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genötigt, angesichts der Maßregeln und Bestimmungen, die jetzt von allen Setten von ihr eingefordert wurden, eilten klaren Kops zu behalten. Vor allem telegraphierte sie nach Berlin an Herwärth, denn sie nahm an, daß das Brautpaar nach Wiesbaden noch nicht abgereist war. Was gellte, was jauchzte, während noch der Tote vor ihr lag, in ihrem Herzen plötzlich so auf? Nun durfte fie den lieben, der ihr von allen Menschen auf der Erde der teuerste war — lieben, nicht blos als seine Verwandte, seine Freundin, nein, mit der ganzen Liebe des Weibes. Das Schicksal selber hatte eingegriffen, und ihn ihr noch zur rechten Zeit, int allerletzten Augenblick gerettet, in dem Momente, ehe die Kircheuthür aufging, durch die er mit einer Andern zunt Altar schritt. Noch war er nicht vermählt! Nur reich brauchte seine Frait zu sein — und nun war sie reich ! Sie liebte er — und die Andere nicht. Ihr Telegramm kündigte ihm keinen Tod, sondern das Leben an. Das Leben voll zukünftigen, unaussprechlichen Glücks. Welches Bedenken konnte dagegen für ihn in Betracht kommen? Daß der Rücktritt von seiner geplanten Vermählung, so im letzten Augenblick, einigen Eelat machen würde? Die Rücksicht aus Bell selbst? Und gäbe es noch tausend Ketten jnehr, die ihn binden sollten — wie würde er sie, wenn er die Botschaft bekam, von sich abreißen, sie zerbrechen, Nur um sich frei zu machen — frei für sie! Sie wüßte es, ganz zuversichtlich wußte sie es und jeder Zweifel daran war Verrat an ihm.
Rur eins hätte sie dabei zu thuu. So schnell wie möglich zu ihm zu eilen. Würde er nicht schon auf sie warten? Und breitete der Geschiedene nicht selber segnend die Hände über sie Beide? Hatte er nicht selber ihre Verbindung einstmals gewünscht? So erfüllte sie nur seinen Willen und er würde ihnen über das Glück, das er ihnen hinterließ, nicht zürnen/
Die Leiche erst nach Deutschland transportieren lassen? Dann konnte sie vielleicht erst in drei, vier Tagen reisen. Ob sie hier an Ort und Stelle beigesetzt würde oder in Berlin — tote sie ihren Mann gekannt hatte, so wäre ihm das sicherlich ganz gleichgilttg gewesen. Noch am Wend desselben Tages sand, dem landesüblichen Gebrauch gemäß!, das Begräbnis statt, das nur insofern etwas beschwerlich war, als sich kein protestantischer Geistlicher dazu fand, und noch in der Nacht reifte Ottilie ab — nach Deutschland, nach Berlin. Eigentlich hatte sie von Herwarth aus ihr Telegramm hin eine Antwort erwartet. Aber wer weiß, wann er ihres erhalten hatte. Seine Antwort kam wahrscheinlich erst, nachdem sie schon längst abgereist war. Vom Bahnhof in Mailand schickte sie nach Berlin an Her- warth ein zweites Telegramm mit der Nachricht, wann sie in Berlin eintreffen würde, damit er fie auf dem Bahnhof erwarten konnte. Und immer weiter rollte der Zug. Hinter ihr lag das frisch! ausgeworfene Grab, vor ihr das neue Leben, das Glück. —
Exzellenz Büsching hatte zu der kleinen Feier, die ganz en Petit conntö begangen werden sollte, ihre Vorkehrungen in einer so umfassenden Weise getroffen, daß sich das Brautpaar um nichts mehr zu kümmern hatte. Exzellenz Büsching war die beste Freundin von Herwarths Mutter gewesen, ihr Gatte hatte es bis zum Wirklichen Geheimen Rat gebracht, dann war er gestorben. Her Warth kümmerte sich um die gute Dame, die, weil sie nichts anderes aus der Welt zu lieben hätte, eine echt mütterliche Zärtlichkeit führ ihn hatte, nur dann, wenn er sie wie in dem jetzigen Falle eben nötig hätte. Auch Bell gewann sofort ihre ganze Liebe, von Carla nicht zu reden, die ihr ja schon als Nesthäkchen bekannt gewesen war. Die ganze Feier sollte nur in der Trauung bestehen, und einem kleinen guten Dejeuner dinatoire int Hotel, wonach sich das Brautpaar sofort auf die Reise begeben wollte, zuerst nach der Riviera. Die Gäste bestanden nur aus zwei zufällig am Orte anwesenden, dem Schöneckschen Hause befreundeten Ehepaaren und von selten Bells dem in Frankfurt stationierten amerikanischen Konsul, der die Geschäfte zum Teil kür sie besorgt, und der es sich nicht hätte nehmen lassen, sie Einladung, die sie ihm zum Dank dafür geschickt hatte, prompt anzunehmen. Bell sah in ihrem weißen Brautstaate wunderschön aus, und Herwärth in seiner Gardeuniform, die er dem Tage zu Ehren,' wie es die Dienstvorschrift befahl, anzulegen hatte, wie ein Bräutigam!, der ganz 'Wer wert war. Ans den hellgrünen Wipfeln
des Taunus, ans den blühenden Thalwänden sonnte sich der Frühling. Auch die Natur schien Hochzeit zu feiern. Die Trauung fand in der hübschen Bergkirche statt, das Keine Diner verlies in animiertester Stimmung und es war schon später Nachmittag, als man sich verabschiedete und sich das Brautpaar zurückzog, um die Toilette zu wechseln.
Herwärth befand sich auf seinem Zimmer, er legte seinen neuen ’ grauen Reiseanzng an, Bell brauchte für ihre Toilette, bei der ihr ihre Kammerjungfer half, natürlich längere Zeit als er,' und er wollte deshalb vor ihrer Thür — denn sie war noch verschämt —- warten, bis sie fertig war. — Er band eben vor dem Spiegel noch die Kravatte um, als es an der Thür Köpfte. Es war der Zimmerkellner, und er meldete ihm, daß unten eine Dame sei, die ihn zu sprechen wünsche — sofort.
„Eine Dame?"
„Ja. Ihr Name, meinte sie, wäre nicht nötig."
„Ich fontnie bald."
Er zerbrach sich über diese Dame nicht den Kopf. Vermutlich eine Dame von der Wohlthätigkeit, die von dem Herrn Bräutigam anläßlich des frohen Tages für ihr Unternehmen einen Keinen Beitrag erbat. Er kannte das.
Der Kellner hätte die Dame in den Keinen Speisesaal geführt. Dort erwartete sie ihn-
Es war derselbe Saal, in dem die Tafel stattgefnnden hätte. Aus dem Tisch standen noch die Reste, die halbge^ leerten Weinflaschen, das Silberzeug, die Fruchtaufsätze, die Blumen.
Die Dame war ganz in Schwarz.
Es war Ottilie.
Ms sie in Berlin anlangte, und sich! auf dem BahN- h'ofe vergeblich nach Herwarth umsah, fuhr sie nach seiner Wohnung. Von dem Portier erfuhr sie, daß er schon abgereist setz nach Wiesbaden, zu feiner Hochzeit. Die beiden Telegramme waren angekommen, aber sie lagen noch ver- schlofsen in der Portierloge. Der Herr Baron, so sagte der Mann, hatte es so haben wollen. Es sollte ihm, da er seinen Hochzeitstag in absoluter Ruhe verleben wollte, nichts nachgeschickt werden. Deshalb hatte er auch seine Wiesbadener Adresse nicht hinterlassen. Erst nach der Hochzeit wollte er wieder Nachricht geben.
„Wissen Sie den Tag?" fragte Ottilie, ihre Stimme anstrengend.
„Nein, gnädige Fran".
'Mit dem nächsten D-Zuge, nachdem sie sich ein schwarzes Kleid beschafft hatte, reiste sie nach Wiesbaden ab. Jetzt erst, in ihrer Aufregung fiel ihr ein, daß sie sich ja nur an Fran von Büsching hätte wenden brauchen.
Von Frau von Büsching kam sie jetzt.
Es war zu spät.
Er war vermählt!
Nein, nein — es war nicht zu spät!
Wie lange er blieb! Sie hätte ihm ihren Namen nennen lassen sollen. Hergeflogen wäre er zu ihr.
Die Thür khat sich auf.
„Ottilie!"
„Herwärth!"
Sie stürzte aus ihn zu.
Erschreckt aber blieb er an der Thür stehen.
Das war es, was ihn erschreckte.'
„Ottilie! Du bist es! — Was bedeutet dieses Kleid? — Wo ist Hermann?"
„Hermann ist tot. Ich bin Witwe."
Tot!"
Er war aufs furchtbarste erschüttert. Er griff nach Wen beiden Händen und zog sie an sich
„Er ist erlöst", sagte er. „Gönnen wir es ihm. Ottilie — er hat Dich sehr lieb gehabt. Und Du ihn!— Warum aber hast Du mir, hast Du uns nicht telegraphiert?"
Sie erKärte ihm alles.
Nur der Schcherz um den Heimgegangenen war es, was ihn erfüllte — kein anderes Gefühl.
„Was Bell dazu sagen wird — auch sie hat ihn sehr lieb gehabt. Und es ist unser Hochzeitstags"
Sie verstand ihn nicht.
(Fortsetzung folgt.)


