1902. — Nr. 73.
Ißhotogr- auf H.Noli. Gl'^SScT
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Ium Dfillgstfeste 1902.
(Nachdruck verboten.)
Lenz-frohe Lüfte, weich und lind, W eh'n ivicder nun um Höh'n und Gründe . . j Wie Flüstern klingt's im Maienwind, Als ob er hehre Botschaft künde! Festfreudig jauchzt die Nachtigall Noch eh' der Sterne Licht verglommen; Bald jubelt froher Lerchenschall:
Du Tag der Pfingsten, sei willkommen!
Du Tag des Brausens, feurig klar, Der einst der Jünger Zweifel löste; Du Tag der Kraft, der in die Schar Den Opfermut der Treue flößte; Du Tag des Lichts, der jäh zerschellt Den Trug, der irrem Haß entflammte; Du Tag der Liebe, der die Welt Mit der Erfüllung Trost durchflammte!
So köstlichster Vollendung Drang
Wirkt wieder nun in Flur und Auen;
Die Primeln blüh'n am Bergeshang, Und blaue Blumenaugen schauen Aus sammetgrünem Plan empor Zum lichten Himmel, dustverschwommen, Und Maien wispern froh am Thor: Du Tag der Pfingsten, sei willkommen!
Und doch, wie ist die Liebe weit. Die uns der Tröster wollte bringen! Noch immer wühlen Groll und Neid, Noch immer blitzen blut'ge Klingen! . . . Auf stiller Flur manch' weites Grab, Und Muttergram und bräutlich Klagen, Cie legen bitter Zeugnis ab
Vom Pfingstgeist just in unfern Tagen! . . ;
Du wunderholder Frühlingstag Umhaucht von ersten Liliendüften, Und leis' durchhallt vom Flügelschlag Der wilden Taube in den Lüften; Sorg', daß auch sie den Fittig regt, Der bangen Welt zu Heil und Frommen, Die Taube, die den Oelzweig trägt — Dann Dag der Rktngsten, sei willkommen!
Alwin Römer.
Der Reiche vom Gmndelhof.
Ein Pfiugstgeschichtchen von Käthe Lubowski.
(Nachdruck verboten.)
„So, also Du willst nicht", schrie der alte Gruudelhvsti bauer, kirschrot im Gesicht, seinen einzigen Sprößling, der schlank und hoch vor ihm stand, in zorniger Erregung an. „Wenn andere Väter ihren Söhnen die Sache mit der Heirat so bequem machten, wie ich Dir, — wo's Dir gar kein Kopfzerbrechen kostet, um dem Grundelhof eine ordentliche Hausfrau zu schaffen — da würden die vor Freuds und Dankbarkeit hochspringen."
„Dann laß ihnen das Vergnügen, Vater! Ich war niemals fürs Springen, weißt Du! Ich bin mein Lebtag immer hübsch brav auf der Erde geblieben, und wenn ich bisher noch keine Gelegenheit fand, dem Grundelhof und Deinem Willen zu seinem Rechte zu verhelfen, so kam das einfach daher, weil ich Noch Keine sand, die i(f)i so recht von Herzen lieb haben konnte", entgegnete der Sohn ruhig.
Der Alte knurrte etivas, das wie „Rarrensposfen" klang, hörte aber still zu, als Johannes fortsuhr.
„Und da soll ich nun zum Förster Michels gehen, bloß weil Ihr beiden Alten das Euch so beredet habt, und mir von den drei Dirnen, die ich nicht mal kenne, eine herholen. Weil ich der Reiche vom Grnndelhof bin, könnt' ich wählen, meinst Du, denn eine — vielleicht die älteste und verständigste von den Mädchen, würde sicher nach den Dukaten greifen. Ich handle wohl um junge Füllen und sonstiges Viehzeug — aber um mein zukünftiges Herzlieb handle ich nicht!"
„So"--- — fuhr der Vater auf, — „als ob wir nicht
gut zusammen gelebt hätten, Deine selige Mutter und ich! Meinst Du — ich hätte gewartet, bis mir die Liebe oder wie Du sonst das Zeng heißen magst, ihre Reverenz gemacht hätte? Nee — als mein alter Vater sagte, „hier Hans! Krischan, ist sie" ... da hab' ich gesagt, „schön, Vater, und hab' sie geheirätet, und es ist mir gut bekommen und nimmer leid gewesen!"
„Na, Vater, nun laß nur die Sache! Was ich aber noch sagen wollte. . . Die Ackerbestellung ist fertig, und ich möchte mir mal gern auf ein paar Tage die Welt auf« schauen! Weißt Du, ich möcht's mal fühlen, daß ich wirklich der Reiche vom Grundelhof bin — mir das Ränzel auf den Rücken schnallen und in die Berge wandern — vielleicht, daß. ich Deinem Wunsch dann näher komme."
Der Alte hustete und schnaufte ,schalt aber nicht, sondern legte die alte, harte Hand auf die Schulter des Sohnes:
„Siehst Du, Johannes, ich hatt' mich so auf frischesjunges Leben aus dem alten Hof gefreut — Tag und Nacht hab' ich von geträumt — Du weißt schon — wie ich's meine! Wenn Du nun aber bockbeinig bleibst und das graue Alter kommt schließlich, dann ist's damit vorbei."


