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Neberspamtheiten des Geldsacks.
Von Dr. Kurt Rudolf Kreusner-
(Nachdruck verboten.)
Man schreibt dem verstorbenen englischen Staatsmann Lord Palmerston den Ausspruch zu, daß es ebenso tadelnswert sei, unter seinem Stande zu leben, wie darüber. Es ist dies zweifellos eine sehr richtige Erweiterung des Sprichwortes „Noblesse oblige" in dem Sinne, daß es für den Millionär eine Schande ist, wenn er lebt wie ein Bettler, und nicht wenigstens einen Teil seines großen Vermögens wieder unter die Leute bringt. Wenn nun jene, denen günstige Geschäftsumstände und Glück das Ansammeln unerwartet großer Reichtümer gestattete, meistens aus das ängstlichste bemüht sind, keinen persönlichen Aufwand zu treiben, und dabei ost einer einseitigen Ueber- schätzung des Geldes verfallen, die man schlechthin als Geiz bezeichnen kann, so besorgen die lachenden Erben, die Herren Söhne und Enkel in der Regel das entgegengesetzte Geschäft, und es ist sehr bezeichnend, daß, wenn das Stammvermögen einer Familie nicht den Angrifsen des einzelnen durch Stiftungen und Fideikommisse entzogen ist, große Vermögen selten durch mehrere Generationen erhalten bleiben.
Sein Geld mit Eleganz und Anstand auszugeben, ist eine Kunst, die nicht so leicht ist, wie man glaubt. . Der einfache Besitzer einer Million Mark freilich, der unter den heutigen Verhältnissen im Kreise der echten Nabobs, der hundertfachen Millionäre und der Milliardäre schon fast als Schnorrer gilt, braucht keinen Ueberspanntheiten zu huldigen, um seine 35 bis 40 000 Mark Zinsen alljährlich zu verbrauchen. Wo aber die Zinsen des Kapitals hoch in die Millionen gehen, dort darf sich der glückliche Besitzer derselben schon Launen unb Extravaganzen gestatten, mit deren Kosten für viele Familien eine sichere Existenz begründet werden könnte.
Mas in den heutigen Zeiten der ungeheuren Geldkonzentration in einigen Händen an überspannten Liebhabereien und kostspieligen Schrullen geleistet wird, hat seines gleichen höchstens in den Tollheiten, von denen aus jener Zeit berichtet wird, als im alten Rom der Zäsarenwahnsinn regierte und Lucullus, APicius und Tri- malchio tonangebend waren. Einige im nachstehenden an
geführte authentische Millionärsüberspanntheiten aus der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit liefern den Beweis, daß wir durchaus keine Ursache haben, mit pharisäischem Selbstlob auf jene Zeiten des Uebermuts und namenloser Verschwendung herabzublicken.
Unvergessen ist im Andenken der Pariser vornehmen Jugend noch immer der Petit sucrier, „der kleine Zuckerl- mann" Max Lebaudy, der sich, als er bei erreichter Großjährigkeit in den Besitz des väterlichen Vermögens gelangte, in den Strudel des Pariser Lebens stürzte, aber sich als total unfähiger Mensch zeigte, da es ihm nicht gelang, die alljährlichen Zinsen, welche die Bagatelle von li/2 Millionen Frank ausmachten, int Schoße der vergnügungssüchtigsten Stadt der Welt anzubringen.
Ein besserer Spezialist in dieser Kunst ist jedenfalls der ungarische Fürst B . . . ., welchen der Schreiber dieser Zeilen einmal vor 14 Jahren im seltsamsten Aufzuge auf der unweit von Budapest gelegenen Bahnstation Hatvan in früher Morgenstunde ankommen sah. Nach einer bei Zigeunermusik verjubelten Nacht hatte der Fürst, als er mit seinen Zechgenossen die Wagen bestieg, um aus der drei Kilometer entfernten Bahnrestauration das Gelage fortzusetzen, dem Zigeunerprimas die eine Hälfte einer in der Mitte durchrissenen Tausendguldennote mit der Zusicherung gegeben, daß er die andere nur erhalte, wenn die Zigeunerkapelle zu Fuß laufend, gleichzeitig mit ihm, spielend und fidelnd, den Bahnhof erreiche. In welcher Verfassung der seltsame Zug den Bahnhof erreichte, läßt sich denken. Aehnliche Stretche ftillten fast Tag für Tag das Leben dieses Trägers eines sehr bekannten Namens, der übrigens heute unter Kuratel steht, während seine Güter sich in Sequestration befinden.
Ein ebenbürtiger Rivale dieses kernechten Magyaren war ein seinerzeit viel genannter Graf K., ein Glied eines weitverbreiteten deutschen Adelsgeschlechtes, der im Bewußtsein, daß die meisten Menschen für die nötige Summe Geldes selbst die erniedrigendsten Handlungen über sich ergehen lassen, am Schlüsse eines von ihm gegebenen luxuriösen tzerrendiners jedem Kellner des vornehmen Residenzrestaurants, der stch von ihm eine Ohrseige geben lassen würde, 100 Mark versprach, und auch thatsachltch in die Lage kam, diese der gesamten Bedienung mit Ausnahm« des Oberkellners auszuzahlen.
Sind derartige unverantwortliche Dummejungen- streiche zum Glück meistens nur Eigenheiten junger Schoß-- kinder des Glücks, bereit Treiben man nur aus bem Vorhandensein einer gewissen Entartung und erblichen Belastung erklären kann, so ist bte eigentliche Domäne für Millionärs-Neberspanntheiten boch wohl ber Sammelsport unb ein Luxus, ber über das Maß alles Vernünftigen hin- ausgeht. , , ,
Die Schisfssammluug einer hochstehenden deutschen Persönlichkeit, in welche Dutzende von Schiffsmodellen von der antiken Römischen Stiere, der venetianischen Galeere und der Caravelle von Christoph Kolumbus bis zu dem vor hundert Jahren üblichen Linienschiff und den heutigen Hochseepanzern und Torpedobooten bis in die kleinsten Einzelheiten in massivem Silber ausgeführt sind, gehört vielleicht noch nicht hierher, obwohl man sagen muß, daß eine das natürliche Material benutzende Sammlung interessanter und instruktiver wäre. Wenn wir aber in der Review of Reviews und anderen ernsthaften Berichten die Beschreibung von Kollektionen lesen, die im Lande des Nebels und Spleens ost mit dem Austvande von Millionen zusammengebracht sind, so müssen wir zugeben, daß b ab erbte Grenzen des Vernünftigen weit überschritten werden. So sammelt eine Mistreß Evelyn Aiwood, die Witwe eines im Kolonialwarenhandel reich gewordenen Großkausmanns seit Jahren Menschenschädel. Unter den Tausenden von Schädeln, mit welchen diese sonderbare Sammlerin die Räume ihres umfangreichen Palais ausgestattet hat, befinden sich die Schädel berüchtigter Räuber, Lustmörder und anderer Missethäter, für deren Beschaffung aus anatomischen Seziersälen und Leichenhäusern sie an die in ihrem Dienst stehenden Agenten im Einzelfalle oft viele Tausende gezahlt hat, ohne daß sie dabei, wie es andere Sammler grinsender Menschenschädel zur Beschönigung ihrer seltsamen Leidenschaft thun, vorgiebt, anthropologische Studien zu treiben. t . -
Ein anderer englischer Millionär, von dem Stead berichtet, hat sich vor wenigen Jahren eine Vergnugungshacht
„Ich will es Dir nicht länger verheimlichen, Helene, ich bin bei Dr. Hartwig gewesen, es ist die alte Geschichte mit dem Rücken."
Sie sank auf einen Stuhl, ohne ein Wort zu sagen.
„Ach, Du sollst sehen", brachte sie endlich mühsam hervor, „es hat nichts zu sagen!"
Er schüttelte den Kopf. Der kalte Schweiß stand ihm aus der Stirn. „ ,
Das jahrelange, unruhige, in stetem Kamps verbrachte Leben, vereint mit nächtlichen Trinkgelagen, Erkältungen und aufreibenden Sorgen hatte seine Gesundheit geknickt und die alte lauernde Krankheit wieder zum Ausbruch gebracht.
Mehrere Tage hindurch ging Helene wie in Fieber- phantasien umher. Alle nur erdenklichen schrecklichen Heimsuchungen jagten durch ihr Gehirn: „Böje starb, — es war kein Brot im Hause, — sie selber erlag dem Hunger und den Sorgen — eines Morgens krabbelten die Kinder auf ihr Bett hinauf, sie aber blieb liegen, — sie liefen zu den anderen Bewohnern des Hauses hinab und erzählten, die Mutter fei so kalt — — —."
Ach, sie war ja verrückt! Gab es denn keinen allmächtigen Gott mehr, ber die jungen Raben speist und die Wasser des Genezareth stillt!
„Wir dürfen den Mut nicht sinken lassen, Hans! Be- hpufp imfptp kinber
Ter Arzt befahl ihm, alle Arbeit einzustellen, und verordnete ihm Aufenthalt in frischer Luft.
Man konnte ihn oft zusammengesunken auf einer Bank int Frederiksberger Schloßgarten oder in dem an den Garten stoßenden Gehölz sitzen sehen.
An einem warmen Junitage wagte er sich zur Veränderung einmal in den Oerstedspark und wanderte langsam umher, die Hand aus dem Rücken, versunken in den Anblick der Blumen.
(Fortsetzung folgt.)


