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jettn zu Ihnen hineinkommen? Haben Sie jemand gesehen? Wissen Sie von etwas?"
Wer Minna konnte noch immer nicht antworten. Leit Karls Rückkehr schien sich ihre Aufregung nur noch vermehrt zu haben. Heftiger Schüttelfrost und krampfhafte Zuckungen liefen durch ihren Körper; es war ein richtiger Nervenanfall. — —
Eine halbe Stunde verlief, ehe der Polizeileutnant und kurz darauf der Polizeikommissar in Begleitung eines Protokollführers und mehrerer Kriminalschutzleute am Thatort anlangte. Im Treppenhaus traf er mit einem Arzt aus der Nachbarschaft zusammen, der aus gut Glück von Karl geholt worden war.
Sobald sie oben eingetreten waren, ging letzterer sofort aus den Leichnam zu, den er untersuchte, und mit Fingern und Hand berührte, ohne ihn zu verschieben.
„Nun", fragte der Polizeikommissar, der inzwischen einen langen Blick hatte durch den ganzen Salon schweifen lassen, „wann glauben Sie, daß der Tod eingetreten ist?"
„Vor zehn oder zwölf Stunden mindestens", entschied der Arzt, sich vom Boden erhebend. Der Polizeikommissar zog seine Uhr:
„Es ist neun Uhr", konstatierte er. „Also nach Ihrer Angabe dürfte die Frau zwischen 10 Uhr und Mitternacht gestorben sein?"
„Ja, ich glaube, das bestimmt sagen zu können."!
„Der Tod trat sofort ein?"
„Sofort: ein einziger Stoß in die Herzgegend." „Könnte etwa ein Selbstmord vorliegen?"
Der Arzt sann einen Augenblick nach, denn er begriff die ganze Wichtigkeit dieser Frage. Wer er antwortete mit sicherer Stimme: „Ich glaube entschieden: nein. Der Stoß war zu kräftig geführt. Eine Hand wie die, wie Sie sie hier im Blute ausgestreckt sehen, konnte ihn nicht führen." Da er eben einen Gegenstand auf dem Teppich bemerkt hatte, fügte er rasch bei: „Und dann würde im Falle eines Selbstmordes die Waffe, die einen sofortigen Tod verursacht hat, in der Wunde stecken geblieben sein. :--Und sehen Sie, bitte, diesen Dolch, da auf der Erde,
neben dem Ofen--. Vermutlich hat der Mörder, nach
dem er zugestoßen hatte, die Waffe, deren er sich bedient, rasch von sich geschleudert."
„Sonst sind keine Verwundungen von anderen Stößen zu bemerkend fragte der Polizeikommissar.
Der Wzt beugte sich abermals nieder, öffnete den Schlafrock, mit dem Frau von Sanden bekleidet war, von oben bis unten, und sagte, nachdem er das mit Blut getränkte, ihre Brust verhüllende Battisthemd in die Höhe gezogen Hatter „Nein. Andere Wunden find nicht vorhanden."
2. Kapitel.
Der Polizeikommissar hatte den Dolch aufgehoben und hielt ihn dem Arzte hin: „Ist es diese Waffe, die zu dem Verbrechen benutzt worden war?"
Der Mann der Wissenschaft untersuchte lange den Dolch, hierauf die Wunde, verglich die eine mit dem andern, indem er beide in nächste Nähe miteinander brachte, und erklärte: .
,La, ich bekräftige, daß diese tödliche Wunde durch diesen Dolch beigebracht wurde. Ueberdies, sehen Sie nur, er ist jetzt noch voll Blut."
„Er könnte ja heruntergefallen, auf den Teppich geworfen worden sein, und sich auf diese Art mit Blut besudelt haben."
„Dann müßte man am Griff, oder an mehreren Mellen Blutflecken bemerken. Das Blut aber reicht im Gegenteil nur bis an die halbe Klinge, wie um die genaue Tiefe der Wunde anzudeuten."
„Das ist richtig. — Nur noch eine letzte Frage, ich bitte."
„Bitte sehr, ich stehe ganz zu Diensten, Herr Polizeikommissar."
„Wurde diese Frau nach Ihrer Meinung plötzlich, unvermutet erstochen, oder hat zwischen ihr und ihrem Mörder ein mehr oder minder langer Kampf bestanden?"
„Ich bin zu der Ansicht geneigt, daß sie sich verteidigt, daß sie versucht hatte zu fliehen und sich zu retten. Sehen Sie nur da diese umgeworsenen Stühle rr diesen kleinen, umgestürzten Schrank — i—i —"
„Zweifelsohne, ich habe das genau so bemerkt wie Sie... aber diese Anzeichen können mir nicht genügen
. . . Wir dürfen so wenig wie möglich mit Wahrschein- lichkeiten rechnen. Könnte Ihnen etwa eine eingehende Prüfung der Leiche darüber irgend welche Aufschlüsse oder Beweise geben?"
„Ich kann es wenigstens versuchen". Der Arzt kniete neben dem Körper der Ermordeten nieder, prüfte Hals und Schultern, und sagte nach einigen Augenblicken: „Ja, hier am Nacken sind die Spuren von Fingernägeln, von einem Fingernagel. Auch ist der Nagel tief genug ein- geürungen, um einen Tropfen Blut hervorzulocken. Sie können ihn noch sehen."
„Kann dies nicht etwa Blut aus der Wunde sein?"
„Nein. Durch eine leichte Seitwärtsneigung des Körpers ist das Blut von oben nach unten heräbgeflossen., Sehen Sie, Hals und Nacken sind besudelt."
„Gut, ich danke Ihnen, Herr Doktor. Ich bedarf weiter Ihrer Aufklärungen nicht mehr. Ich bitte Sie, Ihren Rapport hier oder zu Hause abzufassen, aber so rasch als möglich, und mir denselben dann sofort zu schicken."--
Unmittelbar daraus ließ der Polizeikommissar zwei Depeschen abgehen, die eine an den Polizeipräsidenten/ die andere an die Oberstaatsanwaltschast, um ihnen mitzuteilen, daß ein Verbrechen in der Augsburgerstraße Nr. 174 stattgefunden und er bereits die Thatbestands- aufnahme vollziehe.
Nachdem er dies erledigt hatte, glaubte er bereits eine eingehende Untersuchung vornehmen zu können, die dann die Grundlage der Untersuchung bildet. Gerade die Antworten der am Ort der That unverzüglich vernommenen Personen sind oft von ungeheurer Wichtigkeit, da sie noch unter dem Einfluß des ersten Eindruckes ausgenommen werden. Der einzige Unterschied von den Aussagen vor dem Untersuchungsrichter besteht darin, daß man von den Zeugen keinen Eid verlangt.
Der Portier und seine Frau, die zuerst vernommen wurden, erklärten, daß sie den Tod ihrer Mieterin erst durch das Kammermädchen Minna erfahren hätten.
„Lassen Sie das Mädchen kommen", wandte sich der Kommissar an den einen Kriminalschutzmann, Namens Sieg.
„Da ich vermutet habe, daß der Herr Kommissar diese zuerst vernehmen würden, habe ich sie bereits ins Vorzimmer zitiert. Sie mußte aber, um sie die Treppe heraufzubringen, beinahe heraufgetragen werden. Ich fürchte, daß sie, wenn sie den Salon betritt, beim Anblick ihrer Frau nur noch afgeregter wird, und dann überhauvt nichts antworten kann."
„Gut, ich will sie draußen vernehmen."
Er verließ alsobald den Salon, schloß die Thür hinter sich zu, ging in das Vorzimmer und trat auf Minna zu, indem er sie sanft und freundlich ansprach: „Ich habe Ihnen mehrere Fragen vorzulegen, Fräulein. Sie müssen mir daraus antworten. Es ist dies unbedingt notwendig. Ich begreife Ihre Einwände vollkommen; doch dürfen Sie diese nicht hindern, Aussagen zu machen. Sie standen also bei Frau von Sanden in Diensten?"
„Ja, mein Herr", murmelte sie.
„Seit langer Zeit?"
„Beiläufig seit einem Jahr."
„Ihr Name?"
„Minna Lohgerber".
„Verheiratet?"
„Nein, Herr Kommissar."
„Witwe?"
Sie verneinte abermals.
„Sie standen immer in Dienst?"
„Nein, Herr Kommissar. Ich habe früher für mach selbst gearbeitet. Ich hatte nur zwei Stellen."
„Wann — in welchem Augenblick haben Sie von dem Vorfall, der hier stattgefunden, Kenntnis erhalten?"
„Um acht Uhr, als ich von meinem Zimmer herabkam."
„Sie wohnen hier im Hause?"
„Ja, Herr Kommissar, fünf Treppen hoch."
„Und Sie kamen erst um acht Uhr herab?"
„Die gnädige Frau hat gern etwas lange geschlafen und hatte mir verboten, ällzuzeitig in der Wirtschaft und mit dem Aufräumen zu beginnen."
„Sie waren der einzige Dienstbote von Frau vonl Sanden? Sonst wurde sie von niemand bedient? Bott keiner Aufwartefrau vielleicht?"
„Von niemand, Herr Kommissar.^


