290
„Bis dahin hat's aber noch gute Weile", lachte Johannes lustig . . . „Der Maienzauber geht um, Vater, und wer weih, was der nicht schafft!"
„Hat sich was. . . Maienzauber" :— knurrte der Alte ingrimmig — „die hohe Schule und der vornehnle Verkehr mit den Stadtleuten geht in Deinem Kopf um und hat ihn Dir auf eine uudere Stelle gebracht. .
„Wenn's Herz nur auf der alten geblieben ist", sagte Johannes ernsthaft, — „und ich glaub', dafür könnt' ich bürgen. Und nun, gute Nacht, Vater... ich will noch In die Ställe gehen — Du aber leg' 'Dich schlafen, denn der Abend ist neblig und kühl."
Zwei Tage nach dieser Unterredung stand Johannes reisefertig vor dem Water.
„Siehst eigentlich schäbig aus. Junge", meinte der mit einem Blick auf das älteste Arbeitskleid des Sohnes.
„O, last das nur, Vater", entgegnete Johannes, während ihm tausend Schelmenlichter im Gesicht spielten, „zum Wandern ist's gut genug, und wenn's mir an einem Ort besonders gefällt und ich Rast machen will, nehm' ich das! Feiertagskleid aus dem Ränzel heraus. Und nun . . . grüß, Gott, Vater."
„Grüß Gott, Johannes, und komm gesund heim!"
Der junge Bauer schwenkte den Hut und ging rüstigen Schrittes in die frische Pracht des Maienmorgens hinein.
Gr lachte dabei still vor sich hin . . . wenn der Alte wüßte . . . vielleicht war es thöricht — vielleicht--nein,
nein, das Herz habe es ihm eingegeben, als die stille Sehnsucht nach einer weichen Hand und einem roten Munde in einer linden Nacht ihn streifte — und das Herz behielt am letzten Ende immer recht. Darum habe er beschlossen, nicht als der Reiche vom Grundelhof an das Försterhaus zu klopfen, sondern als der arme Häuslersohn, sich Arbeit erbittend, und so in aller Heimlichkeit die drei Dirnen kennen zu lernen. Arbeit gab's im Wald grad jetzt übergenug — der letzte Sturm hatte so manchen stolzen Baum geknickt Und entwurzelt, und auch auf dem Grundelhof waren Boten gewesen, um Arbeitskräfte zu werben. Und er konnte auch arbeiten — — hei — wie die jungen Arme sich hochreckten und spannten, als fühlten sie schon die schwere Axt in der Rechten — wenn's nur erst so weit wäre.
Nach vier Wegstunden tauchte das freundliche Waldbaus mit 6 em weißgetünchten Giebel vor ihm auf.--.
Jetzt sah er's ganz deutlich vor sich! Als hätte es soeben gebadet — so blitzblank und sauber schaute es aus dem grünen Tannenrahmen heraus! Und die Blumenbeete davor! Ginster und Lavendel, Maiblumen und ein paar verspätete Weilchen dufteten ihm entgegen, und ihm war es, als striche wieder die leise Sehnsucht, die ihn hinausgetrieben, über sein Haar!
Daun kam ihm ein Mann entgegen — breitbeinig und kraftvoll. Den kecken Hut mit der Feder auf dem schneeweißen Haupt, und eine Pfeife im Mund, der ein Duft entströmte, als wenn die „olle Mudder Vadersch" zu Haus in ihrem Ofen Kartoffelkraut brannte.
Johannes blieb stehen.
„Wohin wollt Ihr", fragte der Alte.
„Zum Förster Michels, — Nachfragen, ob- Arbeit zu haben sei", erwiderte Johannes bescheiden .
„Der bin ich — und Arbeit könnt Ihr bekommen —i vorausgesetzt, daß Ihr sie versteht und nicht herumlungert."
Johannes wurde rot. „Versuch's doch mit mir", meinte er gekränkt.
, ,Mund halten und mitkommen", kommandierte der Förster.
Nach einer Weile blieb er stehen. „Hier diese Stämme müssen gefällt werden — macht Euch dabei--oder",
meinte er gutmütig, „kommt erst mit mir ins Haus, damit Euch die Frauen Frühstück geben. Ihr seht bestaubt und mnde aus, als läge ein weiter Weg hinter Euch: und zur Arbeit taugt kein teer er Magen!"
Johannes folgte ihm still. Hoch und kühl umfing sie me Vorhalle — die mit Gewehren und allerhand Jagd- aerät geziert war und gleichzeitig als gemeinsame Eststube biente.
„Bärbe — Anne — Ursel!" schrie der Förster in die Küche. Niemand antwortete. Endlich ertönten Schritte und eine weibliche Gestalt schob sich herein. Johannes fühlte das Herz bis zum Halse hinauf klopfen und seine Augen bohrten sich förmlich in das Gesicht der Eintretenden. Aber der Rebell wurde schnell wieder ruhig, — — Riesengroß!
und starkknochig sah das Mädchen aus und matz ihn mit einem Blick, als wollte sie ihn, weil er vielleicht ein paar Centimeter weniger als sie maß, in die Tasche stecken. . ihre Hände waren sehr groß und rot, und als er daran! dachte, daß sie ihm leise die Wange streichelte, wurde ihm ganz ängstlich zu Mut.
„Bring' Frühstück für diesen Mann hier, Bärbe", befahl der Förster .
„Wie heißt Ihr übrigens", wandte er sich zu Johannes!.- „Hannes Wiebrecht", sagte der leise.
„Na also — Hannes, das hier ist meine älteste Tochter Bärbe, und das mach' ich mir von vornherein zur Bedingung — gebandelt wird hier nicht! Sonst heistt's hinaus!"!
Johannes nickte zustimmend. „Keine Angst, Herr Förster", sagte er lustig.
Geräuschvoll stellte Bärbe zwei Butterbrote vor ihn hin — und hinterher kam noch jemand — ganz ehrsam, mit! niedergeschlagenen Augen und farblosem, glattgestrichenem Haar.
Des Försters Anne! Mit einem Gesicht, das einem anmutete, als hätte der liebe Herrgott gar zu viel an ihrem Erschaffungstage zu thun gehabt, um ob aller Eile und! Hast das beste hineinzulegen vergessen — die Weichheit und die Seele.
Johannes wurde traurig .Nun war's mit dem Maien- zauber nichts — denn es müßte doch sonderbar zugehen,- wenn die dritte — die Ursel — ihren Schwestern nichü gliche — und mit der weichen Hand und dem jungen Leben auf dem Grundelhof war's Essig . . . Wer feine Pflicht wollte er trotzdem thun, damit man ihn keinen Tagedieb! und unnützen Esser schalt. Ein paar Tage würde er esj schon aushalten — denn das Brot war gut und die Milch frisch . . . dann würde er wieder heimgehen. . . und wenn! der alte Vater heimlich fragte:
„Na, Junge" ---würde er still sagen: „Nichts" — und
das Leben würde wieder in alter Weise an ihnen vorbei-c schleichen.
Der alte, zähe Baum mußte seinen Ingrimm nun aus-, halten — er hieb hinein, daß die Splitter umherflogen und er sich knarrend zur Seite bog.
Da zupfte ihn plötzlich etwas ganz leise hinten «M Rock — er wandte sich schnell um, ein junges, süßes Gen sichtlein mit großen, stillen Rehaugen sah ihn in atem-- loser Aengstlichkeit an.
„Bitte, kommt mit mir — es ist ein ganz kleiness Füchslein in die Falle gegangen — ich kann's nicht mit ansehen, wie es sich ab quält und schindet, um herauszukommen. Helft's mir befreien! Aber ganz heimlich, damit der Vater nichts merkt!"
Johannes geht mit — atemlos — beklommen, nur immer auf die junge Gestalt, die wie ein Eichhörnchen vor ihm herhuscht, schauend, wie das Sormengold auf ihren! blonden Zöpfen spielt —- und wie berauschend es in dem alten Wald duftet und grünt--- — der Maienzauber!
geht um.
Bald sind sie an der bewußten Stelle. Johannes! beugt sich nieder und versucht die schwere Eisenfalle zu öffnen --endlich gelingt's. Husch, husch, ist der kleine ReimckS heraus und im tiefsten Dickicht verschwunden. — Da erst schauen sich die beiden jungen Menschen in die Augen.-
„Ich bin nämlich Försters Ursel" — flüsterte der rotej Mund leise--und ich hab' sie alle so lieb, die kleinen
und die großen Tiere im Wald, daß ich sie nicht leiden mag seh'u — und nun dank ich auch schön für Eure Hülfet
Johannes atmet schwer. Wenn's eine reine, unverdor-, Bene Natur packt und schüttelt, hebt's wie der wilde Ost in ihr, und nun war auch seine Stunde gekommen. . . dig hier oder keine würde fein Herzlieb. Er zwang seine Sinne zur Festigkeit und erzählte ihr, daß er seit dem Morgen in des Vaters Diensten stehe. Und noch anderes sprachen sie zusammen... wie die Vergißmeinnicht da unten uni Thal so blau blühten — und . . . daß es doch eigentlich schön — über alle Maßen schön — auf der Welt sei.
So gingen die Tage dahin. Johannes arbeitete wie im Rausch! Der gewaltige Lebensrausch mußte heraus, und er schaffte für zwei! — Der Förster klopfte ihm schmunzelnd auf die Schulter — „Ihr arbeitet brav, Hannes", sagte er beifällig.
Fünf Tage war er nun schon im Waldbaus, und dass Fortgehen dünkte ihm eine Unmöglichkeit. Alle Vormittag^ wenn der Vater wett draußen beim Baumschlag war, kam!


