Ausgabe 
16.6.1902
 
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(Nachdruck verboten.)

Manneswert.

Roman von Marte Stahl.

(Fortsetzung.)

Auf dem Heimwege begegnete ihm der englische Geist­liche auf der Straße, den er so meuchlings auf der Treppe angefallen hatte. Beide Herren begrüßten sich höflich, und Herr Velten fühlte sich veranlaßt, zu fragen, ob der Schreck keine bösen Folgen gehabt habe. Und einer plötzlichen Em- aebung folgend, lud er den Engländer zu dem beabsichtigten Mittagessen am Sonntag ein.

Eine Person mehr macht nichts aus", sagte er zu seiner Frau, die ein etwas ängstliches Gesicht machte bei dem Gedanken an Augustens mangelhafte Leistungsfähigkeit, und ich bin dem armen Kerl wirklich eine kleine Ent­schädigung für den Schreck schuldig."

Wie habt Ihr Euch denn verständigt?" fragte Frau «Balten.

O, es ging. Einzelne Worte wie ,Tiner Sonntag, drei Uhr' versteht er. Im übrigen Zeichensprache."

Eine große, freudige Ueberraschung hatte Hulde, als am Samstag abend ihr Verlobter, Egon von Lodenstem, eintraf.

Tas Verlangen, die neue Heimat seiner Braut kennen zu lernen, und ein ganz klein wenig die Eifersucht auf Graf Stauffen, hatten den jungen Mann alle Vernunft- gründe besiegen lassen, die gegen die Kosten der ziemliche weiten Reise von seiner Garnison nach Leipzig sprachen. Hulde hatte Graf Stauffen in gar zu warmen Farben geschildert, und der stark verliebte Bräutigam war eifer­süchtig.

Er kant am späten Samstag Wend und konnte nur bis Sonntag Wend bleiben, da er am Montag morgen wieder im Dienst sein mußte, aber die ganze Familie Belten war so erfreut über diesen Besuch, daß niemand sich Gedanken darüber machte, ob es unter den gegebenen Verhältnissen nicht eine Thorheit sei.

Man verlebte einen glücklichen Samstag Abend/' den Egons stets heiter sprudelnde Laune aufs angenehmste be­lebte, und am Sonntag Morgen begleitete Herr Velten das Brautpaar auf dem Kirchgang. Es machte ihm große Freude, sich mit diesem Schwiegersohn auf der Straße zeigen rönnen, sein verwundetes Gemüt richtete sich förmlich wieder auf an dem Stolz auf den preußischen Leutnant, und in der That wandte km manches. Ange nach- dem

Montag dm 16. Juni.

Nr. 88.

1902.

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wischen ehrlichen Leuten bedarf's keiner Rechnung.

Sprichwort.

hübschen, jungen Paar und dem stattlichen alten Herrn« was Herr Velten mit heimlicher Genugthuung bemerkte.

Ms sie von dem Kirchgang heimkehrten, konnte er es sich nicht versagen, das Brautpaar zu Felsche zu führen, um dort ein kleines Frühstück einzunehinen. Es war eine s» hübsche Gelegenheit, die Grimmasche Straße hinunterzu­gehen, wo man in der Mittagsstunde der ganzen beau monde Leipzigs begegnete.

8ierr Velten ging jeden Tag zur Mittagsstunde dorr spazieren und stets mit dem drückenden Bewußtsein, daß ihn niemand kannte, und daß niait ihn ebenso gut für einen Plebejer wie für einen Kavalier halten könne. Aber heute trug er sein Haupt hoch. In Begleitung des preußi­schen Offiziers wußte jeder, wer er war. Und er könnt« sich bei dieser Gelegenheit nicht schäbig zeigen. Der Kaviar und die Lachsbrötchen bet Falsche mußten mit einer Flasch« Rheinwein begossen werden. Es griff zwar seinen Beutel mehr an als ratsam war, aber er kam sich ungeheuer sparsam vor, wenn er daran dachte, was er früher bei solch einem kleinen Dejeuner springen ließ.

Es war da ein sehr vornehin aussehender alter Herr bet Felsche, der besonderes Wohlgefallen an dem Braut­paar zu finden schien. Der Kellner berichtete nach seinem Fortgang: Graf Hohenthal habe sich erkundigt, ob Velten nicht ein Graf Bohlen aus Tschocher sei, der seines Wissens auch einen preußischen Offizier zum Schwiegersohn habe. Ter Kellner bekam ein sehr reichliches Trinkgeld.

In der besten Stimnrung lehrte inan heim, aber dort fand man Frau Velten in einer gelinden Verzweiflung.

Wenn man nicht die nötigen Dienstboten hat, soll man keine Gesellschaft geben", sagte sie fast weinend. Die Misere ihrer veränderten Lebenslage hatte sich ihr noch nie so fühlbar gemacht wie heute. Sie verstand es vortrefflich, ein vornehmes Haus zu repräsentieren und Dienstboten zu kominandieren, aber sie hatte nie kochen gelernt und war in allen häuslichen Arbeiten unbeholfen. Auguste verlangte nun heute nicht nur Hilfe beim Kochen, sondern wenn man zur rechten Zeit fertig werden Witte, mußte man alle übrigen Vorbereitungen zu dem Durer selbst übernehmen. Armin war bereits beim Silberputzen an- gestellt, Traute 'deckte die Tafel und wusch und putzte Gläser und Porzellan, das zum Teil erst ausgepackt werden mußte und, sich Mit sehr verschmutztem Zustande befand. Fran Velten stand in der Küche, in jeder Hand ein Kochbuch, und hämmerte, daß sie die geschriebenen Rezepte ihrer Mutter nicht finden könne, während Auguste bereits ganz verstört und sinnverwirrt durch die beiden Kochbücher geworden war, aus denen ihr Frau Velten unaufhörlich vorlas, stets zwei verschiedene Rezepte für eine Speise durcheinander. Und nun kam Herr Velten noch mit sehr teuer gekauften Pfirsichen und verlangte, daß dieselben sofort geschalt und für eine Bowle zubereitet würden. Darüber verlor Frau Velten für den Augenblick ihre sonst unerschütterlrche Ruhj und Liebenswürdigkeit. Sie erklärt« Wem Gatten ziemtU