286
halten, ich kam nur, um meinen Austritt aus Ihrem Verein zu melden."
„Sie wollen sich abmelden?" entfuhr es Böje, während Rudolf sich auf den Absagen umdrehte und ein „Aber mein Gott!" zu der Zimmerdecke hinaufsandte.
„Ja, mir gefällt der Ton nicht, und das genügt mir, um mich zurückzuzithen."
Er ging. Rudolf stemmte die Arme in die Seite und schaute mit einem langen, melancholischen Blick nach der Thür, die sich hinter ihm geschlossen hatte. „Geliebt und vermißt!"
Eine Weile später wanderten die beiden Freunde zu dem Mann mit den Geldsäcken.
Helene war den ganzen Tag über allein. Eine erstickende Hitze stieg ihr zu Kopf und verursachte ihr Schmerzen im Gehirn.
Sic öffnete ein Fenster und atmete tief auf, schöpfte aber nur eine mäßige Erfrischung aus der warmen Dunstschicht, die zwischen den Gebäuden lagerte.
„Kommt, Karen und Svend, wir wollen ein wenig auSgehen."
Ohne ein eigentliches Ziel vor Augen zu haben, ging sie mit den Kindern die Straße hinab und bog in die Allee ein.
Ehe sie es sich versah, war sie auf dem Kirchhof angelangt, wo sie durch den Anblick des Meeres, das tiefblau, sein gekräuselt und mit fast blanken Flächen vor ihr lag, aus ihren Gedanken erweckt wurde- Ein frischer, würziger Wind kam in weichen Zügen aus Westen; an den Gräbern entlang durchschnitten die Schwalben die Luft und schwangen sich zwitschernd in den sonnenhellen Raum. Wie frisch und schön es hier war.
Sie erklomm eine Höhe und schaute gen Süden über die Kjöger Bucht, wo weißliche Streifen auf dem dunkelblauen Grunde schimmerten und wo Möens hohe Küste sich wie eine kleine graue Wolke vom Meeresspiegel abhob.
Ihre Augen füllten sich mit Thränen, die eine nach der andern auf ihren Umhang tropften.
Sie setzte sich auf einen Stein und entnahm dem Vorrat ihrer Erinnerungen all die schwere, süße und schöne Poesie, die über ihrer Jugend gelegen hatte. Die Kindheit lag vor ihrem Blick wie ein Land in schimmerndem Licht, ein Land, in den: die Umrisse rein, wo alles so war, wie es sein sollte.
Es erging ihr, wie es so vielen verzweifelten Seelen ergeht, die mitten in den Unannehmlichkeiten der Gegenwart nach der Dämmerungszeit des Lebens zurückschauen, sie schob das ganze Glück ihrer Kindheit, das Glück der frohen, lichten Gemütsstimmung auf die damaligen Verhältnisse. Die Wärmeausstrahlung der Seele, die beschwingte Einbildungskraft, die den Himmel voller Engelsköpfe und die Erde voll von märchenhaften Wundern erblickt, die ewig bereite Empfänglichkeit, die jeder kleinen Freude entspringt, alles, was dies entschwundene Alter der Glückseligkeit vor dem späteren Leben voraus hat, wird auf den Zeitgeist, auf die glücklicheren Zustände geschoben; in der Erinnerung erscheint alles wie eine strahlende Pracht, dre ihren Ursprung in der Zeit hat, in der sie sich entfaltete, während es in Wirklichkeit nur die Frucht des dem Kindersinne eigenen lebensschwangeren Erdbodens ist.
Sie saß da und dachte an ihre fromme Mutter mit ihrem stillen Gang durchs Haus, an ihr eigenes, geräuschvolles Spiel, ihre täglichen Meldungen „Angerichtet", an den Ernst des Tischgebets, an das Meer da draußen, auf dem sie und Thomas sich im Boot herumgetrieben hatten, und wo sie die unvergeßliche Möwe sah, an die stillenStraßen rn der Provinzstadt, an den Frieden der Kirche, das Sausen der Orgel, Doktor Rudelbachs und der Schwester Wanderungen in . der Abendkühle der Gottergebenheit. — Das alles zog ihr in warmen Eindrücken durch den Sinn und erschuf eine Reihe weicher, wohlthuender Stimmungen, die bewirkten, daß sie von einem seltsamen Heimweh nach dem fernen Lande der Kindheit ergriffen wurde.
Als sie den Kopf erhob, fiel ihr Blick auf die bunte Küste von Amager. Sie saß eine Weile da und wiegte den Oberkörper hin und her; die Kinder hatten sich vor sie hingestellt und sahen sie verwundert an. Plötzlich zog sie sie an sich und preßte sie unter einem Strom von Thränen an ihre Brust.
Als aber der Winter herannahte, hißten alle Blätter eine rote Laterne auf und meldeten, daß etwas Stürmisches
zu erwarten fei. Eine Partei in der Hauptstadt, hieß es, stehe im Begriff, ein neues radikal-sozialdemokratisches Blatt herauszugeben, das von Cand. Phil. Julius Rudolf und Forstkandidaten Hans Böje mit Unterstützung von feiten einer Reihe von Gelehrten und Schriftstellern redtgieM werden solle.
Wenige Tage nach dem Erscheinen dieser Mitteilung erhielt Böje seinen Abschied vom Gärtner Christensen, und da er befürchten mußte, daß man ihn auch aus den öffentlichen Parks entfernen werde, kündigte er seine Stellung selbst und brach „mit dem ganzen reaktionären Pack", für das er bisher „Sklavendienste verrichtet" hatte.
„Der Krieg ist also erklärt", meinte Rudolf.
Sie waren beide guten Mutes und fanden es erhebend/ sich ein Ziel zu fetzen und es mit aller Gewalt durchzuführen.
Eine Zeitlang lebte Böje von zufälligen litterarischen Arbeiten, aber die Einnahme war nur gering, und er mußte eine Anleihe nach der andern machen.
Helene trug schwer an dem allen. Sie merkte, wie Böje immer weiter von ihr fortglitt, und daß es mit deut Haushalt immer mehr zurückging. Zu alledem kam dis Sorge, daß sie bald wieder einem kleinen Wesen das Leben geben sollte.
Sie bat ihn eines Tages um etwas Geld zu Schirting und Leinwand.
Geld, Geld! Wo in aller Welt sollte er nur das Geld herschaffen! Sie wisse ja selber, tote die Sachen ständen!
Und damit ging er, er mochte nicht das ewige Jammern nach Geld mit anhören.
Ost war er den gangen Tag fort und kam erst spät in der Nacht nach Hattse .
Dann konnte er zu andern Zeiten wieder so freundlich sein, sich zu ihr hinsetzen und ruhig und mit warmer lieber» zeugung von der Haltbarkeit seiner neuen Pläne sprechen; aber ihre Ehrlichkeit zwang sie oft, ihm zu widersprechen/ und tote vorsichtig sie auch in der Wahl ihrer Worte tour; so endete es doch fast immer damit, daß er ärgerlich wurde und seiner Wege ging. Zuweilen konnte freilich seine Zuversichtlichkeit um ein Bedeutendes sinken, als sei ihm irgend etwas Unangenehmes begegnet. Sie konnte nicht herausbringen, was es war, fühlte aber, daß er irgend etwas haben müsse.
Eine Sache bedrückte sie sehr: der Kleine sah elend aus und nahm sichtlich ab.
„Ach, er erholt sich schon", tröstete Böje. „Wenn wir nur erst Frühling haben, und er ordentlich in die Luft hinauskommen kann, da sollst Du mal sehen, wie die Pausbacken wieder kommen."
„Aber fehlt Dir selber denn nichts? Mich deucht, als wenn Du oft so sonderbar nach Deinem Rücken griffest? Was hast Du mir?"
„Nicht das Geringste! Ein wenig Rheumatismus oder so etwas. Das hab' ich so oft im Winter; wenn der Frühling kommt, giebt es sich."
Aber es war noch lange bis zum Frühling. Noch lag der Schnee in gefrorenen Haufen in den Rinnsteinen.
Sie ging mit dem Kleinen zu einem Arzt.
„Es ist das beste, wenn Sie ihm wollenes Unterzeug geben!"
Ja, es ist so leicht für die guten Aerzte, zu sagen, dies oder das ist das Beste! Woher sollte sie nur das Geld zu wollenem Unterzeug nehmen? Sie wagte es nicht, Böje damit zu kommen, sie wußte ja auch, daß er kein Geld hatte.
Da kam sie auf den guten Gedanken, ihre eigene da ungeschliffene Unterjacke auszuziehen und sie, so gut es sich machen ließ, für Den kleinen Körper zurechtzunähen. Freilich litt sie infolgedessen mehrere Monate an einem schrecklichen Husten; aber was hatte das zu sagen! Sah sie doch- wie sich der Kleine von Taa zu Tag erholte.
Ihr Mut wuchs wieder. Jetzt nahte der Frühling, der Verkünder froher Botschaft für alle Kranken und Bedrückten. Es war ja möglich, daß sich der Himmel wölben würde wie nie zuvor, wenn nur erst der Flieder duftete.
Und dann kam ein Tag — es war int sechsten Jahre ihrer Ehe — an dem es Helene erschien, als hänge sich ein großer schwarzer Vorhang vor ihren Blick, alle Sonne und Freude verhüllend.
Böje kam bleich und matt nach Haufe und setzte sich still hm.


