Ausgabe 
18.6.1902
 
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89.

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r_ »ruhig ist die Welt, unruhig ist das Herz, Und eins das andre setzt in Unruh allerwärts.

Rückert.

(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marie Stahl.

(Fortsetzung.)

Am folgenden Vormittag machte Traute Lillian Severn «einen Besuch. Sie fand das junge Mädchen allein, in einem düsteren Zimmer mit schäbiger Einrichtung. Lillian lag in einem großen Fauteuil, beide Füße gegen einen Kachel­ofen gestemmt, sodaß dieselben eine horizontale Linie mit ihrem Oberkörper bildeten, in einen englischen Roman vertieft.

Sie trug einen sehr bequemen Schlafrock und hatte ihr schönes blondes Haar geöffnet. Dasselbe hittg zum Trocknen aufgelöst um ihre Schultern. Bei ihrer Lektüre rauchte sie eine Zigarette und neben ihr auf einem Tischchen lagen und standen gebrauchte Teller, Gläser, Löffel, eine ansgequetschte Zitrone, Eierschalen, eine Flasche Kognak und Roastvester.

Ah, das ist reizend, daß Sie kommen", begrüßte sie Traute in englischer Sprache,Miß Buxton ist aus. Ich sollte unterdessen meine Lektionen lernen, aber ich mache mir -einen guten Tag, wie Sie sehen."

Traute erkundigte sich eingehender nach ihren Studien.

O, mir Mathematik, Rethorik, Astronomie, Physik, Kultur- und Kunstgeschichte, Latein, Italienisch, Französisch und jetzt das leidige Deutsch. Außerdem Klavierunterricht und Gesang."

Eine solche Gelehrsamkeit schien unerhört, aber Traute beruhigte sich bald darüber, als Lillian auf ihre Frage, ob sie Goethe schon im Originaltext lese, fragte, wer eigent­lich Goethe sei, sie könne nicht alle Namen behalten. Die junge Engländerin zeigte durchaus kein Interesse für litt-e- rarische Gespräche, sondern vertraute ihrer neuen Bekannten sofort an, daß ihr Vater unmenschlich viel Geld habe, und daß ihre Mutter aus einer sehr guten Familie stamme, sie besäße heute noch den Brief einer Königin von England an ihre Urgroßmutter, der wörtlichMeine liebe Beß" überschrieben sei. Sie selbst, als Enkelin dieser lieben Beß, sei nun eigentlich moralisch verpflichtet, einen sehr vor­nehmen Mann zu heiraten, und ihre Eltern hätten das sehr- dringende Verlangen, wenigstens einen Lord zum Schwieger­sohn zu bekommen, aber sie selbst sei entschlossen, entweder «ar nicht zu heiraten oder nur ihren lieben, süßen Fred.

Da Lillian so offenherzig war, hielt es Traute für keine Indiskretion, zu fragen, wer der liebe, süße Fred fet

O, ein Darling, der klügste, beste und schönste Bursche, den ich kenne. Er war im letzten Jahre Sieger in dem großen Lawn-Tennis-Match in Eastborne, und bei den "Oxforder Ruderwettfahrten hat er sich schon mehrere Auszeichnungen geholt. Er hat zwar kein Geld^ aber er wird bald sehr viel haben, denn er wird es verdienen^ und er liebt mich rasend.

Ich werde es in diesem Hundestalle nicht mehr lange aushalten; Miß Buxton hat versprochen, sich nach einer anderen Wohnung umzusehen", erklärte Lillian.Die Wirtin ist ein Haifisch, ihre Tochter eine Vogelscheuche und dis übrigen Pensionäre sindpigs".

Es ist sehr schade, daß ivir so weit von einander wohnen; gefällt es Ihnen denn hier?" fragte Traute, sich verwundert in dem unwohnlichen Zimmer umsehend, das so wenig zu den Ansprüchen paßte, die Lillian gewöhnt zu sein schien.

Als Traute nach Hause kam, fand sie eine schlechte Stimmung vor.

Fran Velten hatte abermals sich und ihren Gatten den ganzen Vormittag mit vergeblichen Versuchen, ihren Wäscheschrank unterzubringen, gemartert.

Herrn Veltens Geduld war endlich gerissen.Ich habe wahrhaftig andere Sorgen als um solche Lappalien", platzte er unwirsch heraus.

Lappalie?" fragte Frau Velten vorwurfsvoll,.soll ich vielleicht meine Wäsche im Keller vermodern lassen?"

Es folgte eine unerquickliche Debatte mit gegenseitigen Borwürfen.

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten ivir überhaupt die dritte Etage bezogen und nicht die erstes behauptete Herr Velten.

Aber, Tcophil, Du weißt sehr gut, daß cs sich als eine Unmöglichkeit erwies, unsere Möbel in der dritten Etage unterzubrittgen. Die Decken sind zu niedrig für die oroßen Pseilerspiegel, wir hätten nicht einen Kronleuchter aufhängen können und das Büffet war nicht durch das Entree zu zwängen", demonstrierte seine Gattin.

Es giebt Lebenslagen, in denen man eben ohne Pfeilerspiegel und Kronleuchter fertig werden muß", brummte 'der Hausherr.

Frau Belten sah entsetzt aus.Ich sehe schon, ich werde wohl mein Leben noch in einer Dachkammer enden. Sie faltete die Hände in stummer Resignation.

Herr Velten seufzte tief. Der Etat wollte für den Stadthaushalt nicht reichen. Schon nach wenigen Wochen mußte er einsehen, daß er sich verrechnet hatte. Im Miet­preis gab es durch schlecht zahlende Mieter wicLanghanns und durch notwendige Reparaturen Ausfälle, die beim Ab­schluß des Geschäfts nicht'mit auf dem Papier veranschlagt waren. Die geringe Summe baren Geldes, die er bei