Freitag den 17. Moder.
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1902. — Nr. 154
(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
Sie verließ ihren Platz am Kamin, näherte sich ihm Und lächelte ihm zu, um ihm den Vorwurf weniger pem- lich zzu gestalten. Tann fuhr sie fort:
„Sehen Sie, lieber Freund, anstatt sich in diesen Worten auszudrücken, haben Sie eine ganz andere Sprache geredet. Nach ihrer Wiedergabe war ich diejenige, die nach der Kunde von der Verhaftung außer sich, den Kopf verlierend, und in Verzweiflung zu Ihnen geeilt war, Ihnen mein Geheimnis anzuvertrauen. Ich, war es gewesen, die es allen Richtern, der Jury, der Oeffentlichkeit, dem ganzen Weltall zurufen wollte — und Sie derjenige, der mich daran gehindert hat. Sie hätten mich! mit den Worten zurückgehalten: „Man muß doch zuerst wissen, was er davon hält; man muß ihn fragen, ob er auch? will, daß Sie sich! für ihn ins Unglück stürzen." — Es ist doch so, nicht wahr?"
„So ziemlich."
„Nun, sehen Sie denn nicht", nahm sie wieder auf, „welche Wirkung Ihre Worte auf seine Seele, auf sein Herz erzielt haben, was die Folge Ihrer Lüge war? Er mußte sich sofort, im Augenblick, und wird sich immer sagen müssen: Wie? Sie will ein so furchtbares Geständnis ablegen? Sie zaudert nicht, für mich jedes Opfer zu bringen? Sie vergißt ihren Mann, ihre Familie, die Stimmen der Welt über ihre Liebe zu mir? Sie fürchtet nicht, herabzusteigen von dem Gipfel, den sie erllommen hat, — sie willigt ein, Mißachtungen und Beschimpfungen von denen zu ertragen, die sie bis jetzt hoch; und heilig gehalten haben? — Sie vernichtet sich selbst, nur um mich zu retten? — Sie liebt mich also mit Leidenschaft, — sie betet mich an!"
Ten Kopf gesenkt und düsteren Blicks- antwortete er nicht. Sie fuhr fort und trat ihm dabei nur noch näher:
„Heute abend, in dieser Nacht, wenn er wieder din- geschlossen und allein ist, wiederholt er es sich tausendmal und schreit es den Wänden seiner Kerkerzelle zu: „Sie liebt mich — sie liebt mich!" Und nach Ihrer Darstellung ist er im vollen Recht, das zu glauben. Menschen sogar, die bescheidener noch sind als er, müßten es glauben. Ein solch.es Opfer, — eine solche Aufopferung meinerseits würde eine der wahnsinnigsten Leidenschaften beweisen. — Wie Sie selbst sagen. Sie haben ihn dadurch? überglücklich gemacht. Sein Herz ist voll Wonne. — — Aber nun das Erwachen--"
„Das Erwachen?" wiederholte er wie aufgeschreckt.
„Ja, — sobald er ftei sein wird. Denn, wie ich an- tzehme, wird er nicht sein ganzes Leben eingekerkert
bleiben. Er kann freigesprochen werden, er muß es sogcrw Ich werde meinen ganzen Einfluß verwenden, damit er es wird. Ich lverde und will alles versuchen. Ich bitt seine Freundin und werde ihm stets' Freundin bleiben. Angenommen, er wird nicht freigesprochen, — werden wir im stände sein, seine Strafe abkürzen zu lassen, oder ihn zu befreien? Was also wird dann geschehen? Haben Sie schon daran gedacht?"
„Nein, ich will nicht daran denken", murmelte er., „Es wird eintreten, daß seine Liebe infolge der Beweise meiner Liebe, infolge des ungeheuren Opfers, das! ich, ihm bringen wollte, nur noch größer wird; und sobald er frei ist, wird er zu mir eilen, mir zu danken^ wird sich mir zu Füßen werfen, hingerissen von heftigster Leidenschaft."
„Das ist wahr! O, ich Thor! Das ist wahrl"-
„Was soll dann ich thun?". fuhr sie fort. „Wie soll ich dann mich ihm gegenüber betragen? Es' bliebe mir dann nichts weiter übrig als zu sagen: Ihr Freund hat Sie getäuscht. Ich habe ihn niemals aufgesucht, ihm mein Geheimnis zu offenbaren. Ich habe ihm meinen Namen verheimlicht. Er hat ihn durch Falschheit Und mit List herausgefunden und entdeckt. Er hat mich, aufgefunden und mich angefleht, vor Gericht zu gehen, um dort das Zeugnis abzugeben. — Ich habe es ihm abgeschlagen." — Welche furchtbare Enttäuschung, welche Desillusion, welch- wilder Schmerz dann, wenn er das hören wird!"
„Ja, das würde für ihn furchtbar sein", gab er zu..
„Und doch würde ich so zu ihm sprechen müssen., Oder zögen Sie es vor, daß ich Ihre Lüge fortsetzte, daß ich ihn in seinem Wahn bestärkte und ihn weiter an meine Vergötterung glauben ließe?"
„Nein, nein!" rief er bebend und erbleichend aus!., „Sie wollen also das nicht?"
„Nein, ich, will nicht."
„Nun denn, ich, will es ebensowenig, als Sie es, wollen."
„Ah!" rief er mit Wonne aus.
Ueb erzeugt, daß nun ein Geständnis folgen würde- fragte er weiter:
„Und warum wollen Sie das nicht?"
„Weil ich ihn nicht liebe", antwortete sie einfach..
„Sie haben ihn geliebt?"•
„Niemals, ich, habe es Ihnen ja gesagt. Ich glaubte- ihn zu lieben; ich habe mich aber getäuscht. Die Eigenart unserer Beziehungen hatte mich, gereizt."
Da er sie immer noch starr anblickte, ohne zu sprechen, fragte sie ihn:
„Sie zweifeln, nicht wahr?"-
„Ja."
„Weil Sie eben nicht Nachdenken. Habe ich mich etwa wie ein liebendes Weib gebärdet? Erwecken ©le doch Ihre Erinnerungen! Ich treffe Sie eines Abends M.


