dors leidender Zustand sich in Kreuznach statt zn bessern, verschlimmerte. In Wahrheit ivar Feodor nur mehr der Schatten seines früheren Selbst; den freien Gebrauch des verletzten Gliedes hatte er völlig eingebüßt, die Anschwellungen des Knies bereiteten ihm unendliche Schmerzen, keinen Schritt vermochte er mehr zu gehen, selbst um sich im Zimmer umher zn bewegen, bedurfte er emes Roll- stuhles. Dabei schwanden sichtlich seine Kruste, von Tag zu Tag magerte er ab, seine Gesundheit schien völlig erschüttert, und insbesondere die Brust in Mitleidenschaft gezogen zu sein, dem häufigen trockenen Hüsteln nach, das ihn bei Tag und Nacht quälte, lieber all' den Leiden war sein einst so frisches Gesichtchen durchsichtig geworden, nur seine Augen hatten den früheren lichten Ausdruck behalten, der sich eher noch gesteigert. Dieser, wie überhaupt der des jugendlich reinen Antlitzes war eigentümlich ; dasselbe erschien ordentlich vergeistigt. Die ihm eigene Fröhlichkeit war, ohne gänzlich zu schwinden, mehr einem sinnigen Wesen gewichen, einer stillen Freundlichkeit. Ungleich seiner Mutter, war Feodor liebenswürdig und geduldig, ungeachtet aller sehlgeschlagenen Hoffnungen und aller ärztlichen Eingriffe, die man an ihm versucht. Aus den Bonner Professor hatte man neue Hoffnung gesetzt. Der gelehrte Herr zögerte auch nicht, die Behandlung zu übernehmen. Gleich nach der ersten Konsultation riet er, den kleinen Patienten nach dem Johannis-Hospital zu bringen. Wera sträubte sich dagegen. Sobald sie jedoch von der trefflichen Einrichtung und den schönen Räumen des Krankenhauses Einsicht genommen, ließ sie sich von der Zweckdienlichkeit der ärztlichen Anordnung überzeugen und gestattete die Uebersiedlung. Sie selbst zog sogar mit hin, behielt sich jedoch gleichzeitig einige Zimmer rm Hotel Vor, zwischen welchen beiden Wohnungen sie alsbalo in toller Erregung hin und her zu fahren pflegte. Sie befand sich in einem beklagenswerten Zustande. Neben begründeter Sorge nagte noch eine unbeschreibliche Unruhe, eine sieber- hafte Rastlosigkeit an ihr, selbst ihr früherer, kälter Stolz war geflohen, sie seufzte unter angstvoller Sorge oder Langeweile, nirgendwo fand sie Ruhe, sie haßte es, Menschen zu sehen, und jammerte doch um Zerstreuung und Unter- haltung. , , , , , ,,,,
So war es die ganze Reise hindurch gewesen; selbst Feodors Leiden hatten dem keinen Einhalt gethan. Wie dieses sich von Tag zu Tag verschlimmerte, so schraubte sich auch die geistige Erregung bei Wera zum Höhepunkte.
Es war wenig zu verwundern, daß die lebhafte, hoffnungsvolle Jugend einer rheinischen Stadt Wera alsbald, ihres ausfallenden. Gebührens wegen, „die tolle, schöne Russin!" nannte. Loderte es doch faktisch zuweilen tote Flammen des Irrsinns in den unsteten Augen des schönen, heftige,i Weibes, das innerlich sich verzehrte in Leidenschaft. War es dies? Sicherlich konnte das leidenschaftliche Gefühl Nikolai Karin nicht vergessen, noch weniger die Kränkung verwinden, die er ihr angethan. Sicher hatte sie seine Rückkehr zu ihr erwartet. Sie wartete vergebens; er kant nicht, selbst da nicht, als sie, verzehrt von Sehnsucht, all ihres Stolzes, ja gar, ihrer weiblichen Wurde vergaß, und ihm schrieb, ihn beschwor, zu ihr zurück zu kommen. Sie befahl, sie flehte, sie bat, sie machte ihm Vorwürfe — alles in einem — um ihn endlich der Unbe- ständigkeit, der Treulosigkeit zu zeihen. Gelassen hatte Nikolai darauf erwidert, daß nicht er — sondern sre die Beziehungen gelöst, die einst zwischen ihnen bestanden, und die, einmal zerrissen, für immer zerrissen seien. Die Gefühle, die ihn für sie in einer vertrauensvollen Jugendzeit beseelt, seien mit dieser entschwunden. Und,weiter gestand er ihr freimütig seine Liebe zu Clarita, sein Werben um sie und die erhaltene Abweisung unter dem Hinzusügen: in Anbetracht des Gesagten werde es für sie und ihn besfer fein, wenn er den Damen fern bleibe.
Jenes Schreiben hatte Wera fast toll gemacht. Sich geradezu verschmäht zu sehen, überstieg alles, was zu, verzeihen gewesen wäre. In ihre Bitterkeit, ihren Zorn mischte sich nur ein tröstliches Empsinden, hämische Freude über Karins fehlgeschlagene Werbung. Es lag eine Genug- thuung für sie darin. Dieserhalb besserte sich auch von jenem Tage an ihre Gesinnung gegen Clarita, ja allmählich, da neue Sorge und überwältigende Angst um ihres Sohnes Zustand bei ihr Platz griff, wurde ihr die Gegenwart des gehaßten Mädchens tröstlich, erwünscht.
Neben deren hingebender Sorgfall für den Kranken,
die sie aller ermüdenden Pflege überhob, fand sie noch bei ihrer inneren Haltlosigkeit an der thatkräftigen Clarita eine Stütze, an die sie sich anzuklammern begann; denn in einzelne,? Momenten empfand sie selbst ihre Unfähigkeit, und in Wahrheit würde ihr armer Knabe übel daran gewesen sein, wäre er allein auf die Gesellschaft der Mutter angewiesen gewesen, statt seine Clarita um sich zu haben, die ausgleichend tröstend, vermittelnd zwischen der Aufgeregten und dem Leidenden stand. Sie war dessen treue Freundin, .unermüdlich in seiner Pflege. Nun deren Anforderungen gestiegen, teilte sie dieselben mit den barmherzigen Schwestern. Anfangs betrachtete Feodor scheu deren Walten, bald jedoch machte die freundliche Sicherheit, ihr stilles, liebreiches Wesen, ihn zutraulich. Er gewann die schwarzen Gestalten mit den weißen Stirnbändern ordentlich lieb — desungeachtet blieb ihm aber doch am liebsten seine Clarita; ihr vertraute er alles, was sein junges Herz, seinen reinen Geist bewegte. Und sie — sie tröstete ihn, sie unterhielt ihn, sie plauderte, sie betete mit ihm. Sie erzählte und sprach ihm von jenen Dingen, die zu hören sein kindlich frommes Gemüt verlangte .
So gingen die Tage hin. Es wurde darüber Hochsommer. Derselbe fand die Ornatosfs noch immer zu Bonn. Wera wurde nicht müde, darüber zu seufzen: an eine Stätte gefesselt zu sein, erhöhte ihren Jammer, und doch würde sie diese ruhiger ertragen haben, hätte eine Ahnung ihr zugeflüstert, wie nahe Nikolai Karin ihr sei. Sie wähnte ihn fern in der russischen Steppe, und er weilte ganz in der Nähe, zu Eins; er war sogar in Bonn gewesen, nmi persönlich über Feodors Befinden bei dem Professor nachzufragen. Dieser hielt jedoch, wie er gebeten worden, über "jenen Besuch reinen Mund, und Karin hatte die Dame nicht ausgesucht. Clarita gedachte seiner nur selten, einmal jedoch war sie lebhaft an ihn erinnert worden durch Feodor, der ihr, seiner Vertrauten, einst llagte: „Freundin weiht Du — Mama thut mir unsagbar leid! Wenn ich sterbe, so wird sie niemanden mehr haben, um sie zu lieben " Und in naiver Gedankenverbindung setzte er alsbald fragend hinzu: Warum nur Nikolai Pawlowitsch nicht kommt? Das würde dem Mütterchen doch tröstlich fein!"' Da die Gefragte nicht antwortete, fuhr er fort: „Nicht wahr, meine Clarita, Du versprichst es mir, Du wirst immer gut gegen meine arme Mama sein?"
Clarita suchte aufs beste das Kind zu beruhigen, nut dem es thatsächlich unleugbar bergab ging. Es war jefet beständig an sein Lager gefesselt, das kranke Bem, dessen Verletzung einst nicht richtig erkannt worden, lag nunmehr in festem, kunstvollem Verbände, der immer enger gezogen werden sollte, um die Kitiescheibe zwischen der sich Wasiev angesetzt, allgemach wieder in die normale Gestaltung zu bringen. Jedoch die geeignete Behandlung mochte zu spat erkannt worden sein. Die Aerzte schüttelten bedenklich diel Köpfe, sie erwogen bereits als letztes Mittel eine schmerz-- liche Operation, mit der sie nur zögerten wegen des sonstigen Gesundheitszustandes des kleinen Patienten. Die Aussicht auf eine Hebung desselben schwand indes immer mehr; trotz aller Pflege schien Feodor seiner Auflösung entgegen zu gehen.
Es war ein angenehmer Abend nach einem heißen Sommertage. Ein vorüberziehendes Gewitter hatte die Temperatur wohlthuend abgekühlt, erquickende Luft zog durch das offene Fenster in Feodors Krankenstube. Seine Mutter saß neben seinem Lager; seltenerweise war sie einmal mit ihrem Kinde allein. Sie selbst hatte die bleiche Clarita abzulösen verlangt; diese hatte ein paar Gange durch den Garten gemacht unh kniete nun in der schonen Hauskapelle in heißem Gebet. Sie durfte sich heute etwas Erholung gönnen; denn Wera war verständiger als gewöhnlich gewesen. Es mochte ihr gut thun, ein wenig allem mit ihrem Kinde zu sein; lange hatte sie es ja doch nicht
Zwischen Mutter und Sohn war die Unterhaltung verstummt. Feodor streichelte mit trauriger Zärtlichkeit Weras chöne, gepflegte Hand. „Matuschka!" sagte er Plötzlichseine lichtglänzenden Augen zu ihr aufschlagend. „Matuschka, — wiederholte er weich — „ich möchte Dir etwas sagen, Dich uni eines bitten. Du darfst Dich nicht zu sehr gramen/ wenn — wenn ich gestorben sein werde!"
Erschreckt fuhr Wera zusammen, aber fünft fuhr ba§ Kind fort: „Ich mag Dich nicht täuschen, Mama — ich weiß, ich fühle es, daß ich sterben muß, doch fürchte ich


