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in Entzücken über seine Huldigungen urit ihm über die Grenze nach Kjachta fliehen wollte.
„Aber ihre Füßchen waren so niederträchtig nem und verkrüppelt", fuhr er fort, „daß ich mit ihr kerne Hundes Schritte vorwärts gekommen wäre, und so hielt rch es doch für besser, allein über die Grenze zu reisen."
„Sprechen Sie denn chinesisch, um eine animierte Unterhaltung mit einer solchen schlitzäugigen Schönheit führen zu können?" fragte Milica scherzend.
„Nicht ein einziges Wort! Aber die Liebe vermag srch auch ohne Worte verständlich zu machen", gab er langsam und in einen ernsten Ton verfallend, zurück, während er ihr tief in die Augen sah. „Blick, Ausdruck, Geste und Haltung tömten oft noch stürmischer von der Bewegung des Herzens erzählen, als lange Reden."
Ein leichtes Rot huschte über chr Gesicht, während sich ihre Augen seltsam verschleierten.
Popow war gerade ins Nebenzimmer getreten, um eine sehr gerühmte neue Tabakssorte für Cigarretten zu holen.
Eine Weile herrschte beklemmendes Schweigen rm
Salon. . , „ .
„Ja, ich glaube, daß Liebe, die sich rn tönenden Worten knndgiebt", fuhr Kalussofs fort, während er noch immer seinen Blick aus ihren Zügen ruhen ließ, „nccht die wahre und echte Liebe ist. Je tiefer man fühlt, um so stummer ist der Mund." ,
Er ergriff ihre Hand, die sie willig in der semrgen ließ, und preßte sie in wilder Glut an seine Lips. .!.
„Und nun, Milica Antonowna", flüsterte er leidenschast- kich „helfen Sie, daß er Sturm, der in mir tobt, sich zu lindem Frühlingswehen sänstigt. Sprechen Sie aus, daß ich Ihnen nicht gtetchgiltig bin und hoffen darf. Ich sah Sie gestern in der Troika Glinkas, und mir war, als ob der iptmmei ernstürze, als ob oie Sonne meines Lebens geschwunden sei und mich rabenschwarze Nacht umlagere, ritte, reden "Sie, "spenden Sie Trost, machen Sie mich zum glücklichsten aller Sterblichen!"
Sie hatte ihm ihre Hand, die er noch immer festgehalten, entzogen, und über ihre Lippen kam es aufgeregt: „Nickst setzt, nicht setzt. Tiinitrv Akimowitsch Lassen Sie mtr Zerr zum ueberlegen. Sre wissen, rch bin eine Künstlerin, und als solche habe ich nur meinem Berufe zu leben. Die Fesseln der Ehe vertragen sich schwer mtt der Freiheit, die ein solcher Beruf erfordert. Was die gestrige Begegnung betrifft, so will ich gestehen, daß es mich schmerzt, tief schmerzt, Ihnen wehe gethan zu haben. Ich habe Glinkas Troika benutzt, weil er sie mir in zuvorkommendster Weise zur Fahrt nach Ljublino zur Verfügung gestellt hatte und rch sein Anerbieten nicht abschlagen konnte. Wir wollen in Ljublino eine Sommerwohnung mieten, nm dort den Sommer zu verbringen. Also Grund zu Ihrer Erregung liegt nicht vor, und künftig wollen Sie mir mehr Vertrauen schenken, Sie fürchterlicher Othello", schloß sie unter leichtem Lachen, während ihn chre Augen neckisch
ansahen.
Eine Anttvort schwebte ihm auf den Lippen, aber er unterdrückte sie, denn eben war Ilja Popow in den Salon «rrückgekehrt.
Harmlose Heiterkeit lag auf Popows Gesicht, als habe et von der Szene, die sich eben abgespielt, nicht die leiseste Ahnung. Und doch war ihm auf seinem Lauscherposten hinter der Portiere nichts entgangen; er hatte alles gesehen und gehört, feine Hände hatten sich drohend zu Fäusten geballt und sein Gesucht in finsterer Wut ver
zerrt.
Milica schlug vor, noch ein wenig zu musizieren und des Bruders Elektrophor, zu prüfen, das noch einige Vervollkommnungen erfahren hatte.
Als sie durch Popos Arbeitszimmer zur Werkstatt schritten, fiel Kalufsosfs Blick auf das Bücherregal mit der Weihe verbotener Schriften.
„Sie, Ilja Antonowitsch" rief er,' während er voranschritt, „in Ihrer Bibliothek sand ich gestern ein Buch mit dem Name „Stepan Godunow" — ist es ein Godunow auS Kiew?"
Er erhielt keine Antwort und drehte sich um. Was toc sah, packte ihn bis in den innersten Nerv, denn Ilja Popow stand da <— starr, totenblaß und mit aufgerisseneu glasigen Augen, alS habe ihn der Schlag getroffen.
,Mer was L Ihnen?" preßte Dimitty bestürzt her
vor, indem er ihn festzuhälten suchte, während Milica gleichfalls herbeieilte, um den Bruder zu stützen.
„Tie Papyrvssen — die Papyrosseu — scheußlich schwerer Tabak!" ächzte Popow. „Mir ist von dem Zeug mit einem Male erbärmlich schlecht geworden. Nun, es geht schon besser." Während noch immer ein hefttges Zittern und Frösteln seinen Körper erschütterte, stürzte er einige Gläser Wasser hinunter. „So, das hat geholfen", beruhigte er, indem er sich zu einem Lächeln zwang. „Lassen wir uns in unserem Vergnügen nicht stören. Bitte, Milica, spiele!"■
Milica ließ ihre schlanken Finger über die Tasten gleiten, um eine ihrer neuen Kompositionen vorzutragen. Wer ie spielte hastig und nervös. Zuweilen streifte sie den ruhig msitzenden Bruder mitt besorgtem Blick, oder sie lächelte reundlich dem Gast zu, der an ihre Seite getreten war und die Notenblätter umwandte.
„Ich begreife nicht", sagte Kalussoff, nachdem er ihrem Spiel und dem Instrument lebhaften Beifall ge- pendet, „warum Ilja Antonowitsch die ausgezeichnete Er- rndung der Oesfentlichkeit vorenthält. Seine Bescheidenheit ist Völlig verfehlt und nur ern Ausfluß der Aengst- lichkeit, an der die meisten Herren seiner Art zu leiden
^^Sich zu Popow wendend, firhr-er fort: „Wenn Sie nicht das Gong der Reklame schlagen, wird Ihr Elektrophon unbeachtet bleiben. Sie müssen mit ihm sofort vor das Publikum treten, damit die allgemeine Aufmerksamkeit auf Sie gelenkt wird. Hierdurch gewinnt das Prestige ^hres Namens außerordentlich, und Sie dürfen nicht vergejsen, daß hierdurch auch für die schnelle Verwertung unseres Akkumulators viel gewonnen wird."
Popow erhob Einwendungen, indem er ein Bekanntgeben der Erfindung vor der Patenterteilung als zu gefährlich bezeichnete. Wer Kalussoff bekämpfte unter lebhafter Zustimmung Milicas diese Zaghaftigkeit sehr energisch und schlug vor, schon in den nächsten Wochen em Konzert zu veranstalten, in dem das Instrument zu Gehör gebracht werde. „ , . , . , T, „
„Milica Antonowna", fuhr er fort, „wird ein halbes Tutzend Piöceu vortragen und ohne Zweifel stürmischen 9^pif(iTT PT/ntPtT, ituh förtP, |(i)u tvcTDCTt VtV
einem längeren Vortrage die Eigenart des Elektrophons aus- etnandersetzen. Tie Erfindung ist so neu und überrasch,end, daß sie Sensation erregen wird. Sie werden im Hand- umdrehen einen Interessenten finden, der Ihnen die Idee abkauft und zudem für die praktische Ausführung noch einen stattlichen Gewinn zugestcht. Meine Sorge wird fein, daß Ihnen nach den Fasten der große Saal im Adelsklub für das Konzert zur Verfügung gestellt wird, und daß die Billets untergebracht werden. Sie haben dann auf ein großes und gewähltes Auditorium zu rechnen."
„Sre sind zu reizend, Timttry Akimowitsch!", rief Milica lebhaft, denn die Aussicht, an einer der vornehmsten Stellen Moskaus konzertieren zu dürfen, erschien ihr als etwas! "Großes und Verlockendes. „Für alles wissen Sie Rat und Hilfe. Ihre Selbstlosigkeit verpflichtet uns zum ttefsten Tanke." Und nach einem flammenden Blick auf ihn fuhr sie fort: „Unbedingt werden wir das Konzert geben und bei dieser Gelegenheit alle Vorzüge des neuen Instruments keuchten lassen. Mit Deiner Bescheidenheit, lieber Bruder, kommen wir nicht weiter. Esgilt, die Ellenbogen kräftig zu gebrauchen, um nicht ms Hmtertreften gedrängt zu werden. Timitrh Akimowitschs Vorschlag ist vortrefflich Tie vier oder fünf Wochen bis zum Beginn des Konzerts werde ich fleißig üben, um Ehre mit meinem Spiel einzulegen. Ich wette, daß unser Abend ems der interessantesten Ereignisse der Saison werden wird."
Cs bedurfte der ganzen Ueberredungskunst beider, um Popows Einwilligung zu gewinnen. Nachdem er eine Menge Bedenken vorgebracht, stimmte er zwar zu, aber nur unlustig und wie bedrückt von geheimer Sorge.
„Merkwürdig", dachte Kalussoff, „daß er sich so sträubt, als ob das Leben von der Geschichte abhängig sei, wahrend sie ihm die höchsten Vorteile gewährt" , In seinem weiteren Gedankengange wurde er durch Milicas Aufforderung, sich über gewisse Einzelheiten des Konzerts zu äußern, unterbroHeu,
Eine eingehende Beratung fimd statt, an deren Ende Mllicif "unter Aherzen Dimitty Akimowitsch rhren getreucm, Skalen und Mi£i Impresario nannte, wahrend er chr


