Ausgabe 
18.4.1902
 
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Nr. 57.

Freitag den 18. April.

1902

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Übung bet Denkart, bet Gesinnungen unb Sitten ist bie einzige Etziehung, bie biesen Namen vetbient, nicht Untetticht, nicht Lehre. Gottft. Hetber.

(Nachdruck verboten.)

Die Möve.

Rouiau in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.

(Fortsetzung.)

Während der ersten Tage fühlte sich Böse nicht so recht wohl ans dem Mühlenhofe. Eine unüberwindliche Müdig­keit über den Lenden, Kopfschmerzen und Mattigkeit in den Beinen machten ihn ganz mutlos. Auch die Umgebung paßte nicht so recht zu ihm: Thomas war ihm zu lärmend, Fräulein .Helene zu schweigsam, die Madame zu fett und der alte Müller, der herumhüpfte wie ein Knabe und in Schnupftabak und heiteren Lebensbetrachtungen schwelgte, plagte ihn jedesmal, wenn sie einander begegneten, mit seiner Politik. Am besten gefiel ihm noch der alte Redak­teur. lieber seiner kleinen, steifen Erscheinung lag ein Ge­präge von Würde, ein Hauch von edler Vornehmheit, die wohlthnend gegen das gewöhnliche Benehmen der Müllers­leute abstach. Die Tochter hatte auch etwas davon, etwas würdevoll Abgemessenes, das zur Beachtung zwang man mochte sie nun mögen oder nicht. Aber man konnte ihr ja nicht nahe kommen.

Jeden Tag ging er ein wenig zu dem alten Redakteur hinüber und unterhielt sich mit ihm, aber allmählich wurde es ihm klar, daß das, was er für edle Würde, für den feinen Adel des Herzens gehalten hatte, der die Menschen zu den Höhen der wahren Bildung erhebt, nichts weiter war, als die Außenseite eines verhärteten Starrsinnes, der keine andere Lebensformen duldete als die, welche vor einem halben Jahrhundert gegolten hatten. So zog er sich denn nach und nach wieder von ihm zurück, und als der Alte merkte, daß sein neuer Bundesgenosse ihm so bald untreu wurde, warf er ihn ohne Barmherzigkeit zu all dem andern Rumpelzeug, das er im Laufe seines ganzen Lebens gewogen und für zu leicht befunden hatte.

Aber die herrliche Natur, die Felder mit dem Zauber der einsamen Wege, das Sausen des Weidengeheges, das grünlich schillernde Meer, die Wiesen, der Wald wie neu und frisch war doch dies alles dem kranken Stadt­kinde! Lichte Erinnerungen aus seinem früheren Leben in der freien Luft, als er sich gesund und fröhlich zwischen Torfmooren und Rapsfeldern bewegte, stiegen in ihm auf und vereinten sich mit der heimlichen Hoffnung auf Genesung,

Nach und nach gewöhnte er sich auch an das Leben auf dem Hofe, ihm gingen allmählich die Augen darüber auf, daß es im Grunde doch eine Schar guter Menschen war, die ihn Umgab jedenfalls die beiden alten Müllers­leute und Thomas.

Wie er sich zu der eigentlichen Hausfrau, Fräulein Helene, stellen sollte, wollte ihm nicht recht kar werden. Sie war ein eigentümliches Mädchen. In äußerer Be­ziehung freilich- das mußte er zugeben that sie alles, was nur gethan werden konnte, damit er sich wohl fühlen sollte. Sein Zimmer wurde aufs zierlichste gehalten und jeden Tag sorgfältig gelüftet, die Betten häufig gesonnt und geklopft, auf seinem Tisch standen stets frische Blumen, und dreimal des Tages setzte man ihm eine Kanne boll frischer Milch hinauf. Aber das Wichtigste fehlte ihm trotzdem.

Eines Abends kam Thoinas aus der Stadt mit einem neuen, weichen Plüschlehnstuhl, der ebenfalls auf sein Zimmer hinausgetragen wurde.Das ist aber doch zu arg, Thomas!"Ja, von mir stammt der Gedanke nicht, aber das bleibt sich ja gleich; gut haben sollst Du es bei uns!" Helene eilte ans dem Zimmer hinaus.

So war sie. Wo blieb die offene, herzliche Teilnahme, die dem Ganzen Wert verleihen konnte, und die allein imstande gewesen wäre, ihn zu überzeugen, daß die Gast­freundschaft, die man ihm erwies, aus herzlichem Wohl­wollen entsprang, und nicht aus jener leeren Rücksichts- nahme, die man in jedem gebildeten Hanse dem Gaste erweist, selbst wenn man ihn im Stillen auf den Blocks­berg wünscht.

Wenn sie hin und wieder ein ermunterndes Wort an ihn richtete:Es wird sicher wieder alles gut",Sie sehen wirklich schon viel Wohler aus", oder dergleichen, da war es, als nähme sie ihre Teilnahme zurück, indem sie die Augen niederschlug und irgend etwas im Zimmer in Ordnung brachte.

Ihm konnte ganz elend zu Mute werden, wenn er an ihr sonderbares Benehmen dachte. Sie gefiel ihm im übrigen so gut. Es war etwas Feines, Weibliches in ihrem ganzen Auftreten, etwas Plastisch-Schönes in der Art, wie sie ihren Kopf trug, und etwas Tüchtiges, eine ruhige Ueberlegenheit in ihrer ganzen hausmütterlichen Beschäf­tigung.

Eines Abends kam Thoinas zu ihm in den Garten hinaus.

Tu darfst nicht zu so später Stunde hier außen sitzen."

Ach, ich glaube nicht, daß es schaden kann."

Tu kannst aber doch ebensogut hineingehen. Helene sieht die ganze Zeit zum Fenster hinaus und beunruhigt

Dieser kleine Zug that ihm wohl. Wer weshalb konnte sie denn nicht selber kommen?

Gr ging täglich an den Strand hinab und nahm em