Ausgabe 
15.8.1902
 
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der Wahrheit preisgab', sondern auch das ihre. Das war sein Argument, damit wiegte er sich ein.Ich finde, Du hast Dich in Deine Rolle als glücklicher Bräutigam ganz außerordentlich gut hineingespielt", hatte Ottilie ein­mal, als sie allein waren, zu ihm gesagt. Sie glaubte noch immer, seine Liebe sei Heuchelei, und es war gut, daß sie das glaubte, gut für sie selbst, und er wollte ihr den Glauben nicht nehmen. Ottilie! Von der Kluft, die ihn innerlich jetzt von ihr trennte, ahnte sie nichts. Seine Mitschuldige war sie, die Anstifterin seines Ver­brechens, und schon deshalb konnte er keine Zuneigung mehr für sie fühlen. Aber damit begnügte sie sich nicht. Wie sie aus Bell herabsah, halb mit Mitleid, halb mit hochmütigem Spott. Jetzt erst enthüllte sie sich vor ihm. Unter ihrer alle Welt bestechenden Oberfläche kam ein harter, grausamer, rücksichtsloser Egoismus zu Tage. Ihr seine Liebe zu Bell jetzt gestehen es wäre ihm wie eine Tempelschändung vorgekommen. Ob der Ge­heimrat etwas von ihrem Geheimnis wußte? Nein, denn Ottilie hatte ihm nichts davon gesagt. Was er aber nicht vor ihm hatte verheimlichen können, das war der Verlust seines Vermögens gewesen, denn er hatte ihn um eine momentane Hilfe angehen müssen, die ihm nun in Hinblick auf den Reichtum seiner zukünftigen Frau ja auch von anderer Seite leicht zu teil geworden wäre. Und dennoch! Er empfand es ganz genau Hermann ließ sich nicht von ihnen beiden betrügen. Er nicht. Auch wenn er sie nie nach der Wahrheit fragte, auch wenn er nur seine, stummen Blicke auf ihnen ruhen ließ. So war es ja sein Prinzip. Die Dinge, in die er nicht drein­zureden hatte, gehen zu lassen, wie sie gingen, und sich das seinige dazu zu denken. Hermann ahnte vielleicht alles auch wenn er vor ihnen ebenso schwieg wie vor Bell, die nun seine beste Freundin war.

Es war ein Tag im Januar. Vom grauen Himmel rieselte ein feiner Schnee. Herwarth begab sich zu seiner Braut und mit bleicher Miene eilte ihm Bell schon im Vestibül entgegen. Es war ein Unglück geschehen. Der Geheimrat hatte einen Blutsturz bekommen und der Arzt war da.Sei ruhig!" bat er sie zärtlich und trat ins Krankenzimmer. Bleich lag der Kranke in seinen Kissen. Das Verdikt des Arztes lautete darauf, daß der Kranke sofort nach dem Süden müsse, nach Unteritalien. Ottilie war im höchsten Maße erregt. Eine solche Reise, jetzt mitten im Winter, und sie, eine hilflose Frau, mit dem Kranken ganz allein. Bell sprach davon, daß sie mit­gehen wolle, daß vielleicht auch Herwarth sie begleiten könnte. Aber erstens hätte sich Herwarth dazu Urlaub nehmen müssen, und gerade jetzt war das aus Dienst­gründen nicht möglich und zweitens war jeden Tag, wie jetzt die Sache stand, der Konsens zu erwarten, woraus baldigst ihre Vermählung stattfinden sollte. Auch, Bell durfte aus diesem Grunde nicht fort.Ich möchte eine solche Begleitung auch nicht", sagte der Arzt,was der Herr Geheime Rat vor allem braucht, ist absolute Ruhe. Ich werde Ihnen einen zuverlässigen Menschen schicken, gnädige Frau, der wird mit Ihnen gehen". Wenn Ottilie abreiste was aber geschah dann mit Bell? Her- warth wünschte der Etikette halber, daß sie nicht allein blieb. Er telegraphierte also an Carla. Zwei Tage später, nachdem Ottilie einen aufgeregten Abschied genommen hatte der Geheimrat selber, der wieder Halbwegs zu Kräften gekommen war, bewahrte seinen heiteren Gleiche mut und er küßte bei der Trennung mit einer besonderen inneren Bewegung Bell wie eine Verwandte auf die Stirn kam Carla an, warf sich Bell an die Brust und nun waren die beiden Mädchen mit der Dienerschaft und mit Miß Armstrong, einer Gesellschaftsdame, die Bell jetzt für sich engagierte, allein. Was Herwarth betraf, so fühlte er sich durch Ottiliens Abreise erleichtert. Kein Zeuge fernes Geheimnisses stellte sich, auffahrend wie Banquos Gerst, mehr zwischen ihn und sein zukünftiges Weib. Er fltmete freier und Bell merkte es an der wachsenden Leiden­schaftlichkeit, der er sich gegen sie überließ. Sie nahm es für seine wachsende Liebe und war darüber glücklich'. Un­geschehen konnte er das Geschehene nicht machen, aber sühnen wollte er's und an ihr Glück sein ganzes Leben setzen. Einmal traf er Carla allein. Bell hatte sich, um irgend etwas zu besorgen, nach der Stadt begeben.

Soll ich Dir verraten, wo sie hin ist?" sagte Carla

schalkhaft.Sre kauft sich bei Ehlertmann einen Hut, so einen, wie er Dir neulich so gefallen hat."

Und als wäre sein Glück das ihre, so schlang sie in schwesterlicher Zärtlichkeit die Arme um seinen Hals.

Sie liebt Dich so.. Sie ist so gut."

Der Schatten trat wieder auf feine Stirn.

Ich bin sie nicht wert", murmelte er.

Was meinst Du?" fragte Carla erstaunt, denn sie verstand ihn nicht.

Er gab ihr keine Antwort, aber Carla mußte immer daran denken, was er damit gemeint hatte und endlich glaubte sie denn natürlich wurden in der Pension auch verstohlen Romane gelesen und wie hätte ein Bruder wie Herwarth nicht in allem ein ebensolcher Held sein müssen wie die in den Romanen den Grund gefunden zu haben.

Denke Dir", sagte sie zu Bell sie kamen eben beide von der Eisbahnwas Herwarth zu mir gesagt hat: Er ist Dich nicht wert! Er ist Dich nicht wert!!"

Was denn?" fragte Bell.

Carla freute sich darüber, tote klug sie selber war.

Soll ich Dir sagen, was er damit meint? Daß er schon andere Mädchen lieb gehabt hat vor Dir. Deshalb, denkt er, ist er Deiner nicht wert. Du mußt aber nicht eifersüchtig sein, Bell. Daraus siehst Du eben erst, tote lieb er Dich hat."

Mechanisch hörte Bell ihrem kindlichen Geplauder zu, aber am nächsten Tage merkte sie, daß sie diese Worte er sei ihrer nicht wert" nicht vergessen konnte und aus einer verschollenen Tiefe ihres Herzens stieg Etwas auf, Etwas mit einem Medusenhaupt. Wenn sie es ansah, durchlief ihre Adern ein Erstarren und Versteinern, und sie dachte an die Stunde damals, wo dieses Etwas zum ersten Male vor ihr aufgestiegen war. Es war dieselbe Stunde, in der sie Ottilie angeklagt hatte,- sie betrogen, sie verraten zu haben, in der sie geglaubt, daß auch er sie betrog und verriet. . . Niemals, niemals wieder wollte sie daran auch nur denken. Nicht, weil sie sich selbst, sondern, weil sie ihn damit besudelte. Und nun war es wieder in ihr wach geworden . . . War seine Liebe nicht klar wie die Sonne? Fühlte sie es, tote er sie liebte, nicht in jedem Kuß von ihm.Vergieb mir!" flüsterte sie im Geiste zu dem Geliebten empor, wie eine Sünderin.

Kein Geheimnis hatte sie mehr vor ihm. Auch von Fred hatte sie ihm erzählt, und wie verliebt Fred in sie gewesen war.

Wie hätte er Dich nicht lieben sollen", war seine Antwort gewesen, indem er sie in seine Arme zog.

Fred hatte ihr auf die an ihn gelangte Verlobungs­anzeige ein Glückwunschschreiben geschickt.Was liegt an mir?" schrieb er,wenn Du nur glücklich wirst. Nur das verlange nicht von mir, daß ich zu Deiner Hochf- zeit komme, daß ich noch Zeuge sein foll . . . Deinen Gatten will ich nicht sehen. Ich würde ihn nur hassen lernen, und um so mehr, je mehr Du ihn liebst. Ich hasse ihn schon jetzt . . ." Die Leidenschaft in ihrer ganzen Selbstsucht fprach aus seinem Brief. Wie ein Kind, denn er war zwei Jahr jünger als sie, wie einen guten Jungen hatte sie ihn behandelt, denn sie wußte damals noch nicht, was Liebe, was verschmähte Liebe war. Nun wußte sie es, und sie antwortete ihm voll schwesterlicher Güte und Freundlichkeit, daß sie jetzt einen Beweis von seiner Liebe verlange, daß er das thun müsse, was sie ihm befehle, und daß er sich nach einem anderen Mädchen Umsehen sollte. Ein junger Mann, wie er, jung, reich, hübsch, ge­sund, dem die ganze Herrlichkeit d er Erde wußte sie. Bell, nun nicht selber erst, wie schön die Erde war zu Gebote stünde! Er hatte ihr auf diesen Brief nicht mehr geantwortet. Vielleicht hatte er ihren Rat schon befolgt.

Auch von Ottilie trafen regelmäßig Briefe ein, denen am Ende auch immer ein kleines Postskriptum des Ge­heimrats beigefügt war. Sie waren in Sorrent. Das Be­finden des Kranken war nicht besser, aber auch nicht schlechter geworden.Jedenfalls rechne ich mit Bestimmt­heit darauf, und Hermann auchch schrieb sie,daß wir mit Beginn der warmen Jahreszeit wieder nach Deutschland zurückkehren dürfen. Vielleicht kommen wir dann gerade zu Eurer Hochzett zurecht". Ottiliens Briefe waren au sie beide meistens zugleich gerichtet, aber manchmal traf auch einer ein, der an Herwarth allein war. Darin schrieb