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Ursel zu ihm gehuscht — bann saß sie aus einem gefüllten Baumstamm und sah ihn mit den tiefen, lieben Augen an! Und er schaute wieder zu ihr, und sie wußten's, „ton beide gehören nun einmal zusammen."
Und auch heute war sie wieder bei ihm.
„In drei Tagen ist Pfingsten" r- sagte Johannes und beugte sich zu ihr hernieder.
„Ta pflanzt bei uns das Mägdlein ein grünes Bäumchen vor die Thür, und der Bursch, der sie am liebsten hat, schleicht frühmorgens hin und bindet fein Tüchlein daran .... und wenn sie's daran läßt — ist sie sein Herzlieb . .
„Schad', daß ich Pfingsten nicht hier bin — ich muß zu meinem alten Vater herunter, dem's sonst allein bang wird."
„Aber doch nicht für lange?" >— fragte Ursel in tiefem Schrecken . . .
„Für immer", flüsterte er, mit einem heißen, heimlichen Blick auf ihren bebenden Mund.
Da war's mit ihrer Fassung zu Ende — sie legt das Köpfchen an den alten Baum und schluchzt auf.
„Hierbleiben", fleht sie bittend, und die kleine Hand stiehlt sich scheu in die feine.
Da streicht die Sehnsucht wieder über Johannes' Stirn und zwingt ihn zu ihr. Er neigt sich über sie und nimmt sie in seine Arme.
„Ich hab' Dich ja so lieb — so unmenschlich lieb —< Ursel — gleich vom ersten Augenblick an begann's, — daß ich nicht mehr ohne Dich leben kann. —
Aber ich bin arm — ganz arm —: wirst Du's auch mit mir tragen wollen?"
„Alles, alles — — will ich um Deinetwillen--nur
behalte mich bei Dir" — schluchzt sie an feinem Herzen...
Sie küssen sich heiß und innig! Nun war die Sehnsucht zur Wahrheit geworden!
Noch am selben Abend ging ein Bote, von Johannes abgeschickt, mit einem langen, erklärenden Brief an den Ulten auf dem Grundelhof ab.
Und als, in Duft und jungfräulicher Herbheit der Pfingstmorgen geboren ward — und der Förster in vollster Behaglichkeit vor der Thür stand — rollte ein Wagen heran.
„Grüß Gott — Michels."
„Grüß Gott. . . Grundelhofbauer was führt Dich her?" —
„Der Junge — der verflixte:---wo steckt er denn
nun . ..?" ,
Und die beiden Alten sprachen lange und eifrig mit
einander. . .
„So was", sagte der Förster, dem die geliebte Pfeife längst ausgegangen war. . . und sie gingen langsam auf die Buchenlaube zu. . .
Da saßen in einem Winkel die beiden glücklichen Leute und sahen und hörten nichts.
„Sakramenter", rief der Förster in künstlichem Zorn und fchüttelte Johannes derb.
Der Grundelhofbauer hob das erglühende Gesichtchen der zierlichen Ursel zu sich empor:
„Mit der Armut ist's nun freilich vorbei — Jungferlein", sagte er und küßte sie herzhaft — „aber die Liebe bleibt . . . und die frohen Guckaugen und das Sonnengesichtchen — will's Gott. . . auch!"
„Juchhe"--lachte Johannes selig und hob die junge
Braut in seinen Armen übermütig hoch empor — — „nun hab' ich doch recht behalten--der Maienzauber und's
Herz, haben mir den rechten Weg gezeigt. . ."
„Und der Pfingstsegen sorgt dafür, daß das Glück bei ' uns bleibt", flüsterte die blonde Ursel in feinen Armen.
(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung ans dem Dänischen von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
Rings umher in den Steigen wimmelte es von Menschen jeglichen Alters: Da waren junge Stuber mit eleganten Spazierstöcken, krummgebeugte Greise, eine Unmenge von Kindermädchen und Kinderwagen. Beim Mustern der Vorübergehenden erfüllte ein bitterer Groll seine Gedanken.
Ein Bild des Lebens nach dem andern stieg vor ihm auf unö zeigte i hm ein unendliches Durcheinander von Zufällen und Zwecklosigkeiten, das ihn vor Erbitterung erbeben machte.
„Ja, wir fassen es nicht" hörte er im Geist Helene sagen. „Einmal aber kommt die Aufklärung. Das Leben hienieden ist voll Streit und Kampf, eine Prüfungszeit, in der der Geist auf das Ewige vorbereitet werden soll."
Und wenn man dann die Menschheit anfah! Welche Läuterung erreichte dies leidende, geschäftige, lachende Gewimmel! Folgten nicht neunundneunzig Prozent von den eintausendvierhundert Millionen der Erde nur den Eingebungen ihrer Triebe und stiegen ins Grab, ohne daß auch nur ein Funke von Geist ihr Leben erleuchtet hatte? Welche Läuterung hatte ihr Keiner Sohu erreicht, der nur zwei Stunden auf dieser Erde weilte? Nicht zu reden von diesen Millionen über die ganze Erde zerstreuten Geschöpfen, die ihr ganzes Leben im Nebel der Geistesumnachtung oder im Wahnsinn verbringen.
„Wir müssen nur an Gott glauben", lautete Helenes Rat. „Nur der Glaube vermag das Dasein zu umspannen; in seinem Licht werden uns alle Rätsel klarer, als dies durch Grübeln und Denken möglich ist."
»Ja — glauben!" Halte er nicht selber im Glauben gelebt! Regte sich nicht in der Tiefe seines Herzens noch heute etwas, das nach Gott schrie! Mer war nicht diese Forderung, daß man glauben soll, etwas Unfaßbares, Empörendes? Wer konnte es mit der „unendlichen Baterliebe", von der stets so viel gepredigt wird, in Einklang bringen, daß von uns schwachen Menschenkindern Glaube als Bedingung für die Erlösung gefordert wird, da unser natürlicher Verstand, den uns doch Gott selber gegeben, so vielen Hauptsätzen des Glaubens widersprechen mußte? Wie kann ein Gott, der selber Licht und Wahrheit ist, verlangen, daß wir eine Fabel glauben sollen im Widerspruch mit uns selbst, im Widerspruch mit seiner eigenen Gabe in unserer Brust glauben sollen, daß wir blindlings auf die Fragen eingehen sollen, die ein stärkeres Licht erheischen, als alles andere auf der Welt, und die er uns in voller Klarheit vorlegeu könnte, sodaß nicht eine einzige Seele auf dieser Welt verloren ginge? Ist es gerecht, daß er uns das alles in Rätseln giebt und mit der einen Hand auf die Himmels- pforte zeigt, während die andere drohend auf das ewige Feuer gerichtet ist?
„Ei, Du fitzest hier im Grünen und philosophierst?"
Es war Rudolf.
Zum ersten Male durchzuckte ein leiser Unwille gegen den Freund Böses Sinn .
„Ist Dir nicht wohl?" fragte der kleine Mann voller Teilnahme.
„Nein, es geht mir nicht gut!"
„Du siehst so angegriffen aus? Kannst Tu des Nachts nicht schlafen?"
'^Ach, wärest Du doch so gesund wie ich! Das möchte ich Dir von Herzen wünschen. Ich schlafe wie ein Stein von dem Augenblick an, wo ich mich lege, bis ich getoecBt werde, und verzehre mein Futter den ganzen Tag hindurch mit einem gesegneten Appetit."
Diese Nachrichten gereichten Böse zu unendlichem Trost.
„Ich bin übrigens ganz wütend über diese hochnäsigen Geldmänner! Sie haben die Sache bis ins Unendliche hinausgezogen, und jetzt — willst Du es wohl glauben? — jetzt haben sie die Frechheit, mir gerade ins Gesicht zu sagen, daß sie kein Zutrauen zu uns beiden haben."
Es empörte Böje, daß man kein Zutrauen zu ihm hatte, aber int Gedanken an seinen jetzigen unglücklichen Zustand sagte er: „Mir kann es ja freilich einerlei fein." „
„Ach was, Du kannst Dich ja wieder erholen. — Mer nun muß ich laufen. Ich spreche heute noch bei Dir vor. Nur frischen Mut, Antonius! So leicht geben wir die Sach« nicht auf!"
Böje fiel mehr und mehr zusammen. Da erfaßte ihn eine brennende Sehnsucht nach Helene. Er stand auf und schwankte heimwärts .
Helene, die in ihrer Jugend Anlage zum Zeichnen gehabt und die von ihrer Nachbarin einige Anleitung t« der Handhabung des Pinsels erhalten hatte, legte sich aufS Porzellanmalen und wehrte durch diese Arbeit eine Sets» lang der bittersten Not; dann aber ward ihr ein totes


