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gemeinen Geschmack zusagen, deshalb — und damit kommen wir auf den Ausgangspunkt unseres Berichtes zurück — ist es gar nicht so lächerlich, einen Modenbericht über Reformkleider zu schreiben, als es vielleicht den Anschein haben mag. Tie Mode hat schon vielerlei Neues und Schönes auf diesem Spezialgebiete gebracht, sodaß sogar der Geschmack der verwöhnten Modedame passendes finden dürfte. Schon die Grundlage ist schön und für die meisten Figuren, auch die starken, kleidsam. Es giebt allerdings nur zwei allgemein brauchbare Grundformen, die den Linien des weiblichen Körpers folgende Empireform und die kurze Taille mit angesetztem, gleichfalls nach dem Körper geschnittenem Rock. Alles andere sind nur Einzelideen, welche sich nicht allgemein verwerten lassen. Auf diese beiden Schnittformen läßt fick jedoch alles aufbauen, was unser erfinderischer Modegeist nur irgendwie reizvolles und elegantes ersonnen hat, und zwar mit solch verblüffender Leichtigkeit, daß die intelligente Schneiderin ihre Helle Freude daran haben kann. Eine Ausnahme machen nur die Blousen, unsere lieben, altgewohnten Blonsen, und bleibt dies noch ein Feld für erfinderische Köpfe; denn alles was bisher in dieser Beziehung geliefert wurde, ist immer nur Versuch geblieben und kann noch lange nicht -als vollwertig gelten.
T-ie modernen Rockformen jedoch mit ihren Volants und geschweiften Nähten, die Bolerojäckchen, die breiten Kragen, die Einsätze und Passen, die Berthen und Fichus,
alles das läßt sich aufs beste mit einer der beiden Grundformen vereinigen. Oft sogar nimmt es sich besser aus als auf unseren bekannten Blousenkleidern, wie z. B- die breite, doppelte Mittelfalte, welche jetzt so sehr modern ist. Turch den bei den Blousenkleidern unbedingt notwendigen Gürtel wird sie stets in einer Weise unterbrochen, welch« unserem Auge zwar gewöhnt, aber keineswegs schön ist, während sie am Empirekleid tadellos zur Geltung kommt, wie untenstehende Figur, Modell 257, zeigt. Dieses zwar einfach in der Form gehaltene, aber hochelegant miSge- führte Gesellschaftskleid ist überhaupt dazu angethan, der Reformbestrebung Freunde zu gewinnen, denn trotzdem es in seiner halbanliegenden Form genau den Vorschriften der verbesserten Frauenkleidung entspricht, repräsentiert eS doch mit seiner serpentineförmigen Spitzenberthe, der spchenbedcckten doppelten Mittelfalte und den halblangen Bauschärmeln die neueste Mode.
Ebenso ist das Straßenlleid mit kurzem Jäckchen, Modell 258, hochmodern. Tie Grundform bildet gleichfalls das halbanliegende Empirekleid, dessen Näbte ine bekannte, nach unten ausgeschweifte Form haben. Das Kleid selbst hat einfache vor der Hand in ein Bündchen gefaßte Blousenärmel, während das Jäckchen weite, hinten offene Aermel zeigst, welche den Kleidärmel sehen lassen. Ein breiter mit Sammt bekleideter Matrosenkragen und moderne Pafsemcnteriegehänge bildet den übrigen Schmuck.
Wie die ziveite Grundform — kurze Taille mit gei
Modell 267.
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Modell 258.
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Modell 259.
schweiften: Rock — modegerecht zu gestalten ist, zeigt deutlich Modell 259, gegen welches wohl auch die verwöhnteste Modedame nichts einzuwenden haben dürfte. Sind sie nicht volllommen modegerecht, jene flachen Serpentine- Volants, ipelche den unteren Rockrand umgeben? Ist er nicht graziös und elegant, der breite spitzengedeckte Kragen, mit welchem die hohen Aermelstulpen harmonieren. Und die ringsum gleichmäßig in Fältchen gesteppte Taille mit seitlichem Schluß ist ohne Zweifel fesch und jugendlich, so recht dazu geeignet, einen schönen Wuchs vorteilhaft zur Geltung zu bringen.
„Ter schöne Wuchs!" Ja, das ist wohl in vielen Fällen der Stein des Anstoßes bei der Entscheidung für Reformkleidung, über welchen Hinwegzukommen schwer fällt; denn nicht jedem ist ein schöner Wuchs verliehen. Ta sei denn zum Trost gesagt, daß die Reformkleidung, wenn sie gut gemacht ist, eher dazu angethan ist, unnormale Figuren auszugleichen und zu verhüllen, was leicht zu begreifen rst,, wenn man bedenkt, datz die Reformkleider nicht fest anliegen und somit die Formen nicht so erkennen lassen, wie unsere jetzige Kleidung. Allerdings gut gearbeitet, und vor allem gut geschnitten muß sie sein, und das ist nicht leicht, wie wir gern zugeben, und die allgemeinen Kennt- nrsse der Zuschneidekunst reichen da nicht we^ch denn die feste Grundlage, auf der die Schneiderin zu eiten gewöhnt ist, das Korsett, es fehlt. Da sind denn die vorzüglich sitzenden, vielfach erprobten Schnitte der Inter
nationalen Schnittmanufaktur Dresden eine willkommene Hilfe in der Not, indem sie die sonst so große Mühe deÄ Zuschneidens auf ein Nichts zusammenschmelzen lassen. Jedenfalls ist es für die Allgemeinheit von Wert, einmal daraus aufmerksam gemacht zu werden, daß die eigentliche Pionierarbeit für die allgemeine Einführung der Reformkleidung in der Herstellung zuverlässiger und brauchbarer Schnitte besteht. Tie schönsten Künstlerentwürfe sind gegenüber den mit der wirklichen Herstellung, der praktischen Brauchbarkeit rechnenden Schnittformen gewissermaßen nur graue Theorie. Wer aus dieser Thatsache die rechte Lehre ziehen will, wähle keine Reformkleidung nach bildlichen Darstellungen, für welche die praktische Ausführbarkeit nicht ganz zweifellos feststeht; dann wird er vor Enttäuschungen, die häufig Vorkommen, bewahrt bleiben.
Die Reformmode, brick> t sich immer mehr Bahn, das ersieht man recht deutlich aus dem Reichst. Modenalbum und Schnittmusterbuch der Intern. Schnittmanufaktur, Tresden, dessen soeben erschienener Nachtrag eine reiche Auswahl sehr geschmackvoller Reformmodelle enthält. Wer sich für Reformmode interessiert, dem kann die Anschaffung dieses Albums (Preis nur 50 Pfg.) bestens empfohlen werden, weil damit wie nirgends anders die wichtigste Hilfe für praktische Herstellung durch die zu allen dargestellten Modellen erhältlichen vorzüglichen Schnitte geboten ist.
Redaktion: Gurt Plato — Rotationsdruck und Verlag der Vriihl'säcn llmversttäts.Vuck. und Cteindruüerei (Pietsch Erden) in Gießen.


