Freitag den 16. Mai.
Nr. 72.
1902.
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ieber auf eigene Rechnung Lump sein, 'Jyf Als feiner H rr auf Pump feilt! V V Denn: wer ein solcher auf Pump ist,
Nicht einmal ein ehrlicher Lump ist.
Cäsar Flaischlen.
(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
Böse saß über seinen Abrechnungen und mühte sich mit zehn Oere ab, die in eine Rubrik hinein geraten waren, wo sie nichts zu thun hatten. .
Seine Augen fielen ihm beinahe zu, uitb fern Kops schmerzte von den Nachwehen eines lustigen Trinkgelages, das man in der vorhergehenden Nacht zu Ehren von Rudolfs Geburtstag gehalten hatte .
Hin und wieder wandte er srch um und schalt dre Kruder, die a uf dem Fußboden lagen und mit eurem Haufen Garnrollen spielten, denn unfehlbar stimmten sie stets dann ein lärmendes Freudengeheul an, wenn er geraoe int Begriff war, die verlorenen zehn Oere zu sinden.
Da kam Rudolf hereingestürzt und begann unter allerlei Handbewegungen und Grimassen ein neues Gedankengewebe zu entwirren, das seine Erfindungsgabe beim ersten Schern des Morgenlichtes ausgeheckt hatte.
„Du, eine brillante Idee! Eine Zeitung für das große — hallo! (da wäre seine kleine unruhige Person bernahe über eine Rolle hinten übergeschlagen). „So ein Kernblatt für die große, breite Landdemokratie! Ich schreibe alle Artikel hier aus der Hauptstadt, vom Vesuv der Agr- tation — Du schreibst über die landwirtschaftlichen Verhältnisse und fuchtelst die Gutsbesitzer und reichen Pächter."
„Ja, aber Geld, Geld!"
„Dafür laß nur mich sorgen! Wir haben Freunde, wecht Du! Komm nur mit zu dem reichen Jonsen. Wir können ihm sechs Prozent für sein Geld bieten."
---„Ei, et, .guten Morgen, liebe Frau Böje! Und was seh' ich: Herr Folkethingsmann Torsen!" Rudolf machte den Gast mit dem weltgeschichtlichen Schritt bekannt, den Böje zu thun im Begriff war.
Der Folkethingsmann zögerte mit der Antwort.
„Finden Sie nicht ,daß es eine göttliche Idee ist?
„Ich will Ihnen nur sagen, den dänischen Landmann gewinnen Sie nun und nimmer für Ihre Sache."
„Und weshalb nicht?"
„Unsere Bauern sind anderer Gesinnung als die Irak tion der Kopenhagener Linken, der die Herren angehören."
Trotz seiner eigenen liberalen Anschauungen und trotz der Erregung, in der sich zur Zeit der Bauernstand befand, sei er doch im Innersten seiner Natur konservativ, und würde, so lange Dänemark bestände, festhalten an ferner Kirche und seiner Bibel, an der gesetzmäßigen Ehe, an dem Erb- und Eigentumsrecht, an der ganzen chrrstlrch- sittlichen Grundlage, auf der unser jetziges Leben beruhe.
Böje fuhr auf ihn ein. Ob er denn keinen Begriff davon habe, daß das neunzehnte Jahrhundert einen ganz neuen Geistesinhalt in die Menschheit gebracht habe? Ob er denn nicht einsehen könne, daß eine neue Renaissance herern- breche, eine Zeit der Wissenschaft, des Denkens, der Humanität, die ihren stolzen Triumphzug durch alle Lande
halte. . .
Der Folkethingsmann war ganz ernrg nut rhm, nur müsse er seinerseits Einspruch gegen die neue Btldungs!- grundlage, die rationelle Naturwissenschaft, gegen die ganze „moderne Bildung" erheben, die man an Stelle des Christentums einführen wolle. Es sei kein Flügelschlag des Geistes in der neuen Lehre zu verspüren, sie vermöge nicht eilte einzige Seele mit dauerndem Frieden und wahrer Freude zu erfüllen.
Helene, die im Schlafzimmer gestanden und dem Gespräche gelauscht hatte, erschien in der Thür und sah den Folkethingsmann freudestrahlend an. Ihre natürliche Schüchternheit und das Gefühl, daß es ihr an Fähtgketten gebrach, ihre Ansichten in Gegenwart Fremder zu äußern, bewirkten, daß sie sich nur sehr selten in derartige Gespräche mischte; aber mit der Ueberzeugungsfrendtgkett, die sie noch vom Kirchgang her beseelte, wagte ,te es jetzt, eine kleine Einwendung zu machen.
„Ganz dasselbe habe ich so oft gesagt!"
„Was hast Du so oft gesagt?" fragte ihr Mann.
„Daß die moderne Bildung ine Menschen nur lebensmüde mache." „ t ,, , .. ,...
„Lebensmüde?" wiederholte Rudolf, sich nut lowen- haftem Mut in die Brust werfend.
Sie können Wohl eine Wetle aufbrausett, so lange ihnen das Ganze noch neu und frisch ist, aber es konunt ems Zeit, wo sie merken, daß in der neuen Lehre keme Nahrung ist, sie kann keinen Trost spenden, nicht einen einzigen Lichtstrahl über die wichtigsten Fragen des Geistes, über Toc» und Leben verbreiten." ,
Liebe Frau Böje", erwiderte Rudolf, „Leben und Tod werden nach wie vor zu den großen unlösbaren Sphinx- rätseln gehören, und das wird so bleiben, so lange die
„Nicht für die ernstgläubigen Christen", "leinte . J>er Folkethingsmann. „Wer dies sind zu weitgehende Themata, die sich nicht in einer kurzen Unterhaltung an einem Sonntagvormittag erschöpfen lassen." Ei sah nach seiner Uhr. „Ich habe auch keine Zert mehr, mich länger aufzu-


