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Jtnmer das fade Salongewäsch, niemals wirkliche Natürlichkeit, nie eine geistvolle, anregende Unterhaltung.
Vielleicht war sie ja selbst mit schuld daran. Vielleicht wollte sie auch keinen von diesen auf seinen Gehalt prüfen.
Sie floh vielleicht jede Gelegenheit, die ihr den Mann zuführen könnte, der ihrem Geist genügte — und ihrem Herzen. Doch wozu brauchte es des letzteren- War sie denn frei? Könnte, durfte sie denn diese Ehe lösen?
Und doch, wie bei vielen Magyarinnen, lebte in ihr ein gewisser Fatalismus, der ihr sagte, sie würde noch einmäl lieben.
Ta begegnete sie auf so wunderbare Weise diesem Rakenius. Sie hatte ihn nicht gesucht. Tas Schicksal hatte ihn ihre Wege kreuzen lassen. Einen Mann wie ihn hätte sie in ihren Kreisen wohl nie gefunden.
Hier, in ihm fand sie Geist und Herz. Tas Mittel, ihren Namen zu erfahren, war ein so außergewöhnliches gewesen, daß er außergewöhnliche Eigenschaften zu besitze schien. Und wie viel Herz mußte ein Mensch besitzen, der solches für seinen Freund wagte! Welcher Opfer war solch ein Mann für die geliebte Frau fähig!
Wenn sie ihn anfangs bloß empfangen hatte, um mit ihm die Mittel zur Befreiung Sempachs zu überlegen, so bangte sie doch vor den: Augenblick, da er nicht mehr kommen würde. Sie suchte immer wieder neue Wege, nm ihn zu einem Wiederkommen zu zwingen. Sollte dieser Lichtblick in ihrem äußerlichen, inhaltlosen Leben so rasch verschwinden? Sollte sie zu Höherem, zur Anregung für die Kunst, für das Große und Schöne bloß erweckt worden sein, um dann in eine um so trostlosere Einsamkeit und in abermaligen geistigen Schlaf zurückgeworfen zu werden?
Er war ihr eine Notwendigkeit geworden. Bei ihm fand sie Wahrheit, Ehrlichkeit und Natürlichkeit; in ihm sih sie den ganzen, echten Mann, der sich aus eigener Kvaft emporgerungen, und nicht eine Salonpuppe, ein unfähiges Protektionskind.
Sie selbst ahnte es ja gar nicht, tute sehr sie mit dem Feuer spielte, wie sehr sie ihn schon liebte, ohne sich bewußt geworden zu sein, daß sich das große Gefühl der Freundschaft bereits seit langem in wahre, innige Liebe verwandelt hatte.
Anstatt ihn nach oben in das Melier zu geleiten, wurde er, wie an dein ersten Tage seines Besuches in den kleinen Salon des Erdgeschosses geführt. Toch wie sehr hatte sich die Herrin des Ortes verändert! Welcher Unterschied zwischen dem Empfang damals und dem heutigen!
Kaum war die Thüre geschlossen, als sie ihm, der eben eingetreten war, von ihren: Platze aus beide .Hände entgegenstreckte. Er zauderte einen Augenblick, aus sie zuzugehen, seine Hände in die ihrigen zu legen. Doch plötzlich wider seinen gewaltsamen Willen, getrieben von einer unüberwindlichen Kraft, stürmte er auf sie zu.
„Ich habe Sie schon vor dem Diner erwartet. Sie sind also recht lange dort geblieben? Aber wie bleich Sie sind! Ihre Hände zittern ja!"
Er antwortete nicht, und sie strhr fort:
„Ich verstehe Sie vollkommen. Ihn in diesem Kerker wiederzusehen, hat auf Sie großen und schmerzlichen Eindruck gemacht. Ich mußte ununterbrochen an Sie denken, seitdem Sie von hier weggegangen waren — und an ihn. Ich sah Euch im Geiste dort. Eitch alle beide. Ich habe mit Euch in Gedanken mitgelebt. Nun, also, wie haben Sie ihn gesunde::? Hat er Mut und Fassung?"
„Ja, viel."
„Glaubt er freigesprochen zu werden?"
„Er weiß es nicht. Er sieht vollkommen klar, daß seine Lage eine sehr gefahrvolle ist, daß man gegen ihn ein furchtbares Beweisnraterial äüfgehäuft hat."
„Hat er irgend eine Ahnung, einen Verdacht gegen jemand?"
„Keinen ausgesprochenen. — Er sucht, er hofft. — Ich soll ihn wieder besuchen und mit ihm gemeinschaftlich nach forsch en."
Er hatte 'sich dicht an ihre Seite gesetzt und blickte sie unverwandt an, wie Um sich ihr Bild fest einzußrägetr, ihre Züge genau in: Gedächtnis zu behalten, wenn er sie nicht mehr sehen sollte.
, „Jetzt gehen wir zu einem änderen Punkte über", sprach sie nach einigen Augenblicken des Schweigens. „Will er, daß ich sprechet: soll?"
„Nein", äntwortete Georg, „im Gegenteil, er flehr Sie an, zu schweigen."
„Ich war dessen sicher. Ich habe niemals an seinem vollendeten Zartgefühl, an seiner vollkommenen Rechtlich- kert gezweifelt. — Er war wohl furchtbar überrascht, als Sie meinen Namen genannt und ihm gesagt haben, daß Sie mich kannten?"
„Allerdings."
„Er weiß also auch, wie Sie mich — — erraten und entdeckt habens"
„Nein, ich hatte nicht den Mut, es ihm zu erzählen."!
„Was also glaubt er denn?"
„Er glaubt, daß Sie von selbst, aus eigenem Antriebe zu mir gekommen sind, um mir Ihr Geheimnis mitzu- ieilen und das Mittel anzugeben ihn zu retten."
„Ah, Sie ließen ihn also das vermuten?"
„Ja, ich that unrecht."
„Sehr unrecht."
„Weshalb? Meine Lüge machte ihn so glücklich."
„Ja, für den Augenblick. Später wird er nur noch mehr darunter leiden."
„Ich verstehe das nicht."
„Ah! Sie verstehen auch gar nichts!"
Sie war aufgestanden, und sagte, aufrecht vor ihm stehend, den Ellbogen aus den Kaminsitz gestützt, beiläufig in der Stellung, in der er sie gemalt hatte: „Was? Sie erkennen nicht den Fehler, den Sie begangen haben dadurch, daß Sie ihm die Wahrheit verheimlicht haben?"
„Wo liegt da ein Fehler?"
„Sie hätten ihm sagen müssen: Als ich vernahm, daß Tu Dich weigerst, die Verwendung Deines Abends an dem Tage des Mordes anzugeben, begriff ich, daß Tu zu schweiget: triftige Gründe haben mußtest, und daß es sich jedenfalls um den Ruf, um die Ehre einer Frau handelte. Dann also versuchte ich aus Ergebenheit und Liebe zu Dir zu crrraten, wer diese Frau sei, um sie zu bewegen, das auszusagen, was Du nicht sagen konntest, um Deine Unschuld zu beweisen, — ich suchte sie und fand. Sie, aber hat sich geweigert zu sprechen, sie wollte sich nicht bloßstellen. Ihr Ruf war ihr teurer, als Deine Freiheit und Deine Ehre. Sie aber sagte zu mir: Gehen Sie ihn besuchen, fragen Sie ihn, ob er will, daß ich zu seines Gunsten zeuge, daß ich dem Gerichte unser Geheimnis enthüllte, — und sollte er antworten: Ja, sie sott sprechen! — nun, dann werde ich es mir erst überleget:."
(Fortsetzung folgt.)
Fruchtstück*)
von Johannes Schlaf.
(Nachdruck verboten.)
Tie Obsternte ist beendet, und wir sind nun heute schon den ganzen Tag im Wohnzimmer beim Obstsortteren.
Das Wohnzimmer, das mit vier Fenstern und einer Verattdathür nach dem Hausgarten hinausliegt, ist gewiß ein großer Raum: aber man kann sich heute kaum drehen und wenden; denn wir haben eine sehr gesegnete Ernte gehabt. Alle Waschkörbe, Kiepen, Körbe und sonstige Gefäße, die im Hause aufzutreiben waren, und sich halbwegs eigneten, stehen vollgehäuft umher. Auf Stühlen, Tischen, Kommode, Anrichte, Fensterbrettern, auf dem Spiegelkonsol liegt Obst. Der Eßtisch! ist von beiden Seiten aufgezogen^ und seine geräumige Platte zeigt kaum ein leeres Fleckchen.
Ta sind Bir::en und Aepfel in allen Größen, Formen und Farben. Da giebt es Haufen von Nüssen, die aus ihren grünet: Außenhüllen zu schälen sind. Die Hände der Kinder^ die dieses Werk mit Vergnügen übernonnnen haben, sind schon ganz gelbbraun und nehmen sich aus, als hätten sie Handschuhe an, denn die dicken, grünet: Schalen färben. Eilte wahre Pracht aber ist es, auf dem Tische zwischen den schönen Blättern den Berg der Weintrauben zu sehen! — Durch die Fenster und die Glasscheiben der Veranda- thür dringen die Hellen Sonnenstrahlen ins Zimnter und
*) Mit Genehmigung des Verlags Herrn. Seemann Nachs. dem neuesten Novellenbande von Johannes Schlaf, „Der Narr und Anderes" (Preis Mk. 2,50) entnommen. Das hübsch ausgestattete Buch enthält noch weitere elf Novellen, welche den bekannten Dichter von neuem als einen der ersten Meister moderner Erzählungskunst zeigen.


