162
Wat?"
„Wo is ’t Wicht?"
„Schall woll in'n Törpe Wesen. Se wascht jo tiör del Sommergästen. Ik kann ehr de Pennige nich geben to Banners un Nabels un all den Kram, de ehr in de Dogen steckt."
„’t is 'n striktere Teern."
Tie Witwe schüttelte wehmütig seufzend den Kopf. „Tat Helpt ehr nix."
„Marinkamöh, da is Se dwars. Snikkerheet is'n
I„Büst mi ook nich gram, Wiel —
„Wat?" ;
„Wiel — dat use Herrgott meent, dal ik ’f Bim, de fryet?"
. „Schapskopp!" sagte Tobias und setzte-sich steifbeinig rn Marsch zum Haus der Witwe Jürgens. Er kehrte aber noch einmal um, und in Ermangelung einer andern Blüte, pflückte er die kleinste d>er Sonnenblumen ab, und steckte sie
I zwischen die Knopflöcher seines blauen Kirchenrockes'.
„So'n Rukebusch is 'n Wink met en Tuunpahl. Se I ward't woll marken."
Tiesmal trat er durch die Borderthür ein, und setzte seine Füße fest auf.
Es ivar gerade kein Kaffeegast zugegen. Die Witwe saß rn der Küche rrnd verlas Linsen mit müden, gleich-, mäßigen Stricheri, die guten Körner in die Schüssel; der Abfall blieb auf dem Tische liegen.
„God'n Dag, Nahbersch. Ick hew Se wat to seggen."-
Ohne auszusehen zog die Frau mit dem Fuß einen Strohstuhl herbei. „Seit he sik dahl, Nahber."
| Dem Alten ging's gegen die Ehre, eine so wichtige Sache in der Küche zu verhandeln. Er blieb stehen und drehte an der Sonnenblnme in seinem Knopfloch.
„Se ivard't sick woll nahdenken, wat ick will, Jürgenfch."- „Nahber Tobias, he wert, ik denk' nix na."
„Mit 'nem flüggen Bagel int Nest schall ein’ dat Nahdenken leren."
„Nee, ik maak use Herrgott nich mihr de Plackerie, dat he't harr anners inrichtcn müßt, wie ik't mi so dacht hev."<
Tabei sonderte sie gemächlich ihre Linsen, die einen in die Schüssel, die andern beiseite, und beiseite, und in die. Schüssel, immerzu, immerzu. Sie hatte ein langes Gesicht, das von Haus aus etwas trübselig im Ausdruck geraten war. Sorgen, Enttäuschungen hatten es noch länger, noch trübseliger gemacht; die Augen waren wie verwaschen von Thränen. Um den Kopf trug sie ein rötlich schwarzess! Tuch, und ihre Kleidung war schwarz in allen Schattierungen dieser Trauerfarbe.
Tobias packte schon die Ungeduld. „So'n Unverstand is noch gar nich dawesen!"
Sie unterbrach ihn. „TobiasBreeden, He hett in de Wull seien sin Lewdag, un ick in'n Kletten. Deswegen kommen wir nich überein. Jt heb ook mien Leben inrichtet, as ick jung was. Hjelm Jansen woll ick frijen, so tote he von finer letzten Reis' um de Welt torügkam. Un he was! en flanken, flinken Jonge un harr jten SchäPkes in ’t Dröge. To kreeg het ’t geele Fieber tut se smeten em bt ’t Water. Frijen! — Nich en enkele Bloom künn ik up sien Graff leggen! — Un denn kam Jürgens un toi hebt frijet! He was ook en geben Mann, uu uns' Jörk ook! Gab et wol en mojeren Jong op't Eiland? Da meint’ ich klug zu sein. Er dürft' kein Matros werden, mößt' bi Moder bliwen, met Bader na de Fiske fahren. Un up'n stormigeu Namidagg kamt se mit de Schalupp boven an't Strand torüg seilen. Ich freu' mich, daß ich se Wiederhab'. Un se klettern 'ruut, trekken ’t Schalupp ’n beten Höger up ’t Land. Jk stah'r bi un denk' an de Grogg, de ik se up ’n Abend bröen schall un of'r noch Runt in de Flask is? — Und aus einen Slag kocht das ganze Meer, und in der Luft heult's, als wär der Teufel los — Krach! Böhrt een Well ’t Schalupp in de Höcht un smitt't ober de Twee, mien Jörk un Jürgens! — Jk stah'r dicht bi, du ook/ Tobias, Niklas, sös Annere noch — Zehn Schritt vom Land ertrinken sie elendiglich! Un ik maak ’n Schänd! un ik ring' mien Hand'n — — ’t kannt teen wat bi dohn I — Tu heft toeent datornaleu, Nahber Tobias —"
„Jo, ’t was ’n stimmen Tod," sagte der alte Schiffer. „Man nu is’t over. Tu hast noch ein Kind behalten, Marinkamöh, Deine Ebba."
Helpersche, Antje, kann nich Lottern, un du kannst nich laten."
„Nu, nu, man nich glick öber'n Tun! Büst söß Johr' tofreden Wesen, Bro'er Tobias. Un as de verflixte Katt nich kamen was —"
„Nee, Niklas, nee. Der Katt kannst du ’t nu nich upsacken. Un tofreden bün ick ook nich Weesen. Nee. Ick mößt' man erst kleen kriegen, wat'r bi to dohn is."
„Söß Jahre lang?"
„Ja, söß Johr'. Man du lernst es nich, Niklas! So'n lütt Teern, de noch nich insegnet is, de is di in'n Huus- halt öwer."
Niklas senkte den Kopf und trommelte mit den Fingern auf den Tisch.
„Mi möt't frijen, Niklas."
Der andre schnellte in die Höhe.
„Wi?"
„E e ir möt't frijen. Twei Frueuslüde ttnner een Dach, da beit nich gut. Un" — er streckte dem Bruder die Hand über den Tisch — „Niklas, Bro'er, wi twee wilt doch to- fammen hollen".
Niklas schüttelte gerührt die dargeLotene Hand. Bro'er Tobias, wenn ick mal was fuchtig und fahrig bin, du weetst, wo ’t meent is."
„Dafür bist du een jongen Keerl, Niklas. Nu Paß Achtung, wokeen frijet?"
Tobias griff in die Tasche, und zog ein Zehnpfennigstück hervor. Mer Niklas hielt ihm die Hand fest.
„Bro'er Tobias, weil ick doch ’n jongen Keerl bin, as du seggst, un Wiel Frijen en’ Sank für jonge Süe is —ik meen’ man —"
„Nee, Niklas, Recht mutt bestahn."
Niklas schlug die Augen nieder. „Ick meen, jo man. Menn du woll nich gern fristest — Jk doh'k di to leev." „Taal o’er Bagel, Niklas?" „In Gottes Nam’! Bagel."
Tie Münze fiel, der Adler lag obenauf.
„Tu frijest, Niklas."
Niklas wurde rot, und wandte das Gesicht weg, um es M verbergen. Eigentlich hatte er Gottes Weisheit keinen andern Schiedsspruch zugetraut, fühlte aber zu viel Ehrfurcht vor seinem Bruder, um es ihm gerade heraus zu
„Nu de Teern", sagte Tobias.
„Ja", heuchelte Niklas, „wen sall ick frijen?"
„Magst ’t rote Trientje lieben, ’t Schenkmäken bie'n Eschenwirt?"
„Te is jo keene Eilandersch."
„Un denn is se fahrig bi all ehre Smuckheet. Eene stedtge mott et sien."
„Eene de du 00k lieben magst", schmeichelte Niklas.
„Mat seggst du to Kösters Marieken?"
„Gott bewohr’ mi! Te is jo scheel up beide Dogen!"
„Jo, denn bliwt man bloß noch —" Und wie aus einem Mund sprachen beide Brüder: „Marinkamöh ehr Ebba."
Mieder kniff Niklas ein Auge zu, schalkhaft schmunzelnd.
„De nehm ick--Di to Leev, Bro'er Tobias."
Tobias that einen tiefen Atemzug. „Tat glöv ick bi! Slukopp! Ebba Jürgens. Moll! Ick biu't ook tofreben."
„’tis man —" Niklas kratzte sich hinter ben Dören.
„Wat benn noch?"
-Dar hör'n Twee to. Ebba is nich allmansch."
Aber nun ereiferte sicy Tobias zum erstenmal: „Wat lall so'n Teern benn woll in’n Kopp stecken? Bist 'en au- sehnlrchen Keerl, flank sör bine Johr'. Würklich, flank as'n Mastboom! Bon achtern könn' einer di für Wilm Hansen ansehn. Tat is so. Un de Kreihpoten in ’t Gesicht, de pnben de Fruenstüe moje."
toiegte sich verlegen auf seinem Schemel. I Tie Frön machte eine Bewegung mit der Hand, als Ka. dat woll feggen. Aber ob se nich schätze sie diesen Ueberrest ihres einstigen Glückes nicht be-
dat Munt ward hangen lauten?" sonders hoch
„Basta! Ick frije für di, Niklas. De Nahbersche schall ™ ' ---------
toeeten, bat ick't tofreden bin, und de Teern ook. Snick- snack! Dat geiht all god. Jk feeg, ’t geiht gob. Krieg mt mal'n Sündagsrock ut’n Schupp. Glieks schall ick ’t to 'n Klappen bringen."
Ter anbre half ihm schweigend. In der Thür hielt er chn aus.
„Bro'er Tobias.^


