Ausgabe 
16.6.1902
 
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K, wenn er ihr keinen Diener und keine perfekte Köchin t könne, solle er keine Diners geben.

Herr Velten war sofort von der Höhe seiner guten Laune in die tieffte Tiefe eines gedrückten Bewußtseins seiner traurigen Lage herabgeschmettert.

Gut", sagte er mit düsterer Miene,wir werden also künftig auf jeden Verkehr mit Standesgenossen ver­zichten. Ich thäte gut daran, meinen Schoppen auswärts mit Gevatter Schneider und Handschuhmacher zu trinken, und Tu kannst ja mit Deinen Töchtern die Remnoils der Leipziger Bürgerfamilien besuchen, wenn Ihr mal eine Abwechselung haben wollt. Das paßt jetzt besser für unseren Stand."

Wie sollen wir denn jetzt noch fertig werden?" stöhnte Frau Velten, der bereits der Schweiß auf der Stirn stand. Die Bowle ist noch nicht ausgepackt, und ich weiß gar nicht, in welcher Kiste sie steckt."

Tas Brautpaar erbot sich, die Sorge für die Bowle zu übernehmen und verschwand im Keller, wo die noch nicht ausg-epackten Kisten standen. Frau Velten raffte wieder ihre beiden Kochbücher auf und eilte mit fliegenden Hauben­bändern in die Küche zurück. Um die allgemeine Verwirrung noch größer zu machen, traf Mr. Hopkins, der englische Geistliche, um eine Stunde früher ein als er eingeladen war. Er hatte Herrn Veltens Zeichensprache, wie es schien, mangelhaft verstanden. Herr Velten hatte nun allerdings eigentlich so gut wie nichts zu thun und hätte sich der Unterhaltung des frühen Gastes ohne Schaden widmen können, aber er mußte das Plätzelegen und Plazieren einiger Flaschen Wein auf der Tafel für eine kolossale Anstrengung halten, denn er erklärte, er sei bereits halbtot und würde der Ermüdung dieser Fremdenkonversation unterliegen. Er kam auch jede zehn Minuten aus dem Wohnzimmer ge­stürzt, in dem er sich mit Mr. Hopkins befand, nm zu fragen, ob ihn denn nicht endlich jemand ablösen würde, er habe bereits wahnsinnige Kopfschmerzen. Aber auch das Ungemach dieses Vormittags erreichte sein Ende, und als man endlich an der Tafel saß und die Früchte seiner Mühen und Anstrengungen genoß, war die allgemeine Heiterkeit bald wieder hergestellt. Tie Bowle war durch Egons Für­sorge vorzüglich, und nachdem man einige Glas getrunken, ließ sich den Dingen schon eher eine humoristische Seite abgcn'innen, selbst Augustens roten Fäusten, die in den aufgezwängten weißen Handschuhen beinahe hilflos waren, und der echt sächsischen Bratensauce, die trotz der beiden Kochbücher zu lang und dünn geworden war. Aber mit zwei so heiteren und lustigen Gästen wie Egon und Camill Stauffen ließ es sich auch gut tafeln. Beide sprudelten von guten Einfüllen, und Traute blieb nicht zurück. Staufsen hatte die zartesten Aufmerksamkeiten für sie, und während er stets für alle da war und alle unterhielt, wußte er jene undefinirbaren Beziehungen mit ihr anzuknüpfen und zu unterhalten, die ausdrückten, daß er eigentlich nur für sie da sei. Er gab jedem kleinen Ritterdienst ihr gegenüber eine besondere Betonung. Und mit welch liebenswürdigem Lakt er die Mängel der Bedienung und der Tafel übersah! Er wußte sogar Frau Veltens durch Auguste und durch den Mangel eines Livreebedienten gedemütigtem Selbstbewußt­sein wieder aufzuhelfen durch die feinsten Elogen, die er ihr über ihren Familienkreis sagte. Und er gewann ihr Vertrauen im allerhöchsten Grade, als er sich für einen unbedingten Anhänger der Homöopathie erklärte, und von Wunderkuren erzählte, die er auf dem Lande an -einigen Bauernkindern selbst vollzogen haben ivollte. Außerdem offenbarte er sich als ein Verehrer des Pfarrers Blumhardt tu Bad Boll, der eine seiner Tanten im dritten Gliebe durch Gebet und Händeauflegung von jahrelanger Lähmung geheilt haben sollte, und er versprach Frau Velten nächstens Pastor Blumhardts Lebensgeschichte und ein unfehlbares homöopathisches Mittel gegen Tollwut und ein anderes gegen Diphtheritis.

Mr. Hopkins, der englische Geistliche, entschädigte sich für die mangelhafte Teilnahme, die er an der deutschen Unterhaltung nehmen konnte, durch eine ganz erstaunliche Leistungsfähigkeit im Essen. Der kleine, hagere Mann, der stets mit dem typisch sanften, geduldigen Gesichtsausdruck der .iigl.-chen Pastoren die Augen niederschlug, hatte auf eine solche Kraftleistung nicht schließen lassen. Er schien freudig auf jede Konversation zu verzichten, um sich un­gestört dem Genüsse von Speise und Trank widmen zu können, und mehr als ein höfliches und dankendes Grunzen

bei der Ueberreichung der Schüsseln kam nicht über seine Ltppen. *

Nachdem man später den Kaffee im Wohnzimmer ein- getlommen hatte, äußerte Herr Velten, der als Landmann das Stubensitzen nicht liebte, Lust zu einem Spaziergang.

Graf Stauffen wußte gleich einen annehmbaren Vor­schlag zu macheu. Man wollte in das Rosenthal gehen und sich zum Abendkonzert bei Bouorand einfinden, dem großen Konzertetablissement, am Eingänge des Rosenthals gelegen, wo man für fünfzig Pfennige Entree eine gute Militärkapelle hörte und wie im Berliner Konzerthaus an kleinen Tischen sitzen, Bier trinken und auch essen konnte. Der Vorschlag fand ungeteilten Beifall, besonders da Egon nach Schluß des Konzertes den letzten Zug nach Berlin noch erreichen konnte.

Mr. Hopkins hatte sich bald nach aufgehobener Tafel eutpfohlen, nachdem er ein Weilchen mit sanfter Miene stumm in einem der bequemen Seissel des Wohnzimmers verdaut hatte.

Geben Sie ihm doch noch ein paar Butterbrote mit, ich glaube, der arme Mensch ist nicht satt geworden", flüsterte Camill Stanffetr Traute zu, als Mr. Hopkins sich herauskvmplimentierte.

Ter Spaziergang nach dem Rosenthal und der Besuch des Abendkonzertes behielt für Traute in der Erinnerung den Zauber eines Märchentraumes. Sie ging mit Graf Stausfen und Armin voraus, das Brautpaar und die Eltern folgten, und sie glaubte sich uoch nie im Leben so gut unterhalten zu haben, wie mit dem jungen Mann, der jedem Thema eine besondere Würze zu verleihen wußte. Es war ihr nicht ganz klar, daß der Reiz dieser Unterr- haltung nur darin bestand, daß er alles auf sie und sich selbst bezog und die Bewunderung, die er für sie empfand. Und wie schön war das Rosenthal! Ein milder, grauer Herbsthimmel über den weiten Herbstflächen, die der Laub­wald in den weichen, violetten Tönen des Abends um­säumte. Es war eine einfache Landschaft, aber eilte stim­mungsvolle, träumerisch sehnsüchtige Schwermut lag über dieser in großen, weiten Linien gezeichneten Ebene und der dämmerblanen Waldesferne, die Melancholie des Herbstes, die für junge, lebensfrische Gemüter stets einen bestricken­den Zauber besitzt. Und wie entzückend war es, darauf in dem Konzertsaal zu sitzen und bei der Musik seinen Träumen nachzuhängen Träume, die nichts mehr mit dem Irdischen und Alltäglichen zu thun hatten, die alles Konkrete abstreiften und sich in einem Sonnennebel von Ahnungen und verschwommenen Märchenbildern der Phan­tasie verloren.

Für das Dorfkind hatte der große, stattliche, hell­erleuchtete Konzertsaal etwas Feenpalastartiges, die fchmet- ternde Militärmusik etwas Hinreißendes, und die dicht­gedrängte Menschenmenge, die friedlich um die Tische beim Glase Bier saß, gaben ihm den Eindruck, sich mitten im Gewühl der großen Welt zu befinden. Und in diesen süßen Rausch der Phantasie stahl sich ein Etwas hinein,> etwas bisher Ungekanntes, Fremdes, das doch alles weit hinter sich ließ, was das Herz des jungen Mädchens bis jetzt von Glück, von Lust und Wonne geträumt hatte. Es ließ sich uoch nicht in bestimmte Gedanken und Bilder fassen, es Ivar blendend wie Sonnenlicht, das plötzlich in die Augen flutet. Traute saß int Konzert neben Graf Stauffen, und wie Feuerfunken fielen seine Blicke und halb! geflüsterten Worte in diesen Rausch hinein.

Wie in einem Traume' befangen schritt sie auf dem Heimwege an seiner Seite.

Er begleitete sie bis vor die Hausthür ihrer Wohnung und in den jetzt nachtdunklen Wegen des Rosenthales hatte er plötzlich ihre Hand gefaßt und sie in einem langen, brennenden Kuß an seine Lippen gedrückt. Seitdem war ein Glühen und Zittern in Trautens Körper, das sie wie Fieber nachts auf ihrem Lager herumwarf und nicht schlafen ließ.

Siebentes Kapitel.

Am folgenden Nachmittag kam Graf Stanffen und holte Traute und Armin zu einem Spaziergange ins Rosen­thal ab.

Hulde lehnte ab, weil der Brief an Egon geschrieben werden mußte, und sie hatte außerdem ihrem Verlobten allerlei feierliche Versprechen gegeben, sich Graf Stauffen möglichst fern zu halten.

«Das wäre ein Schwiegersohn, was meinst. Du?" sagte