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der einsamen Villa in Friedenau. Sie teilten mir den furchtbaren Irrtum mit, dem er zum Opfer gefallen ist, — das furchtbare Unglück, das ihn betroffen hat. Es ergreift mich lebhaft. Ich bin schmerzlich davon ergriffen. Aber gerate ich darüber etwa in Verzweiflung? Mache ich Ihnen etwa eine jener markerschütterirden, schrecklichen Verzweiflungsszenen vor? — Nein, nichts. — Wenn ich ihn jedoch geliebt hätte, — da hätten &ie meine Thränen Meßen sehen, da hätten Sie hören können, wie ich verzweifelt geschrieen, getobt, geklagt hätte. Wohl kann ich rasend sein, — außer mir und in Ekstase geraten, aber man rnuß mich auch in Ekstase bringen, mich rasend machen."
Nach einigen Sekunden fuhr sie fort mit leiser Stinrrne:
„Nach meinem ersten Erstaunen, nachdem ich mich von meiner ersten Erschütterung erholt hatte, und Ihre Pläne erriet, die Sie mir auch darlegten, spielte ich Ihnen gegenüber die willfährig Geschmeidige, verspreche Ihnen alles, tvas Sie wollen, hintergehe Sie, und entwische Ihnen. Ich empfange Sie, nachdem Sie mich wiedergefunden haben, in eben diesem Salon, und führe Ihnen tausenderlei zwingende Gründe vor, um Sie zu überzeugen, daß ich schweigen muß — daß ich nichts für ihn thun kann, daß mein Ruf über alles gehen muß. Sie erinnern srch doch noch daran, nicht wahr?'
„Ja, ja, ich erinnere mich."
„Sagen Sie mir einmal, spricht man so, wenn man Uebt? Wo denkt Liebe an Vernunftgründe? Sie fühlt, sie leidet, sie handelt. Hätte ich chn geliebt, dann hätte uf) Ihnen zugerufen: „Seine Freiheit und Ehre vor allem! Man muß ihn, um welchen Preis immer, noch zur Stunde retten. Soll eben entstehen, was daraus entsteht. Morgen wird er frei sein. Seine Unschuld wird laut verkündet werden. Er wird mir wieüergegeben, er wird gerettet fern! Was kümmert mich alles andere!" Und Sie hätten mrch W zur Stunde seiner Befreiung bebend, zitternd, rm Fieber gesehen — ich hätte nur an ihn gedacht, alles opfernd, alles verachtend!"
Sie hielt inne, schöpfte tief Wem, und ließ in voN- kommen anderem, gleichgiltigem Tone fallen:
„Wer ich habe es Ihnen ja gesagt, ich liebe ihn nrcht."
. Plötzlich ergriff er ihre beiden Hände, preßte sie wrld und fragte das dicht an seiner Seite stehende schöne Werb:
„Können Sie überhaupt lieben?"
„Ob ich lieben kann!" rief sie von neuem in auf» lodernder Leidenschaft. „Ich kann es mit der ganzen heißen Glut memes Herzens, das sich noch nie hingegeben hat, nnes noch jungfräulichen Herzens. Ich könnte den Mann, der dres widerspenstige Herz schneller pulsieren läßt, an- beten und würde selbst selig werden. Was ist denn das Leben ohne Liebe? Ein Schatten, ein inhaltleeres, hohles Dasern.
Welcher Mensch sehnt sich nicht nach Liebe? Ich bin auch nur Mensch, und ein leidenschaftlicher Mensch. Haben wir, auf den beneideten Höhen des Wels, denn einen fteren Willen bei der Wahl eines Gatten? Was ahnen Sie wieviel Rücksichten und Spekulationen dabei in Betracht kommen! Ich gebe Ihnen gerne zu, daß dies! eine lmfittlichkeit ist, Deshalb will ich eine zweite nicht mehr begehen. Man hat mich verkauft, und ich — ich bin zu feige, die goldene Fessel des Reichtums und Ansehens von mir zu streifen, zu feige, mich von dem zu trennen, dem ich eine Spekulation gewesen bin, der schon als müder Mann eine nicht geliebte, dafür aber reiche Frau pch erwählt. Nein, der Mann, den ich lieben, anbeteir konnte^ mlißte noch rein sein, noch niemals geliebt haben. Kein Sempach, der eine Sanden und so viele andere vor mrr geliebt. Ich allein müßte ihm das Paradies der Liebe zum ersten Mal eröffnen, ich allein ihm die erste Ofsen- barung des glühenden Feuergestirns sein. Ich suche dies Wunder in schlaflosen Mchten, im Traum sah ich es, doch blieb es mir em Traum. Wer mir dies Wunder gäbe, der gäbe mm em neues Leben, ein lebenswertes Glück."
Mit einer plötzlichen Bewegung umfaßte er ihre Gestalt Mit kraftvollem Arm und ries, sie an sich reißend:
,Lch habe noch nie geliebt! Wollen Sie mich lieben?"
Ohne sich aus seiner Umarmung zu befreien, ihre Hande auf seine .Schultern gestemmt, den Körper etwas
zurückgeneigt, — ihr Gesicht von dem seinigen etwas entfernend, fragte sie ihn:
„Sie lieben mich also?"
Sein!""' 6011 saniex Seele, mit meinem ganzen, ganzen
Ihre Arme um seinen Hals schlingend, flüsterte sie mit aller Innigkeit:
„Dann liebst Tn mich, wie ich Dich liebe."
40. Kapitel.
Bertha Rakenius erhielt in Straßburg einen Bries ihres Bruders, der ihr riet, ihre Nachforschungen sofort einzustellen und nach Berlin zurückzukehren. Sie zögerte keinen Augenblick, diesem Rate Folge zu leisten, denn sie hatte sich überzeugt, daß der Verdacht gegen bewußten Münser nicht stichhaltig war. Sein Aeußeres konnte ja allenfalls mit der Gestalt Sempachs verwechselt werden, — aber moralisch, trotz vieler Unregelmäßigkeiten in seinem Lebenswandel, schien er absolut unfähig, ein Verbrechen zu begehen. Außerdem hatte niemals eine Verwandtschaft zwischen ihm und Frau von Sanden bestanden, und schließlich hatte Bertha in Straßburg auch die Gewißheit erlangt, daß der benannte Münser sich am Wende des Mordes in Straßburg und nicht in Berlin befunden habe.
Gleich nach ihrer Rückkunft nach Berlin war ihr erster Gedanke, Georg ihren Wunsch und ihre Absicht auszusprechen, Herrn von Sempach unverzüglich aufzusucheu.
„Wie", rief er aus, „Tu ins Gefängnis?"
„Gewiß. Ist nicht des Weibes Platz bei denen, die leiden? Uebrigens ist Herr von Sempach nicht so viel als mein Bruder?"
„Er ist es nicht in aller Welt Augen."
„Ter Welt, wenn es sich darum handelt — H Ah! Eine Gräfin TorouL)ff mag sich wohl um das Urteil der Welt kümmern und beunruhigen, — ich denke nicht so." „Wird man Dir hierzu die Erlaubnis erteilen?" fragte Georg rasch, um sie zu hindern, weiter über die Gräfin zu sprechen.
„Weshalb sollte sie mir verweigert werden, wenn Du sie für mich erbittest? Die Absonderung ist, wie Du mir sagtest, aufgehoben. Herr von Sempach kann also mit seinen Freunden verkehren."
„Nein, darin irrst Du. Mit seiner Familie, seinem Rechtsanwalt wohl. Tie Vollmacht, einen in Haft Befindlichen zu sehen, erstreckt sich nicht so weit, als Tu glaubst/« „Tu aber bist doch in Moabit gewesen?"
„Ja, durch ganz besondere Vergünstigungen." „So erbitte dieselbe Vergünstigung für mich," „Vom Untersuchungsrichter? — Ich stehe zu schlecht mit ihm."
„Tas kann ihn unmöglich mehr etwas angehen. Seine Thätigkeit ist beendet. Ich habe mich darüber erkundigt. Wende Tich an die Staatsanwaltschaft. Gieb Tich ihnen dort zu erkennen. Sag ihnen, welche Bande uns mit Herrn von Sempach verknüpfen, — welche Dienste er uns erwiesen, welche Dankbarkeit wir für ihn hegen, erzähle ihnen von unserer geschwisterlichen Liebe, und ich stehe dafür, daß man Deine Bitte gern bewilligt."
„Sei es denn! Ich will's versuchen und mir Mühe ged en."
„Tann versuche es gleich heute. Was hält Dich zurück?"
„Nichts, nichts", gab er rasch zur Antwort, aus Angst, sie könnte seine Absicht, zur Gräfin zu gehen, erraten.
Er begab sich sofort auf die Staatsanwaltschaft, tvo er ausnehmend liebenswürdig empfangen wurde und auch die erbetene Erlaubnis erhielt. Kaum hatte er Bertha den Erfolg seines Schrittes mitgeteilt, als sie ausries:
„Gehen wir! Ich bin bereit."
Er warf einige Einwendungen ein. Eine wichtige Unterredung nehme für den heutigen Tag seine ganze Freiheit in Anspruch. Ob sie sich denn nicht von Frau Linden oder von Wilhelm begleiten lassen könne. Sempach würde sich gewiß ungemein freuen, seinen alten, treuen Diener wiederzusehen. Ter Erlaubnisschein zu dem Besuche war aus den Namen des Fräulein Rakenius und einer sie begleitenden Person ausgefertigt.
Innerlich zitterte er bei dem Gedanken, Sempach äber- mals persönlich gegenüberzutreten. Seine Gewissensbisse waren noch zu jung; die Gräfin war daun auch nicht an ferner Seite, dieselben mit einem Blick W zerstreuen und ihre Grausamkeit dadurch zu mildern.


