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gflüsterte, daß sein liebster Wunsch sei, dieses Ehrenamt it seines Leben zu behalten.
,/)h, wie bescheiden!" spottete sie.
„Aber ich", beteuerte er nnt leidenschaftlich gedämpfter stimme, „würde in dieser Bescheidenheit glücklich sein."
Tie Zeit war erheblich vorgerückt, und Kalussoff verabschiedete sich.
,Lch habe einen unvergeßlichen Nachmittag verlebt, gestand Milica rott froher Miene, und, als sie allein war, dachte sie: „Wenn ick) wollte, könnte ich in wenigen Wochen Madame Dimttry Kalussoff sein. Gewiß, er ist schön und geistreiche aber ihm ihm, an den ich immer denken muß, lammt er nicht gleich" Sie schaute träumerische vor sich! hin, seufzte und sprach leise: „Sein Andenken soll nie in mir erlöschen."
Timitry Kalussoff wanderte inzwischen in tiefer Erregung nach! dem Klub. „Ein famoses Weib", beteuerte er wiederholt. „Sie ist in chrer Schönheit und mit ihrem Geist bezaubernd. Wäre id) reich so würde ich, unbedingt mein Los für immer mit ihr teilen. Wer weiß--!"
lieber das sonderbare Benehmen Ilja Popows konnte er nicht Hinwegkommen. Ein eigentümlicher Mensch", überlegte er, „der entweder infolge seiner Beschäftigung, des ewigen Sinnens und Erfindens, verdreht geworden ist, oder irgend etwas aus dem Gewissen hat, das chn peimgr, ohne daß es es avzuschütteln vermöchte. Ob wirklich die Papyrossen düs Schuld trugen, daß er plötzlich so schauderhaft abfiel, öder sollte meine Frage nach dem Buche Mit dem Namen „Godunow" die niederschmetternde Wirkung ausgeübt haben? Mir scheint, daß einzig der schlichte Name die Ursache der sürchterlichen Entladung war. Nun, wir werden schon sehen, was dahmter steckt." —
Ms Timitry Kalussoff in der Nacht nach Hause kam, fand er einen kleinen Brief mit zierlicher Adresse vor.
„Bon Zatiano", sagte er beim Oeffnen des Couverts.
Tie erste Seite überlas er ziemlich flüchtig, aber dann Verfolgte er aufmerksam Zeile für Zeile. Nachdem er den Brief bis zu Ende gelesen, warf er ihn mit finsterer Miene unwillig auf den Tisch Ueberlegeud durchmaß er mit großen Schritten das Zimmer.
„Wahnsln.nl" murrte er. „Ter reine Wahnsinn l Sie will das Elternhaus verlassen und nach Moskau kommen. Lch danke — Bruch mit den Eltern und Frau ohne Mitgift! Für solchen überspannten Unsinn ist Timitry Kalussoff uicht zu haben. Sofort werde ich chr schrechen."
Er sann noch einige Augenblicke nach
„Ja, das wird das Beste sein", bekräftigte er das Ergebnis seines Nachdenkens. „Tie Pietät gegen die Eltern muß ihr das Verlassen des Vaterhauses unbedingt verbieten, und die Liebe zu mir muß ihr gebieten, meinen Weisungen zu gehorchest. Eine nette Geschichte, wenn sie plötzlich in Moskau auftauchen würde, um mich zu beglücken. Schönes Begrücken."
Er setzte sich bedächtig hin und schrieb. Während er zuweilen inne hielt, gaukelte chm seine Phantasie die Millionen Jefim Godunows und zugleich die verführerische Gestalt Milica Popows vor.--
8.
_ In dem sonst so stillen Hause zu Kiew herrschte rege Thätigkeit, denn die Fasten nahten sich chrem Ende. Es wurde geputzt und geschmückt, als sollte ein gekröntes Haupt seinen Einzug halten. In Wahrheit galten alle Vorbereitungen den Ostern, den höchsten Festtagen der russischen Kirche.
Alexandra Michailowna war mit ihren Töchtern Tattana und Wera bereits zum Palmmartte gefahren, um Geschenke und einige Weidenrutenbündel, sogenannte Werba, zu kaufen. Am Palmsonntage war sie vor Sonnenaufgang, t'bä im Hause noch jeder schlief, geräuschlos von ihrem Lager aufgestanden, um einen alten, geheiligten Brauch zu er- füllen, ohne den sie sich eine würdige Einführung in die Ostern nicht denken konnte.
Sie hatte die oben mit einem wächsernen Cherubim ^zierte Werba ergriffen und unter Absingen einer volkstümlichen Strophe die Mitglieder der Familie mit einigen leichten Rutenstreichen zur Frühmesse geweckt. Eins der Bündel hatte sie zur Erinnerung an die Ostern unter das schöne, bunte Heiligenbild gesteckt, das im Hausflur gegenüber dem Eingänge hing und Tag und Nacht von der flackernde« Llauune der ewigen Lampe beschiene«
wurde, während sie ein anderes Bündel sorglich in eine mtt Wasser gefüllte Vase gesetzt und in den Salon gestellt hatte, damit es Blätter treiben und den Frühling verkünden möchte.
Tie Ueberraschung der Langschläfer war so vorzüglich gelungen, daß den Mund der Hausfrau noch jetzt ein vergnügtes Lächeln umspiette.
Ein Familienmitglied war jedo chwach gewesen und hatte sich nur schlafend gestellt — Tatiana, die der Schlummer schon seit vielen Nächten geflohen hatte.
Tie Nacht — oh, wie Jefim Godunows Tochter dieses geheimnisvolle Weben der Nacht fürchtete! Wie die Stunden langsam dahinkrochen, als wollten sie kein Ende nehmen und nur das Herz des armen, ruhelosen Menschen quälen! Tiefe tollen Gedanken, die gleich einer wilden Jagd unaufhörlich dahinrasten und den müden Kopf zu zersprengen drohten! Kein Trost, kein lichter Punkt, keine fröhliche Hoffnung in dem. teengenden, lautlosen Tunket! Ta war plötzlich aus der Finsternis der Cherubim mit den goldenen Flügeln und der strahlenden Glorie aufgetaucht, der freundlich lächelnde Cherubim an der Werba, mit der die Mutter sie berührt, und es war ihr gewesen, als ob das lockige Engelsköpfchen den Mund geöffnet imb leise gesprochen hätte: „Bete und arbeite!"
Sie war zur Kirche gegangen und hatte sich in Temut geneigt, betend und um Vergebung bittend, und heinige- kehrt hatte sie arbeiten wollen, aber es gab im Hause nichts zu arbeiten, denn die Menge der Tieustboten schloß jedes Mitwirken der Herrschaft aus. Und als wieder die Nacht ihre dunllen Schwingen regte, fand sie Tattana genau so ruhelos wie früher.
Timitry Kalussoffs Brief war so praktisch und nüchtern, so ganz verschieden von den vorhergegangenen, daß Tatiana stechenden Schmerz empfand. Immer wieder prüfte sie die Zeilen, ob sie auch wirllich von ihm geschrieben waren. Aber es war keine Selbsttäuschung; schonungslos starrte ihr von seiner Hand der Satz entgegen: „Unbedingt verlange ich! von Dir, nicht nach Moskau zu kommen, sondern pietätvoll im Vaterhause zu blechen."
Noch niemals hatte er sich mit solcher Schärfe geäußert. Wie gebieterisch und hart seine Worte klangen! Sie suchte nach Gründen für diese entschiedene Abweisung, ohne die wahren zu finden.
Ter Hinweis aus die Pietät gegen die Eltern erschien ihr in seinem Munde völlig neu. Als sie nach ihrer heimlichen Verlobung in die peinliche Zwangsiage geriet, die Eltern mit Unwahrhetten zu täuschen, hatte er von der Wahrung der Pietät mit keiner Silbe geredet. Wenn er jetzt, wo es galt, o«fsen und ehrlich zu kämpfen, die Pietät mit einem Male hervorkehrte, so war dieser Einwurf ein vollkommener Widerspruch mit seinem früheren Verhalten, der sie stutzig machte.
„Nimmermehr barf die Pietät so weit gehen", sagte sie sich „daß ich meine Liebe von der Zustimmung der Eltern abhängig mache. Pietät! Ter Vogel, der flügge geworden ist, verläßt für immer das elterliche Nest und fliegt in die Weite, um sich ein eigenes zu bauen. Tie Liebe wandelt ihren besonderen Weg und hat mit der Pietät nichts zu schaffen, denn ihre beseligende Gewalt drängt rücksichtslos und ohne Duldung irgend welches Hemmnisses zum Bunde mtt dem, de« sich das Herz erkören."
Er aber drängte nicht zum Bunde und zauderte und ließ sie leiden und tragen. Gewiß, sie wollte um seinetwillen Kümmer und Sorgen mit Freuden auf sich nehmen, aber daß er es von ihr verlangte, that ihr unendlich weh.
Unwillkürlich dachte sie an Boris Mitrofanowitsch. Ob er ein solches Opfer verlangen würde? Nein — nimmermehr! Ter würde, ob sich auch alles gegen ihn auflehnte, nicht zaudern, sondern die Erwählte seines Herzensi mit starker Hand und unbeugsamem Sinn allen Anfechtungen eittheden.
Zögernd stellte sie Vergleiche zwischen ihm und Ti- mitty an. Tiefer erschien ihr als Inbegriff des Schönen, jener als solcher der Kraft und des Mutes. Aber Kraft und Mut genügten ihr für Boris Mitrofanowitsch noch nicht, und überzeugungsvoll fügte sie hinzu: „Er ist eine fest ausgeprägte Jndividualittt, die weiß, was sie will, und das Gewollte zur Wahrhett macht." Zuletzt drängte sich


