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All diese Worte mußten ihr erst eins für eins her- ausgezogen werden; man mußte sie mehr erraten, als daß man sie vernahm.
Der Kommissar begann von neuem: „Sie sind also dann direkt in den Salon eingetreten?"
„Ja, Herr Kommissar, weil ich gewöhnlich zuerst den Salon aufräumte."
„Und als Sie eintraten, erblickten Sie--"
„Den Salon in Unordnung — die Möbel umgestürzt — und die gnädige Frau — — auf der Erde dort--im
Blut!" Ihr Zittern hatte sie wieder befallen.
Um ihr Zeit zu lassen, sich zu sammeln, unterbrach der Kommissar für einige Augenblicke seine Fragen und begnügte sich inzwischen damit, sie aufmerksamer als bisher zu betrachten. Sie war eine kleine Person von 22 brs 23 Jahren, von schlankem und geschmeidigem Wuchs, ganz hübsch, aber von einer unregelmäßigen, phantastischen Schönheit: kleine, lebhafte Augen, aufgeworfene Nase, schön. gezeichnete Lippen, blendend weiße, aber etwas zngcspitzte Zähne, sogenannte Hundezähne, Haare von einem hellen Blond und auf den Wangen ab und zu Sommersprossen. Die Züge waren abgespannt, die Augen von tiefen Ringen umgeben. Die heftigen Erregungen der letzten Stunden jedoch erklärten und rechtfertigten die aufgeregten Züge.
3. Kapitel.
Als ihm das Mädchen etwas ruhiger vorkam, begann er von neuem zu fragen:
Um wieviel Uhr gingen Sie gestern abend auf Ihr Zimmer?" '
„Um zehn Uhr, Herr Konimissar."
„Ihre Frau war allein?"
„Ja, mein Herr."
„Erwartete sie noch jemand?"
„Das weiß ich nicht."
„War sie es, die Sie hinaufgeschickt hat?"
„Sie ließ sich von mir auskleiüen, zog einen Schlafrock an, und sagte dann: „Ich brauche Sie nicht mehr. Sie köniien zu Bette gehen."
„Dann also haben Sie nichts mehr von ihr gehört. Nichts mehr von ihr erfahren, als bis zu dem Augenblick, als Sie sich den andern Tag, also heute, wie gewöhnlich morgens wieder hinabbegeben haben und in den Salon getreten sind?"
„Nein, Herr Kommissar, nichts."
„Was für eine Lebensweise hat Frau von Sanden geführt?"
„Gott, eine sehr zurückgezogene. Die gnädige Frau ging sehr selten aus. Besonders seit der letzten Zeit."
„Warum sagen Sie: besonders seit der letzten Zeit?" „Weil der gnädige Herr nicht mehr wie früher kam, sie rns Restaurant oder ins Theater abzuholen."
„Wen nennen Sie gnädigen Herrn?" Sie zögerte mit der Antwort.
„Nun also, antworten Sie!" fuhr sie der Kommissar Mit Strenge an.
„Herrn Franz von Sempach, Baron von Sempach", stotterte sie.
„Er wohnt?"
„In Schöneberg, Wartburgstraße 1."
„Stand dieser Herr mit Frau von Sanden in — in näheren Beziehungen?"
„Ich glaube, ja, Herr Kommissar", antwortete sie leise.
„Sagen Sie lieber, daß Sie Ihrer Sache gewiß sind. Ein Kammermädchen weiß in dieser Hinsicht ganz genau, woran sie sich zu halten hat. Ueberdies bin ich über Ihre Frau vollkommen orientiert; sie wohnt schon seit langem hier. Ihr Name ist mir bekannt", wandte er sich an den Polizeileutnant, „es ist ein angenommener Name, den sie damals annahm, «als sie zur Bühne ging, und dann auch, als sie wieder die Bühne verlassen hatte, beibehalten hat. Ihr Leben war thatsächlich in letzter Zett ziemlich regelmäßig; das war aber nicht immer der Fall. Deshalb begehen Sie absolut keine Indiskretion, wenn Sie alle meine Fragen beantworten", sagte er zu Minna. „Hat sie außer Herrn von Sempach noch andere Personen empfangen?"
„Nein, niemand."
„Nicht einmal Freunde, Herren oder Damen?" „Aeußerst selten — so selten, daß ich nicht einmal ihre Namen nennen könnte."
„Wrr werden wreder darauf zurückkommen. Sie sagten also soeben, daß Herr von Sempach Ihre Frau nicht mehr abholen kam, fie rns Theater oder ins Restaurant mitzunehmen. Seit wann ist das?"
„Seit länger als einem Monat."
„Er stand also mit ihr auf kühlem Fuße?"
„Ich glaube, er wollte die gnädige Frau verlassen — und die gnädige Frau schien sich das sehr zu Herzen M nehmen. Ich traf sie wenigstens oft ganz in Thränen aufgelost."
„Die Beziehungen dauern also schon einige Zeit?"
„O ja, es dauerte mindestens zwei, drei Jahre. Der gnädige Herr Baron kannte sie noch, als sie an der Bühne war; er war es auch, derr es veranlaßt hat, daß sie die Bühne verließ."
„Aber wenn er sie auch nicht mehr abholen kam, mit ihm die Abende auswärts zuzubringen, so machte er ihr doch noch immer Besuche?"
„Jawohl, aber die wurden immer seltener und dauerten dann nur sehr kurze Zeit."
„Wann kam er denn das letzte Mal?"
„Vor drei Tagen, am letzten Freitag, um 10 Uhr abends."
„Sie waren noch nicht auf Ihr Zimmer gegangen?"
„Nein, die gnädige Frau hatte mir aufgetragen, zu bleiben."
„Weshalb?"
„Vielleicht, weil sie fürchtete, daß der gnädige Herr Baron ihr wieder einen Auftritt machen würde."
„Ah, Sie haben sich also gestritten?"
„Nicht gerade an dem Tag, sie hatten aber vor vierzehn Tagen oder drei Wochen eine heftige Auseinandersetzung gehabt . . . Vom Eßzimmer aus, in dem ich gerade etwas zu thun habe, hab' ich mehreres vernehmen können."
„Wiederholen Sie, was Sie wissen!"
„Na, die gnädige Frau hat eben gesagt: „Eine Frau, wie mich, verläßt man nicht so einfach. Ich werde mich rächen", worauf dann der Herr antwortete: „Hüten Sie sich, auch ich kann mich rächen!"
„Sie sind sicher, diese Drohung gehört zu haben?"
„O ja, das weiß ich noch ganz genau."
Er sann einen Augenblick nach und fragte sie dann plötzlich, ihr voll ins Gesicht blickend: „Glauben Sie, daß gestern abend, nachdem Sie Frau von Sanden zur Ruhe geschickt hatte, und Sie gegangen waren, Herr von Sempach hier gewesen war?"
„Nein, Herr Kommissar, das habe ich nicht gesagt."
„Ich weiß wohl, daß Sie es nicht gesagt haben; ich frage Sie aber, ob Sie glauben, daß er gekommen ist!"
„Ich habe ihn nicht gesehen."
„Gut! — Aber glauben Sie, daß er gekommen sein könnte?"
„Ich weiß es nicht, Herr Kommissar. Sobald ich auf meinem Zinrmer war, bin ich nicht mehr hinausgegangen."
Der Polizeikommissar gab den Auftrag, die beiden Portierleute vorzuführen.
„Sie kennen Herrn von Sempach?"
„Jawohl", antwortete die Frau, „er ist ein großer, blonder, junger Mann, so was Vornehmes. Früher kam er alle Tage hierher. Aber seit einiger Zeit hat man ihn nur mehr hie und da im Haus gesehen."
„Die Gnädige hat ihm aber öfters geschrieben", ergänzte der Portier, „und ich war es, der gewöhnlich die Briefe nach seiner Wohnung hingebracht hat, erst gestern noch."
„So? — Gestern? — Um wieviel Uhr?"
„Nachmittags gegen 4 Uhr."
„Haben Sie ihm den Brief eigenhändig übergeben?"
„Jawoll, Herr, jerade unter der Hausthüre, er wollte jerade ausgehen."
„Ist er nicht umgekehrt, um den Brief zu lesen?"
„Nee, das nicht. Er hat den Brief sehr rasch durchgelesen. Jerade sehr vergniegt hat er darüber nicht ausgesehen. Mit so einer zornigen Handbewegung hat er den Brief zusammenjeknutscht und mir dann zugerufen: „Ant-- wort is nich ! Ich will und ich werde es nich. thun!"
(Fortsetzung folgt.) ■


