616
(Kanäle) entlang. Jeder möchte der erste auf dem Markte sein, sich den günstigsten Platz auszusuchen, wo er sein großes Käsebrett anlege, denn das hat der Käse — außer dem Duft! — mit den Blumen gemein, daß er im Strahl der Augustsonne rascher welkt als im Schratten. Wo aber ein jeder seinen Plan gebreitet und seinen Stand also bezeichnet hat, da führt nun langsam sein Wagen in die Nähe. Der kräftige Gaul wird abgeschtrrt und die Knechte knieen sich zur Seite der Leinewand, der Bauer aber wirft, auf dem Wagen breitbeinig stehend, die runden Edamer Käse ihnen zu, daß sie hoch durch die Luft und über die Köpfe der Umstehenden hinfliegen wie goldene Sonnenbälle'. Dies mit großer Geschicklichkeit von allen zugleich betriebene Wursspiel dauert so lange, bis auch der letzte Käse in das Gesamtfeld eingefügt.*)
Prangt alles in zierlicher Vollendung, so beschrerten Käufer und Martthelfer bedächtig die schmalen Wege zwischen den gelb und rötlich schattierten Teppichbeeten. Prüfend Kopsen sie an die blonden Rundköpfe, die ihnen zu Füßen liegen, ob die autfij nicht etwa eine hohle Antwort geben. Jetzt heben sie einen aus dem Haufen heraus, drehen einen kleinen Bohrer in sein Inneres, ein Pröbchen auszulösen. Der wahre Msekenner kostet nicht mit der Zunge; nein, der kunstgeübte Finger zerreibt ein wenig von der Masse, die Nase, das feine Gefühl sind ihm sichere Richter über die Qualität. Nachdem er sich die gewünschte Einsicht verschafft, wird das ausgebohrte Probestücklein kunstgerecht in die entstandene Lücke wieder eingefügt. Nun kann der Handel beginnen. Hat man sich, über den Preis, etwa 17—18 Gulden pro Zentner, geeinigt, so packen die Knechte je 100 Käse auf Tragbahren, die in derselben Farbe angestrichen sind, wie die Wagen des Bauern, der entweder zur gelben, roten, blauen oder grünen „Maatschappij" (Genossenschaft) gehört. Diese eeren Bahren hängen die Träger an Gurten über den
!en, lassen die Hände frei herabbaumeln und „loben" in hüpfendem Laus, den wir als „Zuckeltrapp" bezeichnen würden, mit ihrer Last nach der „Stadtwage". Dies alte, 1602 erbaute Haus ist die schönste Zierde des Marktes, vielleicht der Stadt. Jährliche werden in ihm 10 Millionen Pfund Käse gewogen, denn die Hälfte des nordholläudischen Käsehandels wird von Alkmaar aus betrieben. Ist das Gewicht jeder Ladung dort amtlich von vier, durch weiße Kleidung und bunte Hüte gekennzeichnete Wiegemeister festgestellt, so geht es per Bahre in gleichem Trabe wie vorhin zu den, auf den Grachten liegenden Schiffen, welche bereits durch schräg an das Ufer gelehnte Brücken die Verbindung mit dem Markt hergestellt haben. Die Bahre wird umgedreht und hurre-hopp! rollen die dicken, blanken Kugeln in den Schiffsraum hinab, um zunächst nach Rotterund Amsterdam, und von dort in die Häfen aller Zonen befördert zu werden. In Alkmaar wird nur der sogenannte ,,Edamer" verhandelt. Natiirlich giebt es ungezählte andere Arten, vom scharfen Kräuterkäse bis zum süßen, mit Rosinen durchsetzten. Einen sehr merkwürdigen „grünen" erzielen die Bewohner der nahen, durch ihren Schaf- und Seevögelreichtum berühmten Insel Texel, indem sie den Abgang der Schüfe, in ein Läppchen gebunden, in die Milch hängen. Ich denke mir, diese appetitreizende Erfindung ist von einem verliebten Schäfer gemacht, den irgend ein Dünenjäger beim Liebchen ausgestochen und der in bitterer Eifersucht diesen letzten Versuch austellte (nach dem Rezept: „mein Schatz hat's Grün so gern"), das verlorene Herz durch den Magen zurück^ugewinnen.
In den glorreicheren Tagen seiner Vergangenheit hat Alkmaar zartere Düfte, kostbarere Knollen über den Erdball verbreitet. Nach einer alten öffentlichen „Lijste van aenighe Tulpaen" sind hier: „op den 5. Februarij 1637 aen de meß bidende verkocht": (verkauft) ein „Viceroy" (weiß mit lila), die Zwiebel im Gewicht von 658 Assen für 4200 Gulden! Ein „Admiral Liefkäns", Zwiebel 59 Assen, zu 1015 fl. Ein Bellaart von 399 Assen, 1520 ft. Ein „Sjery Katelijn" von 619 Assen: 2610 fl.! An der Börse wurde mit Zwiebeln spekuliert, die noch gar nicht
*) Unwillkürlich erinnert man sich, bei diesen „Edamer Kugeln", der Anekdote, daß Admiral de Ruyter, als ihm die Kanonenkugeln einmal ausgegangen, unter die Berber mit steinharten, alten Edamern schießen ließ und das mit bestem Erfolge!
gewachsen waren! Als im Jahre 1637 die Regierung diese Art der Spekulation, bei der einzelne bis zu 68000 Gulden in einem Jahre gewonnen haben sollen, Hintertrieb, fielen die Tulpen so im Preise, daß z. B. dieselbe „Semper Augustus-Zwiebel", die bis zu 13000 fl. heraufgetrieben worden, jetzt nur 50 fl. galt. Im 18. Jahrhundert wucherte dann der Hyazinthenhandel ebenso üppig (eine „Bleu passe non plus ultra" kostete 1600 fl.), um im 19. der reelleren Käse-Passion den Markt gänzlich zu überlassen. _____________
Vermischtes.
(Sine Eheschließung unter tragischen Umstättdeit. In dem nordamerikanischen Städtchen Orienta Point im Staate Newyork fand, wie aus Newyork berichtet wird, kürzlich eine seltsame Eheschließung statt. Mr. Bradford McGregor ließ sich wenige Stunden vor einer Operation auf Leben Und Tod mit seiner Braut Miß Clara Schlemmer aus Newyork trauen. Der Schwerkranke, der erst vor etwa! vier Monaten in Karlsbad weilte, um dort Heilung von einem gefährlichen Nierenleiden zu suchen, stand jetzt vor der Alternative, innerhalb einer Woche ein toter Mann zu sein oder durch das Messer des Chirurgen eventuell am Leben erhalten zu werden. Er entschied sich für das letztere, und da seine Verlobte dringend wünschte, ihn elbst zu pflegen, im Falle er die Operation glückliche überleben würde, traf man die Vorbereitungen zu einer sofortigen Trauung. Tre zur Zeit noch in Deutschland weckenden Eltern des jungen Mädchens gaben telegraphisch ihre Einwilligung, und in Gegenwart der Mutter und eines Freundes des Bräutigams, des Bruders der Braut und der beiden medizinischen Kapazitäten, die vier Stunden später den bedauernswerten, jungen Mann operierten, wurde die Zeremonie vollzogen. Mit kaum vernehmbarer Stimme antwortete der vor Aufregung und Schwäche fast ohnmächtige Kranke, neben dessen Lager die leise schluchzende Braut kniete, auf die Fragen des Geistlichen, der den Mt so kurz wie möglich machte. Erschütternd war der W-- schied, den die bis zum letzten Moment bei dem Gatten bleibende Neuvermählte von dem Leidenden nahm, als dieser in das für die Operation hergerichtete Zimmer getragen werden mußte. Ten beiden Chirurgen, die man aus Newyork und Philadelphia hatte kommen lassen, assistierten noch fünf andere Arzte. Tie Operation dauerte zwei Stunden und nahm einen glücklichen Verlauf. Der Kranke, den sein junges Weib aufopfernd pflegt, wird voraussichtlich am Leben bleiben.
Die politische Lage. Eines Tages saß der bekannte Politiker N., mit einem Freunde plaudernd in einem Londoner Hotel, als ein Fremder aus ihn zutrat.
„Kann ich Sie wohl einen Augenblick sprechen,
„Gewiß", sagte dieser, sich erhebend. ®er junge Mann ührte ihn durch den weiten Saal. Er schien ihm etwas, ehr wichtiges' mitteilen zu wollen. In einer Ecke ange- ommen, flüsterte er dem Politiker ins Ohr:
„Ich! gehöre zu den Angestellten einer Abendzeitung und würde gern erfahren, wie Sie über die Lage im Osten denken."
Herr N. sah im ersten Augenblick etwas erstaunt aus/ dann sagte er:
„Folgen Sie mir."
Und vorangehend führte er den wißbegierigen Jüngling durch das Lesezimmer und von dort einige Stufen hinunter in einen Korridor. Dort zog er seinen Besucher in eine Ecke hinter den Hutständer und, flüsterte ihm geheimnisvoll zu:
„Ich weiß wirklich nichts darüber.^ । (Tit-Bits.).
Charade.
(Nachdruck verboten.) Das Erste wirst du geheißen, Das Zweite kannst du verspeisen. Doch wütend wirst du, potz Element, Wenn jemand dich das Ganze nennt.
(Auflösung in nächster Nummer.) !
Auflösung des Zifferblatträtsels in voriger Nummer: i n in iv v vi vn vin ix x xi xn E R 0 8 T E R N ADEL
Eros, Rost, Ost, Ostern, Stern, Erna, Nadel, Adel, Adele.
Redaktion: Eurt Vlato.— Rotationsdruck und Verlas der Brühl'lÄen Univerütäts-VuL- und Steindruckrrei lDietkck Erben) in Gießen.


