Ausgabe 
15.9.1902
 
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1902. Nr. 137.

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H, Revel-

1. Kapitel-

Es regnete.

Gegen acht Uhr morgens, als die Portierfrau des Hauses Augsburgerstrahe Nr. 174 eben den Teppichläufer zu fegen begann, stürzte eine Frau ohne. Atem, außer sich, wie zu Tode erschrocken, die Treppe herab und klam­merte sich an das Geländer.

Es war dies Minna, die Kammerjungfer einer Fran von 'Sanden, einer sehr hübschen Person, die sich für eine Schauspielerin ausgab, und im selben Hause drei Treppen wohnte.

Was ist Ihnen denn? Was ist denn los?" fragte lebhaft die erstaunte Portierfrau, hochgradig beunruhigt, indem sie die Aufgeregte in ihre Portierstube einige Stufen hinabführte.

Doch Minna war yicht im stände zu antworten. An der Thür blieb sie aufrecht stehen, und stützte sich an den ?Zfosten. Ihr ganzer Körper bebte- Ein nervöser, konvul- ivischer Krampf ließ ihre Zähne aneinanderschlagen; man sah, daß sie reden wollte, doch dazu nicht fähig war.

Ja, aber was haben Sie denn?" rief die Portierfrau. Ihnen wird schlecht werden". Sie rief ihren Mann her­bei, der sich eben in einem an die Portierloge anstoßen­den Raum umzog:Karl, rasch ein Glas Wasser!« Aber man rasch!"

Karl gehorchte wie eine Maschine aus alter Gewohnheit, ohne noch zu begreifen, worum es sich handelte, und be­trat das Portierzimmer, ein Glas Wasser in den Händen. Seine Frau riß es ihm förmlich aus der Hand, ging auf Minna zu, die sie zum Niedersitzen zwang, und endlich bewegte, einige Schlucke zu trinken, indem sie ihr das Glas gewaltsam zwischen die Zähne preßte.

Inzwischen nahm Karl seinerseits eine Flasche mit Essig aus der Kommode und hielt sie dem Mädchen unter die Nase.

Diese vereinten Bemühungen hatten endlich das ge­wünschte Resultat. Minna bekam wieder etwas Farbe, und ihr nervöses Zittern schien etwas nachgelassen zu haben.

Alsbald begann die Portierfrau von neuem mit ihren Fragen:Also was haben Die denn? Was ist Ihnen denn passiert?"

Minna versuchte mit gewaltsamer Anstrengung, sich aufzurichten, wies mit ihrem Arm in die Höhe, als ob sie ein oberes Stockwerk des Hauses bezeichnen wollte, und brachte mühsam aus ihren zusammengepreßten Lippen die Worte hervor:

Dort oben, oben, meine Herrin, meine gnadrge Frau! Tot! Tot!'«

Die beiden Portiersleute schrieen gleichzeitig auft Was sagen Sie? Was reden Sie da?"

Minna wiederholte wie vorhin, während ihre Zähne anfeinanderschlugen:Tot! Tot! Ermordet ere mordet!"

Ermordet? Heiliger Gott! Mer wie? Wann?^

Minna antwortete nicht. Sie war von neuem totem blaß geworden, und ihre Zähne klappten krampfhaft übeyq einander.

Aus der ist mehr nicht herauszübringen", meinte Karl zu seiner Frau,wir müssen selber hinaufgehen, wenn wir wat Bestimmtes erfahren wollen".

Aber wir können sie doch nicht allein lassen. Kiek doch mal her! Sie wird ja gleich wieder zusammenklappen.^

Bleib Du also hier! Ich will hinaufgehen."

Und ob er weit über die Fünfzig war, flog er wie ein junger Mann über die Treppe und machte erst im dritten Stockwerk Halt.

Minna hatte natürlich, als sie davonlief, nicht daran gedacht, die Thür zu schließen. Ws Ka^l das Vorzimmer betrat, sah er durch die weitgeöffnete Salonthür Fräu von Sanden leblos, mit Blut besudelt, auf dem Teppich liegen.

In seinem ersten Entsetzen wollte er ebenfalls wahr­scheinlich so wie Minna, davonrennen; doch als ihm eine fiel, daß die arme Frau doch etwa nicht ganz tot feitt,; und daß man ihr vielleicht irgendwie noch etwas tzilfej bringen könnte, unterdrückte er, eingedenk dessen, daß er vor seinem Portiersberuf Soldat gewesen, seinen Schrecken und sein Grauen. Er trat in den Salon, ging langsam und behutsam auf die Tote zu und vermied es ängstlich, in das Blut zu treten, das nach allen Seiten,geströmt war, und große Flecken auf den Teppich gezeichnet hatte.

Als er vor dem Körper stand, bückte er sich und ver­suchte, denselben in die Höhe zu heben, indem er ihm seins Hände unter die Schultern schob. Doch das riesige Gewicht lähmte die Kraft seiner Arme, und der Körper fiel massig, mit hohldumpfem Klang auf den Teppich zurück.

Er berührte Wange und Stirn; beide waren eisig. Nun aber floh er eilig den unheimlichen Ort und kam noch rascher hinunter, als er früher hinaufgekommen war. Er rannte direkt zu seiner Frau.

Nun?" rief ihm diese entgegen.

Die arme Frau ist tot", berichtete er,und zwar schon ziemlich lange."

Aber woran? Wieso?"

Sie muß ermordet, erschlagen worden fern. Erschlagen?" , ,

Ja; ick will sofort die Anzeige auf der Polizei. machen.j Ja, ja, Du hast recht! Geh, geh ! Du darfst kemen Augenblick verlieren! O Gott, o Gott, was für em Unglück, - was für eine Geschichte in emem so fernen Laus wie das unsrige! Was wird nun blos der Ergen- tümer sagen!" Sie näherte sich Minna:Aber wer konnte