Ausgabe 
17.11.1902
 
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Nein, Herr Geheimdedektive, ich' versichere Ihnen: nie- Wals mehr."

Gut. Gehen wir zu etwas anderem über. Hat Keßler Piel Briefe oder Depeschen erhalten?"

Was das anbelangt, nein", erklärte Frau Peters.Er Lat gar keinen erhalten."

Selbst nicht aus Königsberg, seiner Vaterstadt?"

Sie verlangen die Wahrbeit und ich sage Ihnen: Wir haben ihm niemals Briefe hinaufgetragen.-"

Nun, das ist ja brillant, daß man das konstatieren kann. Er ist aus Königsberg, wo er Familienangehörige besitzt, er kommt aus Rußland, wo er alle möglichen Ver­bindungen angeknüpft hatte, und erhält nie den kleinsten Brief, nie eine Nachricht. Finden Sie das auch so ganz natürlich, Frau Peters?''

Mer, Herr--"

Er verreist also heute morgen. Er behauptet, in Königs­berg einen kranken Verwandten besuchen zu wollen. Haben Sie sich denn nicht gefragt, woher er das weiß, daß sein Verwandter krank geworden ist, da er doch niemals weder Depeschen noch Briefe erhalten hat?"

Das kann ihm ja ein Freund gesagt haben."

Ein Freund! Wenn er Freunde hatte, dann müßten Sie einige davon kennen. Geben Sie mir einige Auskunft über sie."

Das kann ich nicht; denn es ist niemals jemand zu .ihm gekommen."

Niemand nicht", echote Peters.

Sonderbare Partei, die in ganz Berlin nicht eine einzige Bekanntschaft hat! Tas sind zwar alles Kleinig­keiten, die nach nichts aussehen, die Keßler wohl selbst übersehen hatte, und die zu Beweisen gegen ihn werden können. Hat er einen Koffer oder eine Tasche mit­genommen?"

Nur eine Reisetasche."

Und ist er zu Fuß von Hause weggegangen?"

Nein; er hat meinen Alten gebeten, ihm eine Droschke zu holen."

Woher haben Sie dieselbe geholt?" wandte sich Müller NN den Portier.

Vom Standplatz in der Tauenzienstraße."

Erinnern Sie sich nicht, mehr an die Wagen,nümmer?" Nein, die hab' ich mir nicht angesehen." Wieviel Uhr war es?"

Acht ein Viertel vor acht beiläufig."

Hat er in Ihrem Beisein dem Kutscher eine Adresse angegeben?"

Jawohl. Nach'm Friedrichsbahnhof hat er gerufen.

Ties alles genügt mir einstweilen für heute", schloß Müller, indem er aufftand.Noch ein letztes Wort. Sollte, was zwar unwahrschenllich ist, das' Stubenmädchen Minna oder Herr Keßler zurückkehren man muß alles vorsehen; sie können ja ein Papier oder irgend einen kompromittie­renden Gegenstand vergessen haben und sich dessentwegen, um es wieder zurückzubekommen, auch einigen Gefahren auszusetzen so lassen Sie kein Wort über meinen Besuch verlauten und eilen Sie sofort zu dem Polizeikommissar dieses Viertels, zu dem, der Sie schon öfters verhört hat, ihn zu verständigen. Sie verstehen mich. Es wäre Ihr großer Schade, wenn Sie es unterlassen würden. Man könnte Sie dann leicht der Mitwissenschaft beschuldigen."

Wir! An einem Verbrechen! Ach, Tu lieber Gott! Wir! Nach einem so anständigen, reinen Lebenswandel!" schluchzte die Peters.

Sie ließ sich aus einen Stuhl fallen, und Müller be­nutzte ihre Aufregung, um sich zurückzuziehen.

(Fortsetzung folgt.)

Weihnachtsbücher.

Weltgift. Roman von PeterRosegger. 25^ Bogen 8° in bester Ausstattung, broschiert 4 Mk., geb- 5 Mk. Einband­decke gezeichnet von M. Bernuth. Nach längerer Pause bietet der Tichert seinen Lesern wieder einmal einen Roman, ein groß angelegtes Werk, welches unbedingt ganz beson­deres Aufsehen erregen wird. Ein Gegenstück zu dem viel­seitig bewunderten RomanErdsegen", läßt er trotz des tragischen Unterganges der Hauptperson des Romanes doch nicht den freudigen, aufbauenden Optimismus vermissen, mit welchem der Dichter noch immer Has Wesen und Schaffen seines gesunden Volkes geschildert hat. Bei der Eigenart des Stoffes und dessen Verarbeitung (der Roman trägt nicht umsonst den TitelWeltgist") wird es sich nicht ver­meiden lassen, daß dieser oder jener mit Einzelheiten nicht sympathisiert, keiner wird aber verkennen können, daß er es auch hier mit einemechten Rosegger" zu thun hat. Jedenfalls gehört das Werk zu den interessantesten Büchern des Jahres, mit dem sich jeder Gebildete beschäftigt haben muß,

Dem Jubiläums-Jahrgang von Trowrtzfchs Ver­bessertem Kalender gebührt diesmal eine besondere Be­achtung. Zunächst weil es wohl einzig dasteht, daß ein Kalender ins dritte Jahrhundert seines Bestehens eintritt mehr noch wegen der Vornehmheit, mit der hier Geschichte und Unterhaltung shckh harmonisch zu einem prächtigen Bande vereinen. Die merkwürdige Geschichte dieses fast gleichzeitig mit dem preußischen Königtum erstandenen Ka­lenders, der bis 1820 der offizielle preußische war, ist von Professor Adolf Harnack in knapper Darstellung ge­schildert, die auf jeder Zeile interessiert. Ihr folgen drei Erzählungen von Sophie CH. v- Sell. Vom sonstigen wertvollen Inhalt sei nur das markige Eingangsgedicht von Ernst von Wildenbruch hervorgehoben. Ein Glückauf dem trefflichen Kalender zum dritten Säculuml

Der mündliche Bortrag. Ein Lehrbuch für Schulen und zum Selbstunterricht von Roderich Benedix. Erster Teil: Die reine und deutliche Aussprache des Hochdeutschen. Neunte Auflage. In Originalleinenband 1.50 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Wenn man im gewöhnlichen Leben die Menge von schlechten Angewohnheiten beim Sprechen, das Stottern, das Lispeln, das Uebereilen, das Verschlucken von Silben, die Undeutlich­keit, die unschönen Anklänge an Mundarten hört, und wenn man dagegen betrachtet, daß in unserer Zeit fast jeder, in geselligen Kreisen, vor Gericht, in Versammlungen und Vereinen, in die Lage kommt, vor Zuhörern allein sprechen zu müssen, so bedarf es wohl keines Beweises, daß Uebungen in der Kunst des Vortrags immer notweudiger werden. Die wesentlichsten Erfordernisse eines guten Vor­trags sind: Deutlichkeit und Reinheit der Aussprache; richtige Betonung der einzelnen Silben, Wörter und Sätze; Schön­heit des Vortrags. Der vorliegende erste Teil desMünd­lichen Vortrags" von R. Benedix behandelt die reine und deutliche Aussprache des Hochdeutschen und dürfte auch für höhere Klassen der Elementarschulen und untere der Gym­nasien und Bürgerschulen geeignet sein.

Rechenaufgabe.

(Nachdruck »erboten.1)

Wie kann man mit 5 verschiedenen Gewichen alle Gewichtsmengen von 1100 Pfund wagen?

(Anflvsung in nächster Nnmmer.)

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Ein Mann, ein Wort.

ModerröerLcht üöer Aeformlüeidurrg

Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktur Dresden-N. Reichhaltiges Modenalbum und Schnittmnsterbirch zu 50 Pfg. daselbst erhältlich.

Lächerlich", einen Modenbericht über Reformlleider schreiben zu wollen, wird vielleicht manche Leserin denken, bedeutet doch die Reform oder vielmehr die Verbesserung der Frauenkleidung einen Kampf gegen die Mode; denn nur die Gesetze der Hygiene, der reinen Schönheitslinie sollen hierfür Geltung haben und mit diesen steht ja die Mode sehr oft auf gespanntem Fuße. Und do.ch hat die Mode sehr viel damit zu thun; denn die Reformkleidung istin Mode gekommen". Tie Vernunft hat gesiegt, könnte man ja auch sagen, der Effekt bleibt jedoch derselbe, indem

sich das große Publikum dafür interessiert und ein beträcht­licher Teil der heutigen Frauenwelt Reformlleider trägt. Wenn nun das Ideal einer allen Ansprüchen genügenden Reformkleidung bisher auch nicht erreicht wurde, so ist es doch eben Mon so weit gekommen, daß die Frauenwelt teilweise L /.allen an derselben findet und das wird immer mehr geschehen, je mehr sich die Mode für den Gegenstand interessiert; denn die Mode, jenes tausendköpfige Etwas, was sich nicht definieren läßt, ist allein im stände, die Reformkleider so herzurichten, daß sie dem all-