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etwas unbeachtet geblieben, so gestaltete dies sich nach chrer Sangesleistung anders- Die Fürstin hatte ihren Zweck erreicht: sie hatte ihren Gasten etwas neues geboten- Man war entzückt, hingerissen von dem Schmelz der fremden Stimme, von der ansprechenden Art des Vortrages und nicht am wenigsten von der schönen Erscheinung der bescheidenen Sängerin. Wer die Fremde sei? - Von wannen sie komme? das bildete bald die allgemeine Frage, und die Fürstin hatte vollauf zu thun, rn ihrer gewandten Weise Rede und Antwort zu stehen, wobei sw geschickt das Interesse ihres Schützlings zu wahren verstand.
Clarita durfte nunmehr sicher nicht über Mangel an Beachtung klagen, viele suchten die Unterhaltung mrt rhr. Hochklingende Namen schlugen bei den Vorstellungen an ihr Ohr: auf die russischen horchte Clarita fieberhaft — manche darunter beuchten ihr bekannt, Alexrs hatte sw wohl schon gelegentlich einmal erwähnt-
Mit welcher Spannung sie jedoch auch aufpaßte und wartete, den heiß ersehnten Namen Ornatoff hörte sie Nimmer-
Einmal hatte allerdings ihr Herz hoch voll Erwartung geschlagen, als Plötzlich, da sie mit einer eleganten Russin geläufig französisch sprach, ein hoher stattlicher Mann sich dieser näherte mit der Bitte: ihn Mademoiselle de la Para vorzustellen.
Ah! Nikolai Pawlowitschrief die Schöne mit kokettem Augenaufschlag, „kommen Sie nur —" unb nut vollendeter Grazie stellte sie Clarita Nikolai Pawlowitsch Karm vor-
Dessen ganze Persönlichkeit war wohl geeignet, Interesse zu wecken. Clarita fühlte das unwillkürlich, da sie die tiefe Verbeugung des Vorgestellten mit anmutiger Ruhe erwidernd, in dessen interessantes Gesicht blickte. Der ernste, fast etwas melancholische Ausdruck darin konnte allem schon fern Vorrecht — Liebling der Damenwelt zu fein, erklärlich machen- In der That schwärmten für Herrn v. Karen, obgleich die erste Jugendzeit hinter ihm lag, sowohl mnge Damen, wie gefeierte Frauen von ernem gewissen Mter. Seltsamerweise übte dies jedoch nicht die geringste -Wirkung auf sein Wesen- Er schien die Neigung, ihn zu bevorzugen, nicht einmal zu bemerken; jedenfalls setzte er sich darüber hinweg. In seiner ganzen Art lag eine ruhige wohlthuende Bescheidenheit, der vorzüglich Clarita den für ihn günstigen Eindruck zuschrieb. Sie sprachen alsbald über Mustk. Herr v- Karin, darin ersichtlich bewandert, lenkte dcw Gespräch auf ihr eigenes Talent. Ohne jedes fade Kompliment, gestand er einfach, wie tief ihr Vortrag der spanischen Romanze ihn ergriffen habe. Dabei gab ein Wort das andere, so daß die Unterhaltung angenehm in Fluß kam, nach deren Abschluß Clarita das Gefühl behielt, erneu wirklichen Genuß gehabt zu haben inmitten all des Wortschwalls, der ringsumher wie Meeresbrausen sie umgab.
Das augenblicklich für ihre fremde Erscheinung entstandene Interesse wich alsbald vor neuen Emdruaen m den Hintergrund.
Still lehnte sie in den Wagen zurück, der eilig durch die Winternacht die langen, eleganten Straßen und Plätze entlang, dem bescheideneren Quartier zufuhr, in dem ihre Wohnung lag. Madame Magini, eine lebhafte Italienerin ward nicht müde, sie trug unverdrossen während der langen Fahrt die Kosten der Unterhaltung, in die sie manchen guten Rat und freundlichen Wink für den ihrem Schutze empfohlenen Neuling einflocht, ehe sie diesen an seinen endlich erreichten Quartier absetzte.
Es war ein unmodernes altes Holzhaus, durch dessen rasch geöffnete Thüre Clarita einschlüpfte. Trotz der späten Nachtstunde war der Korridor erleuchtet, und ein allerdings etwas verschlafenes Zöschen erwartete das fremde Fraulein, um deren etwaige Wünsche zu erfragen- Dre klerne Natascha sagte auch, ungeachtet aller Schlaftrunkenheit ihre eingelernte Lektion ganz gut her, verleugnete aber noch weniger ihre Zufriedenheit, als Clarita sowohl für die an gebotenen Dienste, wie für das angepriesene Glas warmen Thees dankte und sich gleich auf ihr Zimmer zurückzog, Um dort in ihrer Einsamkeit wenigstens das beruhigende Bewußtsein zu empfinden, in dem riesenhaften Petersburg ein sicheres Obdach für sich gefunden zu haben-
VIII.
Im Norden.
Ich geh' durch die dunkeln Gassen Und wand're von Haus zu Haus;
Ich kann mich noch immer nicht fassen. Sieht alles so düster aus-
v- Eichendorff,
Seit etwa vierzehn Tagen toeilte Clarita in der Zaren- stadt. Diese kurze Frist umschloß eine fieberhafte Thätigkeit der jungen Frau, die, ohne der Anstrengung, welche diej weite Reise von ihr gefordert, Rechnung zu tragen, keinen Moment gezögert hatte, um, soweit sich die Möglichkeit dazu bot, nach der ersehnten Auskunft zu forschen. Spärlich genug war solche indes bislang ausgefallen. Ihre vorsichtigen, hier und da angebrachten Fragen erzielten kein' anderes Resultat, als die Gewißheit, daß die Familw Ornatoff allerdings ein Haus in Petersburg besitze, welches jedoch schon seit Jahren verödet sei, da die Familie auf. dem Lande lebe. Bereits seit drei Wintern waren die Her^ schäften nicht mehr nach der Hauptstadt gekommen, folglich dorten in dem Strudel großstädtischen Verkehrs zremlrch vergessen- Marr wußte, konnte oder wollte der Fremden nicht mehr sagen, und diese mußte sich mit der Erklärung bescheiden, wo das verödete Ornatoffsche Haus' zu finden! sei- In einem der vornehmen Stadtviertel lag es, jedoch abgelegen von der Fontanka in älter stiller Umgebung, Dabei prägte sich eine gewisse Schwerfälligkeit in seinem! Bau aus- Es gehörte sicherlich zu den ältesten Bauwerken! der nordischen Residenz, zeigte aber ungeachtet ferner Entstehung in dem vorigen prachtliebenden Jahrhundert, wenrg oder nichts von der verschwenderischen, fast überladenen Ausschmückung der großartigen Prachtpalais jener Zerfi deren Besitzer der höchsten Aristokratie des Landes angehörten. Zu letzterer zahlten die Ornatofts wohl nrcht, wenngleich die Familie alt war und zum höheren Abel ge- hotte* Dte§ hetote^ bct§ futiftboll lluSgeHuuene über dem festverschlossenen Portale-
Vor diesem stand Clarita am ersten Wend chrer An-, kunft in Petersburg, zu dem wir jetzt zurückgehen müssen/ einsam und allein rn scharfer Winterkälte- Lange, nut von heißen Thränen umflortem Blick betrachtete ste che ausgestorbene Stätte - das Elternhaus ihres verschollenen
ost hatte dieser mit liebreichen Worten ihr den Moment ausgemalt, wo -er sie dort einsühren werde zu Glück und Freude! ,
Freude und Glück aber waren treulos entflohen, und er,- der geliebte Mann selber, wo weilte er? unterdes sw, ferne, rechllnäßige Gattin, vor der verschlossenen Thure fernes Vaterhauses gleich einer armen Bettlerrn stand- Wenn notwendig, wollte sie ja selbst betteln um Lrebe und Erbarmen. Dabei trieb sie eine schwache Hoffnung: Frau v. Ornatoff möchte sich allein mit ihrem eigenen Sohne auf dem Lande befinden, dagegen Wladimir Jwanowrtsch nunmehr rn Petersburg residieren. Ws Junggeselle machte er wohl noch kein Haus, daher seine Anwesenheit in der Stadt weniger bekannt sein konnte, indes, wenn auch er geblreben war/
I so fand sich doch wohl wenrgstens ern drenstbarer Gerft als Brüter des stillen Gebäudes.
Daraus rechnend, ließ Clarita! gleich am ersten Abend sich nach der bezeichneten Straße fahren- Sobald sie dies« erreicht, hieß sie den Fiaker ihrer warten, und suchte, denj Schleier dicht vor das Gesicht gezogen, ihr Zrel. Dre strlls Gegend war beinahe menschenleer, nur zuwellen rollten stolze Karossen über den hartgefrorenen Boden pferlschnell an ihr vorüber, ihre eleganten Insassen rrgend emer Gesellschaft der vornehmen Well zuführend- Kaum dachte daber Clarita, daß sie selber schor-zwei Tagellpater «ls freundlich geladener Gast solch vornehmen Gesellschaftssalon betreten werde. Sie achtete gar nicht aus die Wagen, sie nach dem Ornatosfschen Hause, das etwas von der Straße zurück lag, von dieser durch ern hohes Broncegitter ge- schre^n- ^^dige Oede, die Mes Umgab, die sämtlich unerleuchteten Fenster ließen die Suchende lercht das Richtige finden. Entschlossen zog sie dieGlockaUeberzeu^ von der Abwesenheit der Famrlie, mochte sre kühn danach j fragen. Galt es doch vorab' nur zu erfahren, auf welchem I der Güter die Herrschaft sich befinde und wie dasselbe sich 1 am leichtesten erreichen lasse.
I (Fortsetzung folgt.)


