Ausgabe 
16.6.1902
 
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Herr Belten heiter scherzend An seiner Frau, als beide am Fenster stehend den Fortgehenden nachsahen.

Aber, Teophil, wie kannst Tu so etwas denken! Ein Graf Stauffen r eichsunmittelbar und"

Ach, oct hat es schon ganz andere Heiraten gegeben! W ist W-chl noch nie vorgekommen, daß ein Fürst eine Tänzerin oder dergleichen geheiratet hat? Ta ist Traute doch wohl noch ganz was anderes, und wahrhaftig! Tas Mädchen wird alle Tage schöner, es kann noch mal sein Glück machen. Tu hast ja gesehen, wie auch der Lehmigke gleich hinter ihr her war."

Ter Unverschämte!" murmelte Frau Velten, der der Helle Mutterstolz, durch ihres Mannes Worte in beglückende Träume gewiegt, aus den Augen leuchtete, wie sie dem jungen Paar nachsah, bis es um die Straßenecke verschwand.

Ein bischen spät, es dunkelte bereits, kamen Traute und Armin heim.

Armin sagte:Wir sind um die halbe Welt gelaufen, es war recht schmutzig da draußen, und ich habe einen Mordshunger", aber Traute schwärmte vom Wald und von dem herrlichen Spaziergang. Ihre Wangen glühten und ein Leuchten stand in ihren Augen.

Den ganzen Abend war sie damit beschäftigt, heim­gebrachte Kräuter und Blätter, zu anmutigen Gruppen ge­ordnet, in ein Album zu kleben und dieselben mit sinnigen Unterschriften zu versehen, zum Beispiel:Der Gchwald brauset", die Wolken ziehen", oder:Es war am moosigen Steine", mit einem langen Gedankenstrich, und:Der Wind verweht die Blätter, der Wind verweht das Wort" mit «einem noch längeren Gedankenstrich.

(Fortsetzung folgt.)

Briefe aus der Residenz.

(Originalbericht derGießener Familienblätter".)

IV e r k e h r s z e i t u n g. H o ftheater. Sommer- theater.

Es ist merkwürdig, daß die erste Verkehrszeitung zu einer Zeit ins Leben tritt, in welcher der Darmstadt zutreibende Verkehr aller Wahrscheinlichkeit nach keine größeren Di­mensionen ««nehmen wird. Ja, im vergangenen Frühjahr, da war das etwas ganz anderes. Da zog dieKnnstler- kolvnie." Pilgerströme fluteten nach der Mathildenhöhe. Ob sich in Zukunft, in absehbarer Zukunft noch einmal solch glückliche Konstellationen herausbilden werden, bleibt ab­zuwarten.

Im Sommer haben wir hier eine verhältnismäßig stillere Zeit als in jeder anderen Stadt, die über die gleiche Einwohnerzahl verfügt. Ter Eingesessene empfindet das als ein Glück. Wir brauchen noch keineswegs Tolstojaner oder Nachfolger der Lebensweisheit eines Ruskin zu sein, Um nicht doch den tiefen, gesunden Odem der von der heimatlichen Scholle zu uns herüberstreift, als das beste Heilmittel gegen die schädlichen Einflüsse einer überfeinerten Kultur zu empfinden. Was uns Darmstadt iin Sommer lieb macht, macht es natürlich für den, der es auf ein paar Stunden besuchen will, und der wahrscheinlich nicht den Weg in Unsere herrlichen Wälder antreten kann, die stellenweise man braucht nur den Kranichsteiner Park abzugehen, an Donar und Wotan gemahnen, einförmig und langweilig.

Ter hessische Forst! Das ist ein Kapitel für sich. Der letzte Maler dieses Kapitels ist doch der früh verstorbene August Fritz gewesen. Wir empfinden das mehr und mehr. Nachfolger, die das weiterführten, was gerade er aus dem heimischen Waldleben herauszuholen verstand, fehlen. Der vornehmste Landschafter ist gegenwärtig Bader. Aber er ist durch die Schule Böcklins gegangen, und August Fritz kam ganz direkt aus der Schule Eichen­dorffs, und, wenn wir noch weiter zurückgreifeu wollen, ans der Walthers von der Vogelweide. Als er lebte, war neben, ihm hier alles ziemlich jöde Meistersingermalerei. Das Eindringen der neuen Kunst hat er nicht nrehr erfahren. Tie meisten Bilder von August Fritz befinden sich im Privatbesitz. Tie Großh. Hessische Gallerie hat unseres Wissens keine seiner größeren Kompositionen erworben, obwohl dieser Maler int Privatauftrag der hessischen Groß- Herzöge und speziell auch der verstorbenen Königin von England mehrfach thätig gewesen ist .

Zu den besten Schätzen, wenn auch nicht zu den ins! Auge springendenSehenswürdigkeiten" unserer Residenz, rechnet die Gemäld e g allert e. Mit der Casseler! steht sie auf gleicher Stufe. Leider ist sie zur Zeit, bau­licher Veränderungen wegen, geschlossen. Das ist sehr zu bedauern. Man sollte derartige Renovationen in die Wintermonate oder in die kalten Frühlingstage verlegen, aber nicht gerade im Mai und Juni den Fremden, die aus wirklichem echten Interesse nach Darmstadt kommen, gelockt von Goethe und Muther, eine Quelle des Genusses ver­sperren. Ins Theater sind die Darmstädter um die Zeit, wenn die Rosen blühen, fehr schwer zu ziehen. Wenn im Mai die Saison zu Ende geht, ist die Teilnahme des Publi­kums schon recht matt geworden und wird nttr noch durch Vorstellungen erhalten, in welchen beliebte Künstler sich verabschieden. So erklärt es sich denn auch, daß der Novitätensegen eine starke Einschränkung erfährt. Der zweite Teil von Björnsonslieber unsere Kraft", Suder­mannsEs lebedasLeben" und Meyer-FörstersAlt- Heidelberg" sind die Stücke gewesen, welche im Schau­spiel den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen haben. Totaler Mißerfolg heftete sich an Otto ErnstsDie größte S ü n d e" undD a s ewig Weibliche" von Rob. Misch. Letzteres wurde in seiner ganzen Tonart als zu roh, ersteres als gänzlich veraltet in der Tendenz empfunden, weshalb wir es nicht begreifen, daß die Darmstädter Hofschauspieler sich noch auf ihrer Gastspielfahrt nach Saarbrücken damit behängt haben. Eine ziemlich freundliche Aufnahme hat SkovronneksTug end H of" bei uns gesunden.

ImOrpheum" giebt gegenwärtig ein Sommertheater- Ensemble, das eine verständnisvolle Regie und gute schau­spielerische Kräfte besitzt, seine Vorstellungen. Aber mit oem Repertoire können wir uns weniger befreunden.Die Macht der Finsternis" von Tolstoi war bis jetzt das einzige Stück, welches man ernst tiehmen konnte, alles! andere besteht ui albernen Schwänken oder abgeleierte«! Mrch-Pseifferiaden. Was für einen Zweck hat es wohl, auf einem Sommertheater mit beschränkten Ausstattungs^ Mitteln dieG r i l l e" vorzüsühren, die man aus der Hof-, bühne in weit schönerem Rahmett genießet! kann!

In der vor. Woche öffneten sich die Pforten des Musen-- tempels noch einmal für ein Gesamt-Gastspiel der Kgl. Hofoper aus Stuttgart, welches uns die Be­kanntschaft mit der Puccinischen OperLa Bo Home" ver­mittelte. Ein genußreicher Abend in jeder Beziehung. Diese Leutchen aus deut Quartier Latin, diese Waler, Poeten, Musiker und ihre Freundinnen, arme süße Mädel aus denr Volk, waren durch die Künstler brillant vertreten. Tas sonstige steife Opernspiel, das noch immer nicht völlig aus­gemerzt ist, hatte einer Grazie und Beweglichkeit Platz ge­macht, wie sie das moderne Sittenbild benötigt.

Tas Darmstädter Publikum hatte diestnal die fremden Gäste nicht im Stich gelassen. Vornehmlich hatte die erste Gesellschaft sich zum Erscheinen verpflichtet gefühlt. Ter erste Rang war ansverkauft. Tas kommt sonst selten vor.

Dr. M'.

Rauchschäden.

Entnommen deinPraktischen Wegweiser", Würzburg.

Die Ausdünstungen chemischer Fabriken üben bekannt­lich unter gewissen ungünstigen Umständen auf die Vege­tation ihrer Umgebung schädliche Wirkungen aus, welche man kurzweg alsRauchschäden" bezeichnet. Solche Rauch­schäden sind keineswegs zu verwechseln mit den bekannten und neuerdings mit Recht energisch bekämpften Belästi­gungen durch Ruß oder Flugasche.

Diese, mehr unbequemen als gefährlichen, verderben­bringenden Rauchbestandteile sind nicht die Ursache jener Aetzwirkungen und physiologischen Vergiftungen, welche durch chronische und akute Erkrankungen unsere Nutzpflanzen in ihrer Entwicklung hemmen, und über kurz oder lang ab­töten. Die Missethäter sind vielmehr die sauren Gase im Rauch, die sogenannten Rauchsäuren. Die Blüten und Blätter empsindlicherer Pflanzen, oder genauer her so wunderbar organisierte Apparat der Pflanzenzelle, besonders aber die grüne, chlorophyllhaltige Pslanzenzelle ist gegen Dämpfe und Lösungen (Nebel) der Mineralsäuren, wie sitz im Rauch cruftreten, ganz außerordentlich empfindlich. Tie unschädliche Verdünnung des Rauches mit Luft ist erst er-« reicht, wenn etwa dies gilt natürlich nur annäherungsst