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Aber Bertha bestand auf ihrem Willen. Sie hielt ihren Besuch für viel wichtiger und schicklicher, wenn er offen an der Seite ihres Bruders, sozusagen durch dessen Gegenwart gebilligt, geschah. Ta' er von neuem besorgte, daß ern längerer Widerstand seinerseits bei ihr einen Verdacht Hervorrufen könnte, den er um jeden Preis ablenken wollte, fügte er sich schließlich ihrem Wunsche. Er mußte ja Sempachs so wie so früher oder später wieder einmal besuchen. Mußte er sich nicht von jetzt ab gewöhnen, seine Hand zu pressen, ihn zu umarmen, ohne zu erröten oder zu er- zittern? Durfte er ihm sagen: ,Hch nütze Dein Unglück, Derne Abwesenheit, Deine Haft ans, um Dir jene Frau wegzunehmen, für die Du Dich freiwillig geopfert hast?" Bern, gewisse Sünden und Vergehen nrüssen verschwiege!« blerben. Wenn man sie schon gethan hat, dann ist es ein neues Verbrechen, sie in die Oeffentlichkeit zu bringen. Offenhert ut solchem Falle wird zur Grausamkeit, zum Cynrsmus. Wer diese Sünden tragen ihre Strafe schon in srch. Ter, der die Freundschaft und Brüderlichkeit verraten hat, leidet, wenn er nur einen Funken von Herz hat, endlos unter seinem Verrat, der ihm Heuchelei befiehlt, Lügen spielen gt ltn^ zwingt, ein ewiges Doppelspiel zu . Ter Direktor der Strafanstalt von Moabit, sobald er einen Bleck m den Besuchsschein geworfen hatte, ließ Georg und ferne Schwester ersuchen, in sein Kabinett zu treten.
„Ich wünsche Ihnen die Unbehaglichkeit und Traurigkeit zu ersparen, weiter in das Innere dieses Hauses zu dringen", empfing er sie liebenswürdig. „Anstatt Sie in das Sprechzimmer führen zu lassen, will ich den Auf- irag geben, den Herrn, den Sie bevollmächtigt sind zu sehen, hierher zu bringen. Nur bitte ich Sie darum, in keiner Werse unsere Hausordnung zu verletzen, indem Sie etwa Herrn von Sempach heimlich einen Brief oder ein Paprer zuschmuggeln."
Äverpflichte mich hierzu in meinem und meiner Schwester Namen", sagte Georg, „und danke Ihnen herzlich für dre uns erwiesene Liebenswürdigkeit."
Ter Direktor zog sick zurück, und Bruder und Schwester warteten ewige Augenblicke ängstlich auf das Kommen ihres Freundes: sie ganz von der Freude erfüllt, ihn wiederzusehen, vollkommen die traurige Oertlichkeit, an der sie ihn wiedersah, vergessend, — er voll Unruhe und ^"al, die Schamrote auf der Stirn — Scham im Herzen.
Endlich, öffnete sich die Thür, und Sempach erschien.
(Fortsetzung folgt.)
Alkmaar,') -je Düftereiche.
Studie für Käseblätter von Eng. Galli.
Alk-maar heißt auf deutsch: Alles Meer; sind doch, Stadt und Umkreis dem Moorgrund abgezwungen, nach Hollands stolzem Wahlspruch: Gott schuf das Meer und wir, das Land. Einst aber hieß sie „Alemaria victrir", denn nimmer rm achtzigjährigen Kriege hat sich „die Siegreiche dem Spanier ergeben, ob er sie auch 1573 „Jajaer bis auf das Bein genagt"; vielmehr nahm die Befreiung der Niederlande von hier ihren Ausgang. „In Alemaria fangt der Sieg an", heißt es in der Chronik. Unfern von der Stadt liegen spärliche Trümmer des von den Spaniern zerstörten Stammschlosses der Grafen „Eg- mond" malerisch verstreut. Die landschaftlichen Reize Alk- maar s, so wie Charakter und Anschauungsweise seiner Bewohner schildert zutreffend ein dort bei Koster u. Ko- 1808 1« Vier Sprachen erschienener „Führer"." In der deutschen Ausgabe empfiehlt derselbe, ebenso wie in den drei anderen, „den Fremdlingen, die häufig an Schwitzfußen zu leiden pflegen", ehe sie sich feiner Leitung an- vertrauen, etwas „Speck oder Schmalz einzustecken". „Drei- mal emreiben" befähige chm auf Dünenwegen bis an den Grenzpfahl Alkmaar's zu folgen, wo auf eine hübsche Schilden) (Bild) aufmerksam gemacht wird, die einen Geist- lichen, einen Soldaten, einen Advokaten und einen Bauern zeigt. Der letztere sagt zu den übrigen: „Obschon Ihr
Awpft und plaidiert, habe ich doch die Henne, welche die Eier legt". Und wie dieser Bauer denkt jeder wbr zu Lande,- jeder hält den Bauern- für einen Ehrentitel. Ein Fischer stellte sich mir mit den Worten vor: „Ick ben ein Flsker - Bur!" — Nachstehendes zum Ruhm Alk-
*1 Stadt am „Nord-Hollandschf-Kanal".
maars aber entnehme ich wörtlich seinem „Führers der besonders chie Wissenschaftlichkeit der 17 000 Einwohner ru^int. Für diese und speziell ihre deutschen Sprach-- kenntnisse legt er selbst folgenden überzeugenden Beweis ab: „Wenn man die zahlreichen, flinken Gebäude und Protzigen Kirchen sieht und besonders jenen erstaunlichen Gashalter, der alles beherrscht, so wird jeder Fremdling beistimmen müssen, daß die Stadt und ihre Einwohner m lichtgebendem Vermögen nicht hintenaus gegangen seien und der sichtbare Beweis ihres Geschmacks und Kunstgefühls ist die Kunstbutterfabrik MnN^dwinner- halb dieses Gesichtskreises fällt. Links die Ebene voll W- wechselung, das schönste Vieh auf den üppigsten Weiden wie mit Dörfchen und den notwendigsten Mühlen bestreut' was Nord-Holland so eigentümlich macht. Rechter Han^ der Dünengürtel, der gerade hier solche schönen, launenhaften Formen hat. Der Wind, welcher die Dünen bildete, spielt, wo es ihm möglich ist, fortwährend mit dem Sande (s. S. 74). lieber den einsamen Dünen schweben viele Vögel, welche durch Gekreisch und Geschrei die Ruhe noch sträker auskommen lassen". (S. 75.) Von den Einwohnern meint der Führer, „daß sie, obwohl sie alle Heiligen hassen, doch gute.Menschen seien". „Selbst den St. Nikolaustag" so fahrt er fort, „erkennen sie nicht; statt davon feiern sie am zweiten Christtag das Fest „des goldenen Engels" einigermaßen auf der Art des St. Nikolaustages- Daraus mag man schließen, daß dieses Vorurteil auf Prinzipien urA gelehrten Einsichten, und nicht auf Sparsamkeit be-
Zch habe Alkmaar, „die Düftereiche"- benannt, zunächst weil ich den hübschen, altertümlichen Ort an einem Freitag zuerst betreten, wo sein malerischer Marktplatz- in einen einzigen, ungeheuren Käsegarten gewandelt ist. Käse- und Kuhduft aber sind, wie oben bestätigt, dem Holländer lieblicher denn Weihrauch, er verbindet mit Kuh und Kalb die höchsten und reinsten Begriffe. „Hij is een goed Taff" bedeutet: er hat ein gutes (Kalbs-) Gemüt, oder wie wir sagen: er ist eine Seele von Menschen. Wo wir „hundemüde" sind oder „müde wie ein Pferd", ist der Holländer: so lui as eene koe. Der niederländische gemeine Mann (un Sinne unseres „deutschen Michels") heißt Jantche Koe (Hänschen Kuh) ein Gegenstück zu John Bull.
Betritt man die Wohnstube einer hiesigen Kuh,__
Stall kann ich ihren Zierraum nicht wohl nennen — so drängt sich, wenn einem der Mund nicht vor Staunen offen bleibt, Mephistos Wort auf die Lippen: „Nicht jede hält so rem!" Wird doch „der Sand, der sich zu ihren Füßen träufelt", mit Schablone und Besen in den reizendsten Mustern erhalten, die regelmäßig erneuert iverden, sobald sia) die Jnliegerin auf die andere Seite wälzt, oder mit Schnaufen die feine Linienführung der Ornamente ver- wifchte. Daß die Letzteren eine ernste Verunstaltung nie erleiden, verbürgt ein hinterwärts sorglich gearbeiteter .Teppich von Prima-Linoleum, der nach, jedesmaligem Gebrauch abgekehrt und — wie unsere Parkettfußböden — glänzend gewichst wird. Ein, mit mir zugleich einen solchen Musterstall besichtigender deutscher Dienstboten - Be- glückuiigs-Apostel geriet über die weitere!! Wohlfahrts-Einrichtungen als da sind: Ringe au der Decke zum Heraus- bindeu der Schwänze, mit blütenweißen Tüllgardinen züchtig verhüllte Spiegelscheibenfenster über den Krippen, wollene Umschlagetücher für Spaziergänge bei unsicherer Witterung in heftige Verzückung und schwur, nicht nur die „Tüchtige, die uns mit Butter versorgt", sondern das ganze getretene Dienstmenschtum des alternden Europa müßte von nun an solcher Fürsorge genießen!
Im Sommer wohnt das liebe Vieh als kräftiges No- madenvolk im Freien und vervollständigt den Eindruck jener vollkommenen Ruhe und satten Zufriedenheit, die ganz Holland atmet. Doch dürfen wir über Betrachtung solcher Bilder nicht die Zeit versäumen den Alkmaarer Käsemarkt pünktlich zu erreichen! Schon sind droben an der alten Stadthausuhr die beiden Ritter in der Morgensonne herausgetreten; achtmal schlagen ihre Klingen hell aufeinander. Nun läutet auch die „Käseglocke" vom Turm herab, — das bedeutet die jedesmalige Eröffnung des Marktes. Flugs springen die Käsebauern, die auf ihren rot, , gelb, blau, grün gestrichenen und teilweise recht zierlich, geschnitzten Wagen auf dies Zeichen geharrt haben, herab und laufen mit schweren Leinen-Tüchern bepackt, die altertümlichen Gassen und die malerischen Gracht«


