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sie, daß sie in der schrecklichen Langeweile und Verlassenheit, die sie in dem fremden Lande quäle, und aus der Last der Krankenpflege sich wieder einmal flüchten möchte — zu ihm. „Wenn Du wenigstens bei uns sein könntest", schrieb sie, „mein Trost ist nur, daß Du nicht weniger darunter leiden wirst als wir, denn auch Hermann vermißt Dich sehr. Gut, daß Du Carla dort hast, dann hast Du wenigstens eine Seele, bei der Du von Deinen Bräutigamspflichten einmal ausruhen kannst". Sie blieb bei ihrer Meinung, sie ahnte von der Wahrheit nichts, noch immer nichts. Nun — er war der Letzte, der sie darüber aufzuklären hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Russische Studentinnen.
Tie armen russischen Studentinnen! Man hat stets viel über sie gesprochen, man hat sich an sie gewöhnt, als eine der stereotypen Erscheinungen, die draußen in Char- lottenburg zu zweien, zu dreien auftauchen, mit der obligatorischen Büchermappe, mit den lebhaften Augen und den gestikulierenden Händen; man kennt sie als eine Erscheinung, ohne die man sich die Kbrridvre und Auditorien der Universität kaum vorstellen kann.
In der ersten Zeit, als sie in den Universitäten auftauchten, waren sie den Jüngern der Wissenschaft gleichsam Wunderdinge. Eine,Frau in einem Auditorium — und noch dazu eine Frau, die sich in der äußeren Erscheinung so unterscheidet von den Wesen, die man zur Gattung Weib rechnet — das war etwas ganz Unerhörtes. Man hielt die Anwesenheit einer Frau in einem Hörsaale für das Monopol der Schweizer Universitäten, Zürich Genf re.
Bald aber nahm die Verwunderung der Studenten in dem Maße ab, als die Zahl der Hospitantinnen sich steigerte, und heute, wie gesagt, sind sie eine Rümmer, mit der man zu rechnen gewohnt ist.
Augenblicklich bilden sie einen besonderen Gegenstand des Interesses in akademischen Kreisen, denn sie sind das Objekt sehr ernster Erörterungen.
So bekannt die russische Studentin in akademischen Kreisen ist, so unbekannt ist ihre Erscheinung in der sogenannten „Gesellschaft". Ihr Bild schwankt in der Anschauung der Deutschen eigentümlich hin und her, man kennt sie, und wiederum kennt man sie nicht. Jedenfalls steht man ihr noch wie einem Rätsel, wie einem seltsamen Phänomen gegenüber. Nur wenige Ausnahmen giebt es, die sich unter dem Begriff einer Studentin im allgemeinen nicht ein Wesen vorstellen, das dem Aeußeren nach zwar werblichen Geschlechts ist, sonst aber keinerlei weibliche Eigenschaften aufweist, das kurzgeschorenes Haar und schlechte Toiletten trägt, den ganzen Tag raucht und sich durch seine Beschäftigung überhaupt recht wenig vom Manne unterscheidet. Wenn diese Anschauung auch durchaus nicht immer zutrifft — es giebt eine ganze Menge studierender Frauen, die dem äußeren Menschen ebenso große Pflege zu teil werden lassen wie dem inneren — so hat sie doch einigermaßen Berechtigung, wenn man nachdem Durchschnitt der russischen Studentinnen urteilt. Sie vergessen wirklich recht zahlreich über dem Studium ihre Toilette, und schlecht frisiertes! Haar, ein abgerissener Knops oder Kleidersaum sind Mängel, die sie absolut nicht genieren, so sehr sich auch ihre deutschen Nachbarn und Nachbarinnen daran stoßen.
Es geniert sie überhaupt vieles nicht, diese fleißigen und eifrigen Jüngerinnen der Wissenschaft, was uns deutschen Kommilitonen und Kvmmilitoninnen peinlich ist. Kommt sie in die Vorlesung zu spät — selten genug passiert es allerdings — dann geht sie trotz eifrigen ungeduldigen Scharrens der Studenten auf ihren Platz, ersucht den Nachbar mit einem kurzen: „Stehen Sie auf!" ihr Platz zu machen, setzt sich hin und begrüßt ihre Landsleute mit ihrem russischen Gruß — während die deutsche Studentin, die sich verspätet, schüchtern und leise auf den ersten besten Platz geht, um nur keine Störungen zu verursachen. Vielfach haben sich die Kollegen beklagt, daß der Bildungsgrad der Russinnen auf einem weit tieferen Niveau stehe, als der der deutschen studierenden Frauen, und das eigentümliche "barsche, nicht besonders höfliche Betragen der ersteren mag zum großen Teile schuld daran sein. Darum auch die bet weitem größere Höflichkeit der Studenten gegen die deutsche Und gegen die zu jeder anderen Nationalität gehörende Kommilitonin, und andererseits wieder die bei weitem
größeren Beliebtheit dieser Damen bei den Herren Stu- deuten. Man ist in der Universität wie überall eben empfänglich für ein liebenswürdiges Gesicht und ein freund- lrches Wort, und man vergiebt sich auch nicht das Geringste wenn ^man die Kollegen als liebenswürdige Menschen be-
Nu, daß der Eifer, mit dem die Russinnen der Wissenschaft obhegen, schuld ist, möglich ist jedoch auch daß sie von Kindheit an wenig gewöhnt waren, ihrem ganzen Wesen bte nötige Sorgfalt zu teil werden zu lassen, und sich derart zu benehmen, daß man sie zu Menschen von guter Erziehung rechnet. Stammen sie doch meist aus einer Klasse, in der das Geld insofern eine gar geringe Rolle spielt, als es meist nicht vorhanden ist. Sie besuchen in der Heimat das Gymnasium, natürlich das Mädchengymnasium — eine Unterrichtsanstalt, die mit den deutschen Lehrerinnenbildungsanstalten ungefähr auf gleicher Höhe steht, — lernen dort Latein, Mathematik, Französisch, Englisch und Deutsch, erhalten als Reifezeugnis die „goldene Medaille" und besuchen sofort die Universität. Die Russin ist von einem rastlosen Fleiß und einem Heldenmut, wie kaum ein anderes Land ihn bei Frauen aufzuweisen hat. Hat sie das Examen bestanden, dann gönnt sie sich keine Zeit zur Erholung, sondern die Arbeit beginnt sofort. Ausgerüstet mit den geringsten Geldmitteln, die gewöhnlich nur so weit reichen, um die Vorlesungen zu bezahlen, kommen sie in Deutschland an, und die Anschläge am schwarzen Brett: „Studentin giebt Unterricht im Russischen", oder „Studentin fertigt Ueber- setzungen vom Deutschen ins Russische", bilden meist ihre einzige Erwerbsquelle, oder wenigstens die Hoffnung auf eine solche. Zu zweien, zu dreien wohnen sie in einem Zimmer in- Preise von 25 bis 30 Mk., ein Tisch, ein Waschtisch, je ein Bett, je ein Stuhl bilden häufig das Mobiliar eines Raumes, in dem oft die lebhaftesten Debatten Leführt werden. Draußen in Charlottenbnrg, in der Krummen Straße, Schillerstraße wohnen ost auf einem Korridor manchmal vier bis sechs russische Studentinnen. Sie er- tragen mit der gleichen stoischen Ruhe die Hitze des Sommers und die Kälte des Winters. Sie essen in der „russischen Küche", einer Institution, welche für fünfzig bis sechszig Pfennig ein einfaches Menu hergiebt und die der Leitung eines Studenten und einer Studentin unterstellt ist.
Für die Russin, die in Deutschland und namentlich in Berlin studiert, giebt es eigentlich nur zwei Fakultäten, Medizin und Nationalökonomie. Zwei Drittel der Medizin- sürdentinnen sind Russinnen. Sie unterscheiden sich bedeutend von der Studentin der Nationalökonomie und bilden somit einen Typus für sich
Es liegt ja auch durchaus in der Natur der Sache. Diejenige Dame, die es sich leisten kann, Nationalökonomie zu studieren, d. h. ein Studium des Studiums halber zu treiben, muß auf zienrlich große pekuniäre Mittel gestützt sein, während die Medizinstridentin, die doch hauptsächlich des Broterwerbes wegen studiert, ost ganz mittellos ist. Tiefe nun ist es, die die Vorstellung des Publikums von der Studentin rechtfertigt, dadurch, daß sie schlecht angezogen und unordentlich frisiert ist, während die Nationalökonomie studierende Russin schon eher Wert .auf ihre Garderobe legt und die Studentin nur durch eine ganz aparte, tief in das Gesicht gekämmte Frisur, große schwärmerische Augen und last not least — die ewige Büchermappe markiert. Beginnt die Vorlesung, dann beginnt auch, die Arbeit der russischen Studentin. Sie fehlt in keinem Kolleg, sie erscheint mit der Pünktlichkeit des Klingelzeichens und verschwindet mit dem Klingelzeichen, um sofort in eine andere ^Vorlesung zu gehen. Sie schreibt mit der größten Aufmerksamkeit nach, fragt bei jedem unverstandenen Worte sofort ihren Nachbar und debattiert dann eifrig über das Gehörte mit Kommelitone und Kommilitonin. Sie ist die Uebermacht in dem Präparierkursus draußen am Urban, der den Studentinnen bis dato noch die Anatomie ersetzt, und sie ist die furcht- und scheuloseste Schülerin beim Secieren der Leichen. Sie schwänzt unter keine Bedingung, es giebt kaum ein Ereignis, das wichtig genüg für sie wäre, um eine Vorlesung darüber zu versäumen. Ist ihre Arbeit in der Universität am Tage beendet, dann beginnt sie am Abend für ihre Ausbildung im weiteren Sinne zu sorgen. ZU dreien, zu vieren liest man zusammen ein Buch, diskutiert darüber, geht auf einen billigen Platz in das Konzert, auf einen Gutschein in das Theater und in die Künstausstellungen, oder geht zu einem Vortrag, und ein Bortrgg ist


