Montag den 17. November.
Nr. 171.
1902
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(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
Gleichzeitig verlockte ihn der Gedanke, dieser anbetungswerten Gräfin Doroukoff einen gewünschten Dienst, — einen Dienst von der Airt zu leisten, wie ihn eine Frau so leicht nicht vergißt, — jener Gräfin, die zu ihm gekommen war, so offen zu beichten; er würde es veranlassen, daß ihr Erscheinen in der Verhandlung hinfällig wurde, — daß die Unschuld Herrn von Sempachs dargethan wurde, ohne daß man ihr Zeugnis für das sie so sehr kompromittierende Alibi brauchte.
Und wiederum war sie es gewesen, die ihm die Fährte gezeigt hatte: „Suchen Sie, entdecken Sie den Schuldigen!" hatte sie gesagt. „Das ist dann die beste Rettung für mich, für Fräulein Rakenius und für Herrn von Sempach!" Uno nun suchte er, um zu gehorchen, um ihr zu gefallen, auch um seinem Pflichtgefühl nach- zukommen, — doch konnte er nicht finden. Und da kam nun ein Weltfremder dahergeweht, um zu sagen: „Ich habe statt'Ihrer gefunden."
Ohne Verwirrung, freien Blicks und sicheren Wortes begann Müller sich auszusprechen r
„Seit dem ersten Tage schon hatte ich das Kammermädchen Minna im Verdacht, in dem Morde ihrer Herrin irgend eine Rolle gespielt zu haben. Aber mich ging ja die Sache nichts an. Kein Mensch hatte mich um meine Meinung befragt. Ich hatte nichts zu sagen, deshalb sagte ich auch nichts. Heute ist es etwas anderes. Heute schickt mich mein Chef zu Ihnen, Herr Untersuchungsrichter, um Ihnen meine Verdachtsgründe, ich möchte sogar, wenn ich dürfte, sagen: meine Gewißheit auseinander^usetzen."
„Sie dürfen immerhin. Ich ermächtige Sie, alles zu sagen. — Wie kam Ihnen diese Gewißheit?"
„Als mir das Bild jener Minna entworfen wurde, ähnelte es in ganz erstaunlicher Weise einer gewissen Julie Farkas, mit der ich früher viel zu thun gehabt, und die ich trotz meiner großen Bekanntschaft mit tausend Verbrecherinnen nicht vergessen hatte. Tie Sommersprossen, ihre Narbe auf der rechten Wange und eine eigenartige Angewohnheit mit der Zunge, alles dies ließ keine Täuschung zu. Sie mußte es sein. Wenn Sie übrigens die Liebenswürdigkeit haben wollten, das Bild von Julie Farkas aus dem Verbrecheralbum holen zu lassen, so werden Sie sich selbst leicht überzeugen, daß Minna und Julie ein und dieselbe Person ist."
„Tann also ist keine Minute weiter zu verlieren", meinte der Untersuchungsrichter. „Ich werde Ihnen sofort den Haftbefehl ausfertigen lassen."
„Tas ist einstweilen überflüssig. Julie Farkas — Sie
gestatten wohl, die Dirne jetzt bei ihrem richtigen Namen zu nennen--wohnt nicht mehr in dem Hause, das Sie
meinen. Sie ist eben erst durchgebrannt."
„Ah! Sind Sie dessen sicher?"
„Vollkommen. Sie hat sich jedenfalls die Gefahren einer neuen Untersuchung llargelegt und eingesehen, daß die Sach« diesmal für sie schlimm ausgehen könnte."
„Und Sie wissen auch nicht, wohin sie sich begeben hat?"
„Habe keine Ahnung. Aber ich werde sie suchen. Ich glaube, meine Nachforschungen hätten mehr Zweck und Nutzen, wenn Sie mir erlauben wollten, Sie um eine Aus-' fünft zu bitten."
„Fragen Sie, fragen Sie immerhin!"
„Infolge meiner Abwesenheit bin ich über den ganzen Prozeß nur oberflächlich orientiert. Doch glaube ich mich zu erinnern, daß ein Zeuge behauptet hat, er hätte Herrn von Sempach am Abend des Verbrechens das Haus betreten gesehen."
„Jawohl, der Zeuge Keßler."
„Dieser Zeuge lügt. Sie werden jedenfalls auch schon zu dieser Ueberzeugung gekommen fein, jetzt, da Sie die Unschuld Herrn von Sempachs voraussetzen. Wozu also diese Lüge? Man wäre versucht zu glauben, daß dieser Herr Keßler dieselbe Rolle gespielt hat, wie Julie Farkas, und daß er, übereinstimmend mit ihr, versucht hat, die Gerichte irrezuführen. Und zu welchem Zweck? Um zu verhindern, den Verdacht auf die wahrhaft Schuldigen zu lenken. Diese Finte ist bekannt."
„Gewiß, — ja, — aber dieser Zeuge, der Ihnen verdächtig vorkommt, gilt für vollkommen anständig. Seine Vergangenheit ist eine vorzügliche. Nachdem er lange Jahre in Königsberg gelebt hatte, wo er nur ein gutes Andenken hinterlassen, wanderte er aus, um sich in Rußland —■ ich denke in Riga — niederzulassen. Er hat sich durch verschiedene Handelsunternehmungen ein kleines Vermögen erworben und ist dann wieder nach Deutschland zurückgekehrt."
„So, wirklich!" meinte Müller träumerisch. „Er kommt aus Rußland! — Rußland ist ein Nachbar von Memel."
„Was vermuten Sie denn?"
„Nein, nein, — mein Gott, ich suche nur. — Verzeihen Sie mir, Herr Rat, wenn ich mich etwas ausbreite, —j aber auch falsche Schlüsse führen oft zur Wahrheit. Ich nehme nur an, daß sich etn Sträfling, der aus Memel entflieht, zuerst nach Rußland begiebt und nur dann in die Heimat zurückkehrt, wenn er sichere Garantien für die Zukunft, einen falschen Namen, eine gute Verkleidung, ost auch wenn er gestohlene Papiere bei sich hat."
„Tas ist wohl alles möglich. Aber von welchem Sträfling sprechen Sie denn?"
„Bon dem, den ich bereits die Ehre hatte, Ihnen zn nennen, — von Paul Querzewski, dem getreuen Liebhaber und unzertrennlichen Spießgesellen der Julie Farkas. Wenn man diese einmal fest hat, so kann man überzeugt sein, daß der andere nicht weit weg ist. Auch dachte ich sofort bei mit


