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Kriegsbedrängnisse in und bei Gießen
im Revolutionskriege 1796.*)
(Originalartikel der „Gieß. Fambl.")
(Nachdruck verboten.)
Das Direktorium in Paris, das nach Auflösung der Schreckensherrschaft die französische Republik leitete, fand die trostlosesten Zustände vor: leere Staatskassen und ein in Auflösung begriffenes Heer. Um das Heer und die ehrgeizigen Generäle' zu beschäftigen und seinen Durst nach Ruhm zu befriedigen, begann die neue Regierung Raubkriege mit fast allen Mächten Europas „zur Befreiung der Völker" und „zur Verteidigung des Vaterlandes". Während der ehrgeizige General Bonaparte seine mangelhaft ausgerüsteten, mut- und lustlosen Soldaten in Italien zu immer neuen Siegen über die Oesterreicher führte, walzte der französische General Jourdan seine Heeresmassen vom Rhein bis zum Main. Die Franzosen aus Deutschland zu vertreiben und sie hinter den Rhein zu jagen, mußte Erzherzog Karl von Oesterreich allein übernehmen, nachdem Preußen durch den Baseler Frieden (1795) nicht zu seinem Ruhm die gemeinsame deutsche Sache hn Stiche gelassen hatte.
Tie Schrecknisse des französischen Raubzuges nach Deutschland sollte das Oberfürstentum Hessen vom Juli bis September 1796 in furchtbarster Weise empfinden. Jourdan war mit seiner Armee bei Neuwied über den Rhein gegangen Und hatte mit dem Gros die Richtung Limburg—Friedberg eingeschlagen, während eine Division unter dem Unterfeldherrn Lefsbre das Lahnthal heraufzog und Mitte Juni bei Wetzlar stand. Hier kam es am 15. Juni auf der Straße nach Oberbiel zu einem Treffen, in dem Lefsbre so empfindlich vom Erzherzog Karl geschlagen wurde, daß er sich eilig über den Westerwald bis nach Düsseldorf zurückzog. Der Erzherzog verließ, nachdem er Lefsbre zurückgedrängt, die Lahngegend, um sich gegen den französischen General Moreau an der Donau zu wenden, während ein deutsches Observattonskorps unter Wartensleben gegen Jourdan in der Richtung Friedberg stehen blieb. Wartensleben wurde bei Friedberg von Jourdan geschlagen und zog sich nach Franken zurück, wo er sich mit dem Korps des Erzherzogs vereinigte.
Auf dem Rückzüge der Deutschen kamen einige Bataillone kaiserlicher Truppen am 4. Juli nach Gießen. Diese rückten am 7. Juli durch das Neustädter Thor wieder aus, passierten die Lahnbrücke und wurden, als sie auf der Heuchelheimer Straße vorgingen, mit den ftanzösischM Vorposten in ein Gefecht verwickelt, das ungünstig für die Deutschen aussiel, sodaß die Franzosen die Hardt besetzten. Tie Kaiserlichen zogen sich in die Stadt zurück, nachdem sie die Zugänge zur Lahnbrücke auf alle mögliche Weise gesperrt hatten.
In der Stadt rief das Festsetzen der Franzosen am Hardtberge Bestürzung hervor, und noch am Abend traten die Mitglieder der fürstlichen Regierung, einige Ratsschöffen, Rektor und Kanzler der Universität und die Professoren Jaup und Büchner zusammen, um zu beraten, wie man die Stadt vor einer Plünderung seitens der Franzosen bewahren könne. Nachts 2 Uhr verließen die Kaiserlichen die Stadt, und die Brücke wurde aufgezogen. Mit Tagesanbruch erschienen vor dem Neustädter Thor zwei französische Reiter, die oie Oesfnung der Thore verlangten, was ihnen verweigert wurde. Bald kamen stärkere Abteilungen der Franzosen an; ihr Anführer war General Mortier. Jetzt zeigte man sich gewillt, die Thore zu öffnen. Tie Zugbrücke wurde heruntergelassen, und die Herren der städtischen Deputation gingen dem General entgegen, voran Professor Jaup, der um Schutz für die Stadt bat. Mortier führte seine Truppen um die Stadt nach dem Seltersberg, wo sie biwakierten; nur der General, sein Adjutant und die Bedeckungsmannschaft kamen in der Stadt ins Quartier. Mortier lag im Posthause an der Wallthorstraße. Der Stadt wurden nun große Lieferungen an Lebensmitteln, Bekleidungsstücken, Fourage, Landkarten auferlegt, und die fran-
*) Eine ausführliche Darstellung der Kriegsdrangsale findet sich in der Schrift: „Kriegsgeschichte der Stadt und Vestung Gießen und deren umliegenden Gegenden vom 7. Juli bis zum 19. Sept. 1796 von einem Augenzeugen. Gießen 1796. Neudruck 1896. Verlag von Ed. Ottmann. Generalvertrieb: Frees & Das kW.
zösifchen Kommissäre sorgten dafür, daß den Anforderungen pünktlich entsprochen wurde. Die erwähnten Mitglieder der städtischen Kommission hatten nun vollauf zu thun. Die zu stellenden Lebensmittel mußten aus den umliegenden Aemtern herbeigeschafft werden.
Am Mittage des 8. Juli trafen wieder einige französische Generäle in Gießen ein, darunter Lefsbre. Mortier reifte an demselben Tage wieder ab. Nur ungern sah man den menschenfreundlichen General von hier scheiden. Le- föbre erneuerte die Kriegslieferungen und verlangte überdies noch 12 Pferde. Die Vorstellung der Kommission, daß in Gießen wenig Pferde gehalten würden, und daß die vorhandenen in der Universitäts-Reitschule für Kriegsdienste unbrauchbar seien, nutzte wenig. Der General betonte, er wisse wohl, daß die Pferde aus dem fürstlichen Reitstalle fortgeschafft wären; käme man seiner Forderung nicht nach, so würde er die Stadt mit einer Brandschatzung von 200 000 Livres belegen. Unter großen Opfern gelang es, die Pferde in Marburg anzukaufen. An demselben Tage kamen mehrere französische Bataillone an, die größtenteils am Seltersberg kampierten; nur ein Bataillon bezog Quartiere in der Stadt. Diese Einquartterungslast wurde schwer empfunden, da die fremden Gäste hohe Ansprüche an ihre Quartierwirte stellten, und von unbemittelten Leuten die Lieferung von Wein verlangten. Zum Glück rückte das betreffende Bataillon in der Frühe des 9. mit den vor der Staat lagernden Truppen in der Richtung nach Friedberg wieder ab'. Einige Stunden nachher verließ auch Lefsbre die Stadt und nahm mit den übrigen Mannschaften feinen Weg durch die Wetterau über Langendiebach bei Hanau nach; der Kinzig hin. Er verlangte vier Boten, die ihm den Weg über Steinberg zeigen mußten.
Bald nach Lefsbres Abzug rückte eine kleine Abteilung Franzosen unter oem Hauptmann Aden in die Stadt etn, die bis zum 16. September blieben- Der neue Kommandant that sein Möglichstes, um die Stadt zu schonen. Er versagte den nachrückenden Truppen den Durchpiarfch durchs die Stadt und bemühte sich, die Einquartterungslaften zu erleichtern. Ein Teil der Mannschaften wurden auf oem Rathause einquartiert, wohin ein jeder Bürger, dem ein Mann zugeteilt war, eine Decke zu liefern hatte. Der Quartierwirt erhielt von seinem Mann täglich (/z Pfund Fleischs wofür er ihn zu verköstigen hatte. Sehr oft wurde das Fleisch von den Soldaten verkauft. Trotzdem versorgten die Bürger ihre Einquartterung aufs beste. Am 19. Juli wurde den Aemtern zwischen Lahn und Main bedeutende Lieferungen an Geld und Naturalien auserlegt, die jedoch durch die unermüdlichen Vorstellungen der ehrenwerten Kriegskommission herabgesetzt wurden.
Unter diesen Umständen wurde die Lage der Bewohner von Gießen von Tag zu Tag schwieriger. Handel und Wandel stockten; nur die Bäcker, Metzger und Wirte hatten vollauf zu thun. Die Preise für die Lebensmittel waren enorm hoch und kaum zu bezahlen. Doch sollte der Stadt noch Schlimmeres bevorstehen.
Erzherzog Karl hatte durch die Gefechte bei Amberg, Schweinfurt und Würzburg anfangs September die Jour- dansche Armee zum Rückzug genötigt, der durch den Aufstand der fränkischen Bauern eine völlige Vernichtung drohte. In Frankfurt und Gießen wollte man an eine Retirade der Franzosen nicht glauben, obschon durchreisende französische Generäle und Offiziere dieselbe zugestanden. Am 5. September wurde das Eintreffen von 1200 Mann flüchtiger Franzosen für den folgenden Tag von Grünberg aus gemeldet. Die ganze Nacht hindurch wurden Vorbereitungen für die Lieferungen am folgenden Tage, die in Brot, Fleisch, Branntwein, Stroh, Heu, Holz bestanden, so eifrig betrieben, daß bei der Ankunst der Franzosen um 11 Uhr morgens alles bereit war. Am 8. traf auch General Ney ein.
Am 10. September zeigten sich am Busch'schen (Steins) Garten kaiserliche Scharfschützen und Husaren, die mit den französischen Vorposten daselbst handgemein wurden, sich aber bald wieder, da sie zu schwach waren, zurückzogen. An demselben Tage rückte die seit dem 8. Juli in Meßen stationierte Kompagnie unter Führung des Lieutenants le Comte auf Weisung des Generals Ney aus der Stadt, während Hauptmann Wen auf Bitten der Kriegskommission noch blieb. Eine andere französische Kompagnie rückte ein Am 11. September zeigte sich eine stärkere kaiserlich^ Abteilung ton, NahrustgsMkg und zwazig nach kurzein ZSor-


