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Vem Tausch erhalten hatte, Ivar bereits fastf ganz aufgebracht, es blieb nur ein Rest für die Hypothekenzinsen, die am 1. Januar fällig waren. Er konnte heute schon an den fünf Fingern abrechnen, daß er in Zukunft nicht diese Zinsen und den Hansbalt von den Mietseinnahmen bestreiten würde. Und die kleinen Extravaganzen des letzten Sonntags machten sich in dem für den Monat ausgesetzten Etat drückend fühlbar. Rheinwein, Frühstücke und Tiners mit Pfirsichbowle würde er künftig von seinem Programm streichen müssen, das wurde ihm unerbittlich klar, unb dieses Einsehen trug nicht zu seiner Erheiterung bei.
Achtes Kapitel.
An einem klaren, frostigen Januarmorgen kämen Traute und Lillian Arm in Arm aus der Malstundc. n, ®'eit Neujahr hatte sich Miß Buxton mit ihrem Zögling Lrllian Severn bei Veltens in Pension gegeben. Tie Notwendigkeit aber, einen Nebenerwerb zu suchen, hatte sich nn Belteuschen Hause so dringend fühlbar gemacht, daß man auf die Idee kam, Pensionäre zu suchen. Das berühmt Konservatorium zog viele Ausländer nach Leipzig ^nd das Verspiel lehrte, daß ungeheuer viele Privat- sannlren ihren Unterhalt in der Aufnahme von Pensionären fanden. _ Veltens konnten drei Zimmer der Etage entbehren, Mrß Buxton und Lillian nahmen zwei in An- smuch, und für das dritte fand sich Mr. Hopkins der Geistliche, - der ebenfalls mit seinem Loäis riicht zufriedeik gewesen war. 1
ar hundert Mark für die Pension und Herr
Velten suhlte sich vorläufig aller Sorge» enthoben. Er berechnete, daß er auf diese Weise mietfrei wohne und daß von dein Pensivnsgelde noch hundertundfWfzia Mark für ben Haushalt übrig blieben, was beinahe alle Auslagen^ für die Küche decken müsse.
ri-, I^öpfte frischen Mut und ließ Armin, der im Eober seui Miturium absolviert und die Universität be- Zvgen haUe, tit ein Korps eintreten, um aktiver Korps- werden. Seiner Meinung nach konnte kein Mann Ampruch auf gesellschaftliche Stellung oder Bildung erheben, der nicht Korpsstudent oder Offizier gewesen war. Das iuristische Studium mit der höheren Staatskarricre, wre der L-ienft t» der Armee, waren in ferne» Augen allein Aues Gentlenia» würdig, so mußte Armin, gegen seine Neigung, Rechte studieren, denn es war Herrn Velteri un- wissen ^, in untergeordneter Lebenssphäre zu
Graf Stauffen war über Weihnachten längere Zeit verreist, und tn seiner Familie gewesen, kehrte jedoch im M "versuchenmtt b<er Absicht, zu Ostern das Examen.
ftius der Zentralhalle traten, stailden Armui und EamUl Stauffen bereits wartend vor ^.Thur, ieder em Veilchensträußche» in der Hand und Schlittfchuhe üoer dem Arm hängend. Armin überreichte Lunan, und Eamill Traute die Veilchen, dann trat man paarweis den Heimweg an.
. Es verging fast keine Malstunde, von der die beiden jungen Mädchen nicht durch ihre Kavaliere abgeholt »»b l Armin hatte sich Hals über Kopf
'n1' ^fand sich in beut glücklichen Liebe unb der ersten Verse. Trotz des & ^rcd schien Lillian durchaus nicht abgeneigt, Armins Huldiguttgeu anzunehmen, doch erklärte sie ihm sofort, daß ihr ^t"unbU§ lC9'tert etwas anderes zu sein als
, Da jedoch Armin nicht englisch verstand und Lillian ^" schändliches Deutsch sprach, blieb die Sache etwas unaufgeklärt zwischen ihnen, den» in Trautens Verdolmetschung machte sie auf Armin reine» rechten Eindruck. ^i^"N^lchW^tschuhbahn heute! Auf dem Johanna- ^chM"ftk! Mit diesen Worten wurden Traute und Lillian begrupt, und nun ging es in fröhlicher Stimmung zum Teich. u
Wie eingezuckert war der ganze Johannaparr cko». Schnee und ein weißer Rauhreif hing in der Luft, den die sieghafte Mrtmgssonue hie und da in rötlich-goldenen Nebel verwandelte. Schmetternde Militärmusik tönte vom Teich den das heitere Treiben des Schlittschuhsportes belebte, während die Parkwege mit klingenden Schlitten, Eouipagen und einer lustwandelnden Zuschauermenge gefüllt waren. Traute war eine geübte schltttfchuhlauferin, sie hatte auf
dem Lande von Kindheit an diesen SA bitterer Watz«! r getrieben, und bald flog sie wie ein Vogel, an Sräüftcns Hand, sich »ach den Klänge» des Fledermauswalzers wiegend, durch die Reihen. Lillian hingegen hatte zum ersten Male in ihrem Leben Schlittschuhe an den Füßen und Armin mußte die Hilfe eines Korpsbruders in Anspruch nehmen, uni sie überhaupt aufrecht zu erhalten.
In die Menge, die sich um den Billetschalter drängte, trat soeben Paul Lehmigkc. Die Schlittschuhe über dem Arme, staiid er darauf eine Weile auf der hölzernen Estrade vor der Bretterbude, wo man fortwährend aus- und einging, um sich Schlittschuhe an- und abzuschnallen. Er beobachtete die Menge und zuweilen flog ein Lächeln über sein Gesicht, da die Karambolagen der Eisläuser und die Ungeschicklichkeit der Anfänger häufig komische Situationen hervorriefen. Plötzlich wich jedes Lächeln aus feinen Zügen, sein Gesicht wurde finster und bleich
Heiter lachend und scherzend waren Traute und Caurill Stausfen in, kühnen, graziösen Bogen dahergekommeri, mit eleganter Sicherheit das Gedränge durchschneidend, jedem Hindernis geschickt ausweichend. Trautens Wangen blühten Ivie zwei Rosen, ihre große», dunklen Augen sprühten Lebenslust und Uebermut, während die wilden, krausen Stirnlöckchen vom Reif wie gepudert waren unter dem großen, schwarzen Rembraudthut. Jede Bewegung ihrer schlanken, schwellenden Glieder war geschmeidige Kraft und strotzende Gesundheit, ihre Sehnen und Gelenke schienen wie aus Stahl gemacht, keine Anstrengung oder Ermüdung zu kennen.
Eamill Stauffen mit seinem Vollblutthpus des blonden Germanen und preußischen Aristokraten, bildete ein prächtiges Pendant zu ihr und zeigte sich in nicht weniger vorteilhaften- Lichte, und jeder, der das Paar fünf Minuten beobachtete, wußte, wie es um beide stand, denn jeder Blick von ihm war ein Liebesiverben und aus Trautens Augen lachte Helle Glückseligkeit.
„Wer ist der Herr dort — der große, blonde — dort —"
„Der mit das schöne Fräulein? Das ist der Herr Graf von Stauffen, ein sehr feiner Herr aus Preußen, der hat gleich abonniert für den ganzen Winter und für das Fräulein auch und noch 'n Paar —"
Paul Lehmigke wußte genug, er wandte sich, als wollte er den Teich verlassen, aber in demselben Augenblick sprachen ihn Bekannte an. Und gerade diejenigen, die er in diesem Augenblick am wenigsten gebrauchen könnte. Der Kommerzienrat Janisch mit seiner Tochter Alma.
Von dem Kommerzienrat, einem früheren Weinhändler, der jetzt als Rentier in einer Villa in Plagwitz wohnte, war nur die Nasenspitze unter einem funkelnden Cylinder, und die Füße in riesenhafte» Galoschen sichtbar, das übrige war ein Pe.lzrock erster Güte, unter dessen Last er keuchte. Jänisch war seines Vaters ältester Freund und Paul Janisch wußte, daß er eine Art unglücklicher Liebe für ihn hatte/ Er war sein wärmster Verehrer, hielt ihn für ein Muster aller männlichen Tugenden und wünschte ihn sich schon lange brennend als Schwiegersohn für seine noch unverheiratete Tochter Alma.
Aber trotz der großen zu erivartende» Mitgift hatte sich Paul bis jetzt spröde gezeigt. Er kannte Alma von Kindheit fallt, und er hatte das kleine Mädchen mit dem käsigen Gesicht und dem rötlich blonden Haar immer schlecht behandelt. Und trotzdem sie sich urplötzlich von eckiger Magerkeit zu üppiger Fülle entwickelt hatte, und in ihrem Kreise für eine Beaute galt, konnte er es sich gar nicht abgewöhne», sie schlecht z» behandeln. Er liebte nun einmal diese natürlich weißen Gesichter mit blutroten Lippen nicht, diese auffallende Haarfarbe und hellen Augen mit dem haarscharfen Blick, die das Gras wachsen sahen. Da war der Widerspruch in feinem Innern, der den Mann der praktischen Vernunft in Konflikt stürzen mußte. Wie so viele Menschen, liebte er in dem anderen Geschlecht das, ivas ihm selbst am fernsten lag.
„Ach, mein gutes Paulchen", quäkte Jänisch und ließ des jungen Mannes Arm nicht mehr los, „jesses, was bin ich froh, daß Tu hier bist! Da kann ich ruhig nach Hause fahren, statt mir hier die Beine zu erfrieren. Siehste, Almache», da haste gleich 'n Kavalier und brauchst Deinen alten, Vater nicht. Jesses, hat mich das Mädchen gequält, mit rhr quss Eis zu gehen! Na, Gott sei Dank, nu bin


