Samstag den 18. Januar.
Nr. 10.
1902.
BSf
äOanÖ
ic schau'» so trübe Thal und Höh'», Wenn Morgendunst sie kühl befeuchtet!
O, dann erst ist die Welt so schön, Wenn sie der Himmel warm beleuchtet.
Noch schöner, wenn sie glutgcschwellt
Dem jungen Lenz entgegenschmachtet: Am schönsten aber ist die Welt, Wenn sie ein frohes Äug' betrachtet!
Julius Rodcnb erg.
Nachdruck verboten.
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs.
(Fortsetzung.)
Ein Cello setzte ein mit tiefem, warmem Klang. — Magiui spielte; er spielte hinreißend, ergreifend. Das wunderbare, der menschlichen Stimme ähnlichste Instrument sprach zu dem Gemüte der Zuhörer. Vou eurer Meisterhand gerührt, sangen die Saiten geheimnisvoll bald klagend, bald tröstend, bald jubelnd- Schmerzbebende und entzückend schöne Töne zogen wie befreiend durch das prunkvolle Gemach, leisen Widerhall suchend in den Herzen der Einzelnen, die die anscheinend völlig sorglose, lebensfrohe und ver- guügungsdurstige Zuhörerschaft bildeten-
Leise, leise erstarken die singenden Töne, und lauter Beifall entfloh "den hastigen Lippen derer, welchen die tiefgehende Gefühlsanregung zu lange gedauert hatte, anderseits dankten aber auch glänzende Augensterne voll feuchten Schimmers dem Meister, der in gewandtem Salonton das verschiedenartig gespendete Lob wie eine ihm gebührende Huldigung gleichmütig entgegen nahm-
Den Meisten gegenüber zeigte sein intelligentes Gesicht ein stolzes Lächeln; nicht so gegen die Dame des Hauses- Mit ihr sprach er voll gewinnender Zuvorkommenheit- Die Unterhaltung war lebhaft; andere mischten sich mit ein, und eine geraume Weile bestand sie einzig in der Konversation, welche in den verschiedenartigsten Gruppen, mannigfaltige Themata berührte, ehe die Fürstin, dem Maestro zunickend, sich von diesem abwandte, um, ohne daß Clarita es bemerkte, plötzlich neben ihr zu stehen- Freundlich legte sie die Hand auf der jungen Dame Arm, die hastig den Kops ihr zuwandte."
„Mademoiselle de la Para, Sie ahnen, welche Bitte ich Bringe", sagte die lebhafte Frau gewinnend- „Erfreuen Sie uns durch Ihren Gesang, dem unser berühmter Maestro des Lobes nicht genug zu spenden weiß."
Clarita erhob sich gelassen. ,,So Sie es wünschen,
gnädige Frau, will ich gewiß bestmöglichst das meinige thun, doch sage ich Ihnen im voraus, ich fürchte, Monsieur Magini beurteilt meine Leistungen um seines Wiener Musik- sreundes willen, zu nachsichtig. Indes entscheiden Sie selbst. Mas wünschen Sie zu hören?" i
„O", entgegnete die Fürstin artig, während beide Dameir dem Flügel zuschritten, „Sie selbst müssen wühlen, meine Liebe."
Clarita machte keine Einwendung; sie war sich vollständig des Zweckes bewußt, weshalb sie den Kreis dieser fremden Menschen ausgesucht, und welche Bedeutung ihre jetzige Leistung für ihre nächste Zukunft gewinnen konnte. Doch nicht die geringste Beklemmung bemächtigte sich ihrer. Sie war der Dame des Hauses dankbar für die zart- sühlige Güte, welche sie ihr, der Fremden, entgegenbrachte; keine andere Empfindung beeinflußte sie, sie kannte keine Furcht. ■—Voll und rein quollen die glockenklaren Töne ihrer Silberstimme über ihre Lippen. Mit dem ihr eigenen ergreifenden Ausdruck sang sie eine der spanischen Romanzen, welche sie einst unter den wehenden Palmen der fernen Heimat zuerst ihrem Alexis, dem geliebten Gatten gesungen. Auch jetzt waren alle ihre Gedanken nur bei ihm- Die bunte Welt, das rauschende Leben, in dessen Mitte sie sich gewagt, es versank vor ihrem Geistesblick. Völlig von ihrer Aufgabe erfüllt, sah und bemerkte sie gar nicht die staunende Aufmerksamkeit, welche sowohl ihr fremdartiger Gesang, tote ihre ganze Erscheinung erregte. Sie wußte es nicht, wie schön sie war- Die geschmackvoll einfache Toilette, welche sie gewählt, ließ ihr edles Wesen, die Vornehmheit .hrer ganzen Erscheinung nur noch deutlicher erkennen.
In nichts stand Clarita hinter jenen aristokratischen Damen dieses gewählten Kreises zurück, eher übertraf sie viele derselben durch den Zauber ihrer durchgeistigten Züge, denen die Erlebnisse der jüngsten Zeit zwar etwas von der jugendlichen Frische geraubt, dafür aber den Reiz einer stillen Schwermut verliehen. Sie erschien dadurch etwas älter, doch nicht minder reizend- Sie selbst war sich nur des ersteren bewußt und freute sich darüber; erschien doch dadurch minder auffallend ihre selbständige Reise nach Petersburg, um dort in guter Familie eins passende Stellung zu suchen-
Diesen ihren Wunsch hatte Clarita bei der Legationsrätin v- Triber ausgesprochen. Es war dies die Dame, an welche ihre Empfehlungsbriefe lauteten, und bei der die Fürstin Sarafin sie zufällig kennen gelernt, wobei letztere in ihrer lebhaften Weise nicht gesäumt, sie zu ihrem Schützling zu machen und sie sogleich zu der am nächsten Wend bei ihr stattfindenden Gesellschaft einzuladen. Dankbar hatte Clarita die Einladung angenommen, und war mit der Gattin des Maestro Magini, an den ihr Musiklehrer aus Wien sie warm empfohlen hatte, in dem Salon der Fürstin erschienen-
Mar sie in dem brillanten Gesellschaftskreis zunächA


