gegeben, freier hervorzutreten. Der eigentliche lands- mannschaftliche Charakter, nämlich die Rekrutierung aus bestimmten Bezirken, trat dabei freilich in den Hintergrund, wofür der Zweck des geselligen Lebens und dre strenge Einhaltung gewisser, herkömmlicher Regeln des Komments (besonders hinsichtlich des Begriffs der studentischen Ehre und des Zweikampfs) in die erste Linie rückte. Die Mit-

Korpsstudenten.

Zum 75jährigen Stiftungsfest des Bonner Korps Borussia. 18. Juni 1902.

.Bon Tr. Otto R e i in e r s.

Nachdruck verboten.

Der festlichen Enthüllung des Burschenschaftsdcnkmals, die in den verflossenen Pfingsttagen auf der Göpelskuppe bei Eisenach- gegenüber der Wartburg, erfolgt ist, reiht sich schon wenige Wochen später eine Feierlichkeit studenti- schen Charakters an, die sich zwar auf einen bei weitem nicht so umfangreichen Kreis ehemaliger und jetziger aka­demischer Bürger bezieht wie jene, durch die Persönlichkeiten der Teilnehmer jedoch das allgemeine Interesse in nicht geringerem Maße auf sich lenkt.

Am 18. Juni begeht das Bonner Korps Borussia oder, wie der landläufigere Ausdruck lautet, die Bonner Preußen, die 75. Wiederkehr seines Stiftungstages. Zu der Feier haben sowohl der Kaiser und der Kronprinz, wie viele andere fürstliche Personen ihr Erscheinen zugesagt. Weun auf deut­schen Hochschulen auch manches Korps blüht, das eine längere Vergangenheit aufweist, so ist das Bonner Jubiläum doch besonders geeignet, einen Rückblick auf die Entwickelung des studentischen Lebens vom Mittelalter bis zur Gegen­wart zu werfen. Denn die Feierlichkeiten in Eisenach und in Bonn gelten jenen beiden Richtnngen der farbentragenden Studentenschaft, ivelche die politischen Strömungen in der deutschen Jugend des zu Ende gegangenen 19. Jahrhunderts am ausgeprägtesten kennzeichnen. Burschenschafter und Korpsstudenten sind in mehr als einer Beziehung Antipoden gewesen und sondern sich noch heute schroff von einauder; aber beiden gemeinsam ist die Treue und die Begeisterung für das große deutsche Vaterland, und wenn die jugend­lichen Gestalten in vollem Wichs, das Cerevis keck auf das Haupt gedrückt, durch die Straßen ziehen, daun ruht auch das Auge des Philisters mit Wohlgefallen auf dieser flotten Jungmannschaft, in der sich ein Stück Zukunft unseres Volkstums verkörpert.

ich's los. Ich hole Dich hernach wieder ab, mein Akmachen amüsiert Euch recht schön, Kinderchen, und Hörste, Paul, sag' Deinem Alten, morgen abend um achte zum Skat!"

Damit schob er sich ächzend durch die Menge nach seiner Equipage zurück, einer großen, geschlossenen Karosse mit zwei schwerfälligen, dicken Braunen und einem noch dickeren Kutscher. Paul war in der denkbar schlechtesten Stimmung.

Sie werden doch nicht mit der alten Schabracke aufs Eis gehen?" sagte er unwirsch zu Alma, die einen bunt­seidenen indischen Shawl kokett über die Schultern geworfen hatte.

Natürlich thue ich ihn ab, das ist nur zum Nach­hausefahren", entgegnete diese nachgiebig, und warf ihn nachlässig einem dienstbaren Geist in der Bretterbude zu.

Viele Kavaliere schnallten ihren Damen selbst die Schlittschuhe an, aber Paul kommandierte einen Schnee­schipper, um Alma diesen Dienst zu erweisen.

Sie können ja überhaupt nicht laufen", brummte er, als Alma etwas unbeholfen, auf seine Hand und das Ge­länder gestützt, die Treppe nach dem Eis hinunterging. Er dachte dabei an Trautens geschmeidige Grazie.

Ich möchte es gern recht gut lernen", lächelte Alma. Aber ein scharf beobachtender, forschender Blick flog dabei über ihren Begleiter. So verstimmt hatte sie ihn lange nicht gesehen und sie wußte den Grund.

Der alte Lehmigke hatte seinem Freunde Jänisch fein Herz ausgeschüttet über Pauls Mißerfolg bei Traute. Natürlich unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit, aber die Familie Jänisch hatte es ooch erfahren.

Jetzt oder nie!" sagte sich die kluge Alma, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, Paul Lehmigke zu heiraten, weil er sie nicht haben wollte und alle anderen abwies, die sich um sie gerissen. Und während sie mit mäßiger Geschick­lichkeit, aber nicht ohne Uebung an Pauls Hand dahinlief, erkundigte sie sich voll Teilnahme nach seinem letzten Ge­schäft, dem Gutskauf, und verriet ein für ein junges Mädchen erstaunliches Interesse für Hypotheken, Zinsen, Steuern und Kapitalsanlagen. Auf diesem Gebiete begegnete ihr Paul mit Achtung und sprach mit ihr wie mit einem Geschäftsfreund.

(Fortsetzung folgt.)