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Ein Menschenkenner.
Humoreske von A. Trinius.
(Nachdruck verboten.)
Nach amtlicher Eintragung auf dem Rathause hieß er eigentlia) schlichtweg Hugo Schlepper, seines Zeichens ehrsamer Drechslermeister, der nebenbei auch noch ein offenes Ladengeschäft mit allerlei Nutz und Luxusartikeln betrieb. Aber der thüringer Volkshumor hatte sich mit dieser «in- sachen Bezeichnung unmöglich begnügen können. Bei alt und jung hieß er nur „Fliegenschnepper, der Menschenkenner".
Da das Ladengeschäft, von Frau und Tochter gewissenhaft verwaltet, genügend abwarf, ohne Sorgen dem Laufe dieser Welt zu folgen, so schnurrte nicht allzu oft des Meisters Drehbank. Darum fand er Muße in Fülle, seinen Leidenschaften zu fröhnen. Die eine bestand darin, mit der Fliegenklappe stundenlang der Jagd in Laden, Stube und Küche nachzugehen. Dies hatte ihm den einen Namen eingetragen! Sonst aber lag er mit Vorliebe, die kurze Pfeife in entern Mundwinkel, im Fenster, stellte jeden Vorübergehenden mit Wort und Gruß, ließ die Augen spähend über die Fensterreihen der Nachbarschaft gleiten, lauschte jedem Gespräche am nahen Laufbrunnen plaudernder Weiber, imb schien mit einem Worte zu jeder Stunde am Platz« zu sein, wenn sich irgend etwas auf der Straße vor seinem Fenster ev- eignete. Dieses mit Hingabe seit Jahren betriebene Studium menschlicher Schwächen und Gewohnheiten batte in ihm eine Wissenschaft gezeitigt, die er bei jeder Gelegenheit in den Worten bekundete: „I nu, man muß üben Menschenkenner sein!" Dies hatte ihm den zweiten Namen eingetragen!
Mutter mnd Tochter saßen tagsüber fleißig über ihren Handarbeiten und fuhren nur empor, wenn einmal die Klingel der Ladenthür schrillte, oder der Kopf des „Menschenkenners zurückfuhr, das Fenster sich schloß, und nun unser Fliegenschnepper losbrach.
„Nu, die alte Rätin könnte auch 'was besseres thun, äls den ganzen Tag auf der Straße zu liegen. Wemmer auch 'rausguckt, die sieht mer immer. Nun äl Kragen wieder 'mal am Mantel — bis über die Ohren. Hochmut kommt vor dem Fall. Ich will kein Menschenkenner sein!" Oder: „Aeben hab' ich's von der Rümplern gehört: bei Senators soll au wieder 'was unterwegs sein. Lächerliche Soll sich lieber um die Beleichtung unserer Stadt kümmern. Die reinen Oelfunzeln. Aber nee!" Oder: „Wo mögen denn nur Bärgermeesters hingegangen sein? Er mit der Angströhre, sie in der seidenen Fahne. Nu, ich wär's ja schon noch 'rauskriegen."
Mitten' in den Enthüllungen riß er dann wohl wieder das Fenster auf und rief hinaus:
„Morr'n, Herr Nachbar! Mr, haben Sie's Grummet schon 'nein? 's ist Recht! Hör'n Se 'mal, haben Sie vielleicht vorhin unseren Bürgermeister mit . . ." Seine Stimme sank zu vertraulichem Flüstern hinab. Nach einer Weile kehrte er zu den Seinigen- in die Stube zurück. „Trautmann's backen schon wieder. Nicht ä Linschen Butter drauf. Desto mehr Schnittlauch! Du lieber Gott! Dabei können sie den Kopf nicht hoch genug tragen! . . . Na, wenn das kein Brummer ist, denn will ich..." lind klitsch! klatsch! patschte die lederne Fliegenklappe gegen einen Wandschrank.
Als, das Opfer seiner treffsicheren Hand dreiviertel tot auf die Diele niedergefallen war, machte sich Fliegenschnepper daran, eine irische Pfeife zu stopfen und sie anzuzünden. Wohlwollend glitten dabei seine Augen über die emsig schassenden Frauen.
„Ja, la!" philosophierte er, „Arbeit bringt Segen, Kinder. Leite, die 'n ganzen Dag Maulaffen feil hallen, die Nase in andrer Menschen Sachen 'neinstecken, die bringen's zu nischt. Wir sind vorwärts darum gekommen. Handwerk hat noch immer gold'nen Boden! Wir läben still und einmütig dahin. Da giebt's keinen Kaffeeklatsch alle Woche, wie bei den anderen Weibern: Malchen hat keine Tanzstunde gehabt Unn is doch ä anständiges Mädel geworden . . . was Malchen? . . . unn Liebeleien giebt's bei Nns au nicht. Wir arbeiten Men, redlich, ehrlich, wie sich's für richtige Bärgersleite. . . Nu, was ist denn das?"
Er stürzte an das Fenster, riß es auf und schob seinen Graukopf blitzschnell hinaus, während Mutter und Tochter sich ganz eigentümlich zublinzelten und leise lächelnd die Köpfe noch tiefer auf die Arbeit senkten.
Gleich darauf wandte sich der Fliegenschnepper um.
„'s is weiter nischt! ä Möbelwagen ... so ä nei- modscher... hat drüben den Prellstein umgestoßen. Ich muß doch gleich 'mal ... 'n Tag, 'n wunderschönen „Guten Tag", Herr Waisenhaus-Inspektor!" Und wupp! war er hinaus auf die lärmerfüllte Straße.
Die beiden Frauen atmeten auf.
„Ach, Mutter! Wenn er's erfährt?!"
„Nur Mut, Malchen! Einmal muß er's ja doch. Und dann wird er's nicht glauben wollen." — —
Wenn jemand zu unserem Fliegenschnepper gesagt hätte^ er wäre kein Menschenkenner, er hätte wahrscheinlich Grob-, Hellen hören können, so fest war unser Held von der Tiefs seiner Weisheit überzeugt.
Ja, er war ein Menschenkenner, doch nur im einfachen Sinne. Er kannte wohl fast einen jeden in Lerchenthal, seins Gewohnheiten, Mängel und Familienverhältnisfe. Doch das Letzte, Beste im Menschen, seine Seele, die blieb dem braven Manne, der wandelnden Stadtchronik, ein Buch mit sieben Siegeln. Er sah nur durch seine Brille, vermochte nicht den seinen Stimmen zu lauschen, die in jedes Menschen Brust in immer anderen Tönen jubeln und klagen, hoffen und bangen.--
Es sollte nun aber eine Zeit kommen, daß unser Herd Schnepper begann, mit sich selbst nicht mehr ganz im Klaren! zu sein. Zuweilen dünkte ihm, daß ganz leise und behutsam ein Teil seiner Majestät von ihm niederglitt, daß sein hohes Selbstvertrauen zum Erschüttern kam. Jetzt, wo er für ein paar Wochen wieder an der Drehbank stehen mußte, fand er ja Muße genug, seine Gedanken ausschwärmen zu lassen. Und dann schüttelte er wohl den Kopf über sich, über dis Welt. Es kamen Stunden, in denen er sich wie behext erschien.
Da war vor einiger Zeit die Frau Senator Moldenhauer in den Laden gekommen und hatte ein recht hübsches Spinnrad bestellt. Ende September müsse es aber bestimmt fertig sein. Die gutmütige Dame hatte einst in Zuneigung für Schneppers Frau, deren Eltern sie schon gekannt hatten Patenschaft bei seinem Töchterlein übernommen und fett, )em auch treu zu diesem gehalten. Und als sie das Ge- chäftliche mit ihm besprochen hatte, war sie in die Wohn-, tube zu den Frauen getreten. Da hätte man denn begonnen zu wispern, lachen, tuscheln und flüstern, daß es unserem Schnepper wechselnd heiß und kalt vor Neugier über den Buckel lief. Nach einer halben Stunde empfahl sich Frau Senator. Als sie an. dem Drechslermeister vor- überschritt, legte sie schalkhaft einen Finger an den Mund und sprach:
„Lieber Meister Schnepper: Nichts verraten! Hören Sie? Sie sind ja Menschenkenner genug, uni mich! zu verstehen." Damit war sie hinaus.
Der „Menschenkenner" aber stand noch eine Weile wie versteinert auf dem Platze, und sein verblüfftes Gesicht bot nicht gerade ein Urbild von Schlauheit und Verstehen.
Surrrrr! ging das Mdlein unter seinen Tritten.
Ganz recht! Damals hat's angefangen! So weit war der Drechslermeister in seinen Betrachtungen gekommen.
Tags daraus hatte er sich auf die Beine gemacht nach! einenr höher gelegenen Walddorfe, passendes Hotz für das Spinnrad bei einem Bekannten zu holen, zugleich dort auch bei der Freundschaft 'mal einzusprechen. Am Wend wollte er wieder heim sein.
Nun, das Hotz fand er, doch die Freundschaft war ausgeflogen. So machte er sich wieder auf den Rückweg. Es schlug just Mrs Uhr, als er über den Marktplatz von Lerchenthal schritt. Durch ein Seitengäßchen gelangte er in seinen Garten, von da in den Hausflur. Was war denn das!? Stimmengewirr dringt an sein Ohr, Frauenlachen, Klappern von Porzellan. Und als er die Thür zur „kältet: Pracht aufrecht: siehe, da thront seine ehelich angetraute Gattin inmitten von neun kaffeetrinkenden, kuchenessenden, häkelnden, strickenden, schwatzenden Frauen. Den Ehrenplatz auf dem Sopha aber hat Frau Senator eingenommen, währens Malchen, entzückend heute anzuschauen, von Platz zu Platz' tänzelt, einschänkend, nötigend, und manches liebe Wort einerntend.
Herr Schnepper hat keinen Laut von sich geben können- Er hat die Thür wieder zugemacht und hat sich erst in die Werkstatt, dann ins nächste Wirtshaus geflüchtet. Da hat er in dumpfem Sinnen beim „Eisenacher" gesessen und nur


