Ausgabe 
15.10.1902
 
Einzelbild herunterladen

610

hatte beinahe schon die Linden erreicht. Er sah aus seine Uhr, es war acht, wenn er jetzt auch gewollt hätte,< aber er wollte nicht es war auch schon Ar spät, zu ihr zu gehen.

Wo foMe er denn essen? Bei sich zu Zaus? Wozu? Bertha war ja verreist. Im Klub? Nein. Man würde mit ihm sprechen, und dann müßte er antworten. In diesem Augenblicke brauchte er Erholung, Stillschweigen, er wollte allein sein mit sich selbst, Und mit ihr.

Er ging gedankenlos die Friedrichsstraße hinab, trat bei Kempinski ein nnd setzte sich an den ersten besten Tisch.

Wer da entsann er sich, daß in demselben Restaurant, ja vielleicht an demselben Tisch sein Franz so ost diniert hatte, ja fast jeden Wend, bevor er sich an den geheim­nisvollen Ort seiner Zusammenkünfte begab. Wie glück-, lich mußte er wohl gewesen sein bei dem Gedanken, die so heißersehnte Stunde schlüge ja so bald!

Er aber, der sie nicht mehr Wiedersehen sollte, konnte nichts mehr essen. Er saß eben da vor dem Tisch, weil es gerade Essenszeit, weil er von seinem langen Weg ermüdet war und auch, weil er ihr sofort, unverzüglich, schreiben wollte. Er ließ sich Tinte, Feder und Papier bringen und grübelte nach.

Was sollte er ihr schreiben! Daß er Sempach Bei guter Gesundheit, mit freiem Kopf und mutigen Herzens an- gerrosfen habe. Was denn? Durfte er es in einem Brüse wagen, den andern wichtigen Punkt zu berühren, , der Gräfin mitzuteilen, daß sie angefleht wurde zu schweigen und sich nicht zu kompromittieren? Und wenn nun meser Brief zufällig in die Hände des Grafen fiel? _ Schreibt man denn überhaupt solche Sachen?, Selbst ein Schul- punge würde eine solche Unvorsichtigkeit nicht begehen.

Nein, er wird ihr also nicht schreiben.

"Er durste ste Wer jedenfalls nicht in solcher Ungewiß­heit lassen. Sie wird gewiß unruhig und ve,orgt fern. Was hatte sie ihm beim gethan, welchen Fehlers hatte sie sich denn schuldig gemacht, um ihm solche. Nervosität zu verursachen, um sich ihr gegenüber so zu benehmen?

Nun, sei es denn! Ich werde heute abend noch einmal zu ihr gehen, aber nur für einen Augenblick, um ihr das Resultat meines Besuches initzuteilen. Wer das ist dann auch das letzte Mal!"

Er verließ das Restaurant, nahm eme Droschke, fuhr nach Hause, seine Toilette etwas in Ordnung zu bringen, und ließ sich dann nach der Boßstraße fahren.

39. Kapitel.

Es schlug eben zehn, als der Wagen vor dem Palais hielt. Es war die Stunde, zu der er einige Wochen früher seinen Besuch gemacht hatte.

Empfängt die Frau Gräfin?" fragte Georg.

Die Frau Gräfin wird den gnädigen Herr»» em­pfangen", erhielt er zur Antwort.

Sie erwartete ihn also. Sie hatte jedenfalls ihre Befehle gegeben.

Sie erwartete ihn beinahe immer.

Mit dieser Frau war eine sonderbare Verwandlung vorgegangen. Sie kannte sich selbst nicht mehr und spöttelte selbst über ihre Anwandlungen von Liebe. War sie denn noch eine Frau, die im stände war, zu lieben? Hatte man ihr nicht durch ihre gewaltsam eingegangene Ehe mit einem gleichgiltigen Gatten die ganze Fähigkeit zu lieben genommen?

Erstickt durch die äußeren Formen uno Verpflichtungen, hatte sie nach und nach verlernt, vor sich selbst ehrliche zu sein. Und doch lag unter dieser anscheinend unnah­baren, eisigen Außenhülle ein warmempfindendes Herz, das sich noch seinen einstigen Jugendtraum in jungfräulicher Reinheit erhalten hatte: den Traum, die Hoffnung, zu kleben.

Nicht etwa, daß sie nach einer geliebten Persönlichkeit suchte, sie war eine viel zu korrekte 'Gattin, als daß sie jemals Mit Bewußtsein ihre Pflicht verletzt hätte. Auch, verkehrte sie einzig und allein in einer Welt, in der, jeder dem andern mit wenig Modifikationen glich, wie ein Ei dem andern. Infolge solcher Geringschätzung, eines solchen Mitleids mit dem männlichen Geschlecht, das einem Hochmut sehr gleich kam, wandelte sie stolz durch die Reihen jener Männer, die sich, im Spalier ausbiegend, vor ihr tief Verneigten, ohne auch nur einen Mick aus dieselben zu werfen. Was konnten ihr diese Herren neues sagen?

Bon Frau Von Sandens einstiger Kämmerjungser Minna. Meine Schwester hatte sie besucht."

Wer die erweist sich ja mir gegenüber als meine bitterste Gegnerin. Dieses Mädchen ich weiß Nicht, aus welchem Grunde hat gegen mich eine furchtbare Aussage gemacht. Sie hat sogar übertrieben und gelogen, wenn sie behauptet, ich hätte mit ihrer Herrin öfters Auftritte gehabt, ich hätte ihr gedroht das ist alles nicht wahr. Dann der im Salon aufgefundene Hemdknopf! Sie weiß ganz gut, daß ich ihn schon seit längerer Zeit verloren hatte. Tenn ich hatte ihr noch den Auftrag gegeben, ihn zu suchen. Tas hat sie vor dem Untersuchungsrichter rund geleugnet. Diese Minna ist mir sehr verdächtig. IN der Einsamkeit des Kerkers habe ich mich sogar gefragt, ob erinnere Deine Schwester daran! Sag ihr, daß sie ihre Zeit dort in Straßburg nutzlos verschwendet, und besuche mich dann wieder mit ihr. Mr alle drei wollen dann den Schuldigen suchen. Ich höre die Schritte des Auf- sehres. Man wird uns trennen. Nach ein letztes Wort: besuche die Gräfin, wiederhole ihr unser Gespräch und versichere sie meines unerschütterlichen, unwandelbaren Respekts."

38. Kapitel. .

,/2ch werde sie nicht mehr sehen, ich will sie nicht mehr sehen, es ist aus!"

Das waren die Worte und stoßweise hervorgebrach'ten Sätze, die Georg vor sich hinmurmelte, als er seinen unglück­lichen Freund verlassen hatte.

Tie Droschke, die vor dem Gefängnis auf ihn ge­wartet, schickte er weg und ging ausgeregt, fiebernd, voll quälender Unruhe die Straße entlang nach dem Wedding hinunter. Weshalb? Weil er vor seinem besten Freunde Scham und Verlegenheit empfand. Tie freundschaftlichen Morte, die ihm Franz gesagt hatte, die Worte des Tankes^ des unerschütterlichen Vertrauens Sempachs in seine Freundschaft hatten in ihm mächtiges Unbehagen hervor­gerufen. Es war ihm, als verdiene er nicht so viel Ver­trauen, so viel Hingabe.

Als Franz, ohne von seiner Liebe zur Gräfin zu sprechen, doch, erraten ließ, wie tief diese Liebe war, da fühlte er sich ins Innerste erzittern. Er litt darunter, jals er sah, wie leicht Franz die Möglichkeit annahm, daß sie sich für ihn kompromittieren, daß sie sich für ihn ins Unglück stürzen wollte. Franz also glaubte an eine heiße, zu jedem Opfer bereite Liebe ihrerseits!

Die Angst und Verwirrung, diese Scham und auch sein Schmerz darüber enthüllten ihm mit einem Schlage, was er sich seit langem schon nicht eingestehen wollte: er liebte das einzige Weib, das er nicht lieben durfte, er liebt« jene Frau, die sein einziger und bester Freund namenlos! siebte.

Ter Mann, der bisher für alle Zärtlichkeiten unem­pfindlich gewesen war, fühlte sich plötzlich getroffen und Vertvundet. Zuerst schien nur seine Einbildung ge­fesselt: ihr Verkehr hatte ja auch in einer sonderbaren Weise begonnen. Tann allmählich hatte sich sein Kopf erhitzt, feine Nerven gerieten in Aufregung, das Blut floß Vascher, und jetzt schlug sein Herz. Es schlug um so Hef- tiger, es erwachte um so glühender, als es bis dahin ge­schlafen hatte, als seine Schlaftrunkenheit, seine Apathie so lange Zeit gewährt hatten.

Sie erwartete ihn jetzt. Sie hätte ihm noch, gesagt: -Kommen Sie wieder!" und er hatte es übernommen, ihr Nachrichten zu bringen.

Gut denn, so wollte er sie schriftlich, in einem Briefe geben. Nein, jetzt, da er dieses entsetzliche Haus verlassen hatte, in dem nun sein Freund leiden und leben mußte, jetzt gerade wollte er sie nicht in ihrem prachtvollen Palais aufsuchen, sich im Atelier an ihre Seite setzen, sich an ihrem Anblick, ihrer Sttmme erquicken, indes der andere, der Gefangene von Moabit, von ihr getrennt, weit entfernt Mir und bloß seinen Erinnerungen leben dürfte.

Und bei dem Gedanken an jene Erinnerungen, die jedenfalls von Franz in seiner Einsamkeit ununterbrochen wachgerufen wurden, fühlte sich Georg erbleichen. Er sah im Geist wieder das kleine Haus in der Peter Vischerstraße in Friedenau, die mit Läufern belegte Treppe, die in das Allerheiligste führte, in jenes mit Seide ausgefchlagene Zimmer. Tann wiederum sah er das Toilettezimmer, den Spiegelkasten und asies, was er enthielt: den Schlafrock, die Seide! Er ging immer vorwärts, immer schneller und