Ausgabe 
17.11.1902
 
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Ich bin K'riminalinspektor."

Allmächtiger! Noch einer l Wird man uns' denn nie in Ruhe lassen?"

Nein, solange Ihr Haus' noch Verbrecher beherbergt.^ Verbrecher? Sie meinen das doch wohl nicht in Bezug auf Herrn Keßler."

Gerade. Und Sie werden mir alle Auskünfte über ihn geben, deren ich bedarf", sagte Müller, indem er ohnej jede weitere Aufforderung Platz nahm.

Da er die feste Ueberzeugung hatte, daß Paul Quer- zewski niemals mehr in die Augsburger Straße zurück­kehren werde, hielt er es für überflüssig, den Portierst leuten gegenüber den Diskreten zu spielen, sondern er zog es vor, sie einzuschüchtern, indem er sie seinen Stand und seine Eigenschaft wissen ließ. In letzterem Falle würden sie sich dann genötigt sehen, ihm zu antworten, was sie sonst unterlassen hätten, wenn er von ihnen bloß für einen Neugierigen gehalten worden wäre.

Demnach ist dieser Herr Keßler", fuhr er fort,art demselben Tage verduftet tote das Kammermädchen Minna. Hat Sie denn dieses doppelte Verschwinden der beiden Hauptzeugen im Prozeß Sempach nicht etwas stutzig ge». macht, liebe Frau?"

Gucke da das ist doch wahr!" bemerkte Peters aus dem Hintergründe seiner Loge.

Aber sie hatten doch schon vor dem Gericht ausgesagt< Tie waren ja noch fertig", beeilte sich Frau Peters hinzu?, zufügen, die gewohnheitsmäßig ihre Parteien immer ver-, teidigte.

Nichts ist fertig, das wissen Sie ganz gut. Im Gegen­teil, die ganze Geschichte fängt wieder für uns von fronte an. Es wurde eine neue Untersuchung angeordnet."

Ach Gotte doch! So werde ich also wohl noch einmal nach Moabit müssen?"

,Unter allen Umständen. Wenn aber Ihre Antworten auf meine Fragen recht deutlich und präzise ausfallen, wird sich der Richter, dem ich sie überbringen werde, vielleicht damit begnügen."

Na, denn man los. Fragen <Bte nur. Ich werde alles beantworten. Es ist gar so genierlich, dorthin gehen. 5» antworten Sie! Wissen Sie vielleicht, ob sich

| Herr Keßler und die Minna gekannt haben?"

|Die Beiden? Nein. Vielleicht, daß sie sich auf der Treppe begegnet find. Bei Mietern in demselben Hause ist das nicht so erstaunlich." , , oz/

Sie haben niemals den etnen bei dem andern gesehen? - Nein, niemals."

Brr, halt einmal", sagte Peters, näher tretend.

Hm? Was?" machte sie lebhaft und hocherstaunt, daß ihr Mann das Wort zu ergreifen wagte, ohne fron ihr dazu die Erlaubnis erhalten zu haben.

Sprechen Sie sich nur aus", wendete sich Muller an den Hausbesorger. , ,

's ist nur", begann dieser, etwas verwirrt,daß metne | Frau vergißt"

Was denn? Was habe ich vergessen?" ,

Daß eines Tages na, es ist schon eine Zeit lang ^er--es war das noch frorm Mord als ich von

dem Mietsherrn fünf Treppen herunterkam von dem anderen der seine Wohnung jetzt wieder vermietet

I r)Qt ,An Herrn Neumann, ich weiß", rief Müller.Nun ?" ,Na da fand ich die Minna im Treppenhaus vor

I der Ahür von Keßler."

So! Ah! Na, und was haben Sie ibr gesagt?"

Na, ich habe sie einfach gefragt, was' sie denn drt zrt thuu hätte. Und sie hat mir zur Antwort gegeben: ,,^ch habe Sie gesucht, um Ihnen einen Auftrag zu geben, und ich habe geglaubt, Sie find da zu Herrn K'eßler hineui-

I gegangen; der weil waren Sie aber nebenan/ Er lachte I "Nanu", unterbrach ihn Frau Peters heftig,was ist denn da so Großes dabei? Tu quatscht und quatscht UM nichts und wieder nichts."

Das kann ich gar nicht finden", sagte Muller,und wenn Ihrem Gatten ein Vorwurf zu machen wäre, ist es nur der, daß er nicht schon früher diesen Punkt erwähnt I hatte. Seit der Zeit aber", fuhr er fort,haben Sie das I Stubenmädchen nicht mehr mit Herrn Keßler zusammen I überrascht?"

an Paul Querzetoski, als ich mir sagte: Julie hat den Schlag I ausgeführt." , , , I

Gut, auch das will ich Ihnen zugeben", sagte der Untersuchungsrichter,daß Paul Querzetoski der Schuldige I sei, den wir suchen. Wer daraus gleich den Schluß zu I ziehen, daß der Zeuge Keßler ein entkommener Sträfling I sei, ist denn doch ettoas zu rasch frorgegangen und gewagt. I Wie alt ist Ihr Sträfling?"

Noch nicht vierzig." I

Keßler, den ich hier in diesem Kabinett am helllichten Tage auf dieser Stelle wenigstens zehnmal gesehen habe, ist ein Mann von mehr als fünfzig Jahren, mit grauem Haar und kränkelnd." , . I

O, Herr Landgerichtsrat, das ist immer noch kein Grund. Querzetoski versteht es, sich herzurichten. Er ist Meister in der Verkreidungskunst . Er hat bei unseren ersten Künstlern, als er noch Statist beim Theater war, Unterricht genommen. Er hat es verstanden, selbst die getoiegteften Beamten zu täuschen. Ich allein vielleicht würde mich nicht I täuschen lassen, weil ich seine Augen lange studiert habe. Tas ist so meine Gewohnheit, mein Steckenpferd. Man kann wohl seine Gestalt verändern ein Schlanker kann dick werden man kann sich einen Bart wachsen lassen, man kann sich schminken, sich Falten und, Runzeln anmalen aber seine Augen verändert man niemals. Dürfte ich I mir noch die Frage erlauben, ob Ihnen nicht etwas im | Ausdrucke seiner Augen auf gefallen ist?"

Nein. Aber was mir jetzt auffällt, ist, daß der be- | sprochene Zeuge blaue Brillen trägt."

Blaue Brillen! Na, da haben wtr's! Seine Augen könnten ihn verraten, deshalb versteckt er sie. Nun denn, I Herr Landgerichtsrat, ich fange an zu glauben, daß meine Annahmen doch nicht so lächerlich sind, wie ich anfangs dachte. Es hieß im Prozeß, daß Minna eine musterhafte Aufführung bekundete, daß sie niemals das Haus zu ver­lassen pflegte. Sie hatte es ja auch nicht nötig, auszugehen ihr Mitschuldiger wohnt ja in demselben Hause tote sie er im fünften, sie im sechsten Stock. Sie haben sich jedenfalls bei Nacht besucht und berieten über geschickte | Handgriffe, die sie ausführen könnten. Der eine schien ihnen leicht ausführbar: Frau von Sanden hatte nämlich 20 000 Mark erhalten. Julie wußte davon. Sie öffnet ihrem Geliebten die Thür und so wurde die That vollbracht."

Za, ja, gewiß, das alles ist möglich, aber nichts beweist es."

Würden Sie darin einen Beweis sehen, wenn der Zeuge Keßler auch die Flucht ergriffen hätte?"

Taiiil ja. Ist er denn entflohen?"

Ich weiß es nicht, aber ich habe Ursache, es zu glauben, oder vielmehr, es zu fürchten."

Gehen Sie, -sich zu überzeugen, ohne eine Minute zu verlieren, und kommen Sie dann wieder!"

69. Kapitel.

Ist Herr Keßler zu Hause?" fragte Müller die Por­tiersfrau in der Augsburger Straße.

Nein, mein Herr, er ist verreist."

Ein Lächeln der Befriedigung glitt über die Züge des Kriminalbeamten. Er hatte sich also nicht getäuscht. Aber nachdem er auf diese Weise seiner Eitelkeit Ausdruck ge­geben hatte, verschwand sein Lächeln, und seine Stirn ver­finsterte sich. Wie sollte er Paul Querzewski jetzt wieder­finden? Tenn die eilige, mit der Flucht Julie Farkas zusammenfallende Abreise hätte ihm über die wahre Per­sönlichkeit des Zeugen Keßler keinen Zweifel mehr gelassen, wenn er noch solchen gehabt hätte.

So, er ist verreist", nahm er wieder auf.Wissen Sie vielleicht, ob er bald zurückkommt?'"

In einigen Tagen. Er ist nur nach Königsberg, in seine Vaterstadt, um einen kranken Verwandten zu besuchen."

Tas ist doch sonderbar. Ich hatte ihn so notwendig zu sprechen. Und ist Minna, das gewesene Kammermädchen der Frau von Sauden, gestern noch das Stubenmädchen des Herrn Neumann, etwa wieder gekommen?"

Gucke da! Was fragen Sie mich denn da alles!?" Ohne ihr darauf zu anttoorten, fügte er bei:

Sie läßt sich ettoas Zeit, einen Arzt für ihren Herrn zu holen."

Woher wissen Sie denn das alles?" fragte Frau Peters ganz entsetzt.

Ja, das ist eine Pflicht meines Berufes."

Ihres Berufes? Was sind Sie denn?"