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„Wer das ist ja Wahnsinn, Doktorl"
„Werden Sie das weiter behaupten, wenn ich Ihnen durch einen Eid bekräftige, daß ich selber die Kutsche mit diesen meinen Augen gesehen habe?"
Der Baron schüttelte unmutig den Kopf, — sein alter Freund fuhr fort: „Im fünften Jahre ihrer Ehe begann Gräfin Marie zu kränkeln, aus einer geheimnisvollen Ursache, die sie mir und jedermann verbarg. Eine fürchterliche Angst prägte sich in ihren Zügen aus, und als sie zum Liegen kam, bat sie mich, ihr zu erlauben, daß sre iHv großes düsteres Schlafzimmer mit einem heiteren gelben Salon vertauschen dürfte, dessen Fenster über dem Schloßportal gelegen waren. Ich hatte kein Arg, und freute mich ihrer Uebersiedelung in den sonnigen, Hellen Raum. Durch einen Zufall kam ich auch hinter den Grund ihrer Krankheit. Sie litt an einer qualvollen Eifersucht, infolge des häufigen Zusammenseins des Grafen mit einer schönen Abenteuerin, die seit kurzem in der Gegend aufgetaucht war, und durch ihren Luxus und ihre Ueberspanntheit viel von sich reden machte. Insgeheim sagte man ihr eine böse Vergangenheit Mtd ungeheure Schulden nach. Sie nannte sich Marquise v. L. und hatte einen reizenden Landsitz, nicht fern vor: Schloß M., gepachtet. Die häufige Wwesenheit des Grafen Vvtl seiner Häuslichkeit brachte man mit der schönen Frau in Verbindung, die in der That fesselnd wirkte durch ihre herrliche Gestalt, die feurigen Augen und das blitzende Raubtiergebiß»"
„Cölestine v. S." stammelte der Baron, und schob finster die Brauen zusammen.
„Mehrere Monate waren verstrichen, — das arme, kranke Herz der kleinen Gräfin zuckte und zitterte wie das eines geängstigten Vögelchens, — sie schwand dahin gleich einem Schatten. Ihr Gatte behandelte sie nicht roh und gleichgültig, er widmete ihr manche Stunde, aber Marias feines Empfinden spürte, daß etwas anders geworden sei, sie fühlte, daß der leidenschaftlich Geliebte mit seinen Gedanken fern von ihr weilte, wenngleich er an ihrem Lager sah. Gegen das Leid, das ihr Herz brach, gab es kein medizinisches Präparat."
„Da wurde ich eines Nachts durch den Reitknecht des Grafen herausgeklingelt. Der Fuchs, den ich für die Besuche bei meiner ländlichen Klientel zu benutzen pflegte, war rasch gesattelt, und mit dem Sturmwind um die Wette jagten wir über die Heide. Schloß M. lag da gleich einer phantastischen Burg, lange Epheuranken wehten gespenstisch von Söllern und Erkern wie Trauerfahnen, und die Fenster blinkten im Mondlicht. Die Ahnung von etwas Schauerlichem wollte mich beschleichen."
.Ich fand die Gräfin in einem mir unerklärlich^ Zustand, in Schweiß gebadet, zitternd und mit Thränen in den Augen. „Doktor", flüsterte sie mir zu, „ich weiß nicht, ob es ein Traum war, oder eine Halluzination, aber ich habe die Geisterkutsche gesehen, — sie ist gekommen, mich zu holen, fort von Edgar, dahin, wo man auf ewig verschwindet!"
Und sie schluchzte herzzerreißend. Ich verwünschte innerlich den gelben Salon mit seiner Lage über dem unheimlichen Portal. „Wer erst jetzt beginnt die Geisterstunde", sagte ich unter einem Versuch zu scherzen auf die Kaminuhr weisend, die in diesem Augenblick mit einer besonders Hellen Stimme die zwölfte Stunde auszurufen begann. Als der Klang verstummt toar, ertönte ein durchdringendes Wiehern vor dem nur für festliche Gelegenheiten reservierten Hauptporial, und ehe ich es hindern konnte, war Gräfin Maria aus dem Bett gesprungen und ans Fenster geeilt. Sie that einen gellenden, markmrch- dringenden Schrei. Mit ihr erblickte ich durch die bis zur Erde reichende Scheibe eine offene Kalesche mit Rappen bespannt. Eine weiße Gestalt erhob sich im Fond, winkte dreimal zu unserem Fenster herauf, dann stob das unheimliche Gefährt davon, ohne Hufgeklapper, ohne Räder- geroll."
„Gräfin Maria sank in meine Arme, Dienerinnen eilten herbei, man holte den Grafen aus seinem Zimmer. „Ich muß sterben!" wiederholte die Unglückliche fortwährend mit riesigen Pupillen ihren Gatten anstarrend. Die unnatürliche Erregung über den unerklärlichen Vorgang zog ihr einen Herzkrampf zu. Noch ehe es eins schlug, war sie tot!"
Der alte Mann senkte den Kopf. Er seufzte tief und
schwer. Dann sprach er leise weiter. „Der Graf gab sich einem Schmerze hin, unter dessen Heftigkeit ich das bös« Gewissen ahnte. In mir hatte sich ein Verdacht erhoben, der imnier stärker wuchs und mir unäbweislich erschien, als nach Wlauf von anderthalb Jahren der Graf fraji ganz plötzlich im Ausland mit jener Schönheit Cölestine vermählte, die seit der Witwentrauer M.'s aus hiesiger Gegend verschwunden gewesen war. Nichts in der Welt könnte mir die Gewißheit umfloßen, daß jene Elende, bekannt mit Marias abergläubischer Furchtsamkeit, eine schändlich« Komödie in Szene gesetzt, und selber aus jener Geisterkalesche hervorgewinkt hat, um den Tod ihrer Nebenbuhlerin zu beschleunigen, nach deren Namen itni> Vermögen es sie längst gelüstete. Die Pferdehufe mochten mit Dämpfern, die Wagen-, räder mit Gummireifen versehen gewesen sein. Ein« Mörderin war jene schöne Frau, und nremand auf der Erde konnte sie richten!" Die Stimme des alten Mannes nahm wieder jenen ehernen Klang an, mit welchem er zuerst von dem Ende der Unseligen berichtet hatte. „Nun hat sie selber Gericht gehalten über ihre finstere That!"
Der Baron atmete schwer. „Gräfin Cölestine galt für eine glückliche, beneidenswerte Frau, ihre Schönheit leuchtete förmlich, — Schloß M. hallte von Festen wieder!"
Der Arzt faltete seine Hände. Wer blickt in die Seelen? Wer sagt uns, durch welche heimliche Folter die Verbrecherin' dazu getrieben wurde, ihre Schuld dort zu sühnen, an eben der Stelle, wo diese Schuld begann?"
Die beiden Männer schwiegen lange. Dann sagte der ältere, der Arzt: „Und nun werden Sie mich nicht länger für unzurechnungsfähig halten, lieber Freund, wenn ich Ihnen noch einmal erMre, daß ich fest an böse, schädliche und schändliche Geister glaube, freilich »richt an die zurückkehrenden Seelen unserer ftilleit Toten, sondern an unheilstiftende, in ihrer Bosheit auch das Heiligste mißachtende Geister unter den Lebenden! Sie sind die wahnen, schreckenden Gespenster, vor denen wir uns hüten sollen, die ihr Wesen tit lichtscheuen Stunden treiben, die unser Inneres mit Grauen füllen, die bctrlauf ausgehen, Glück zu zertreten —"
Der Baron seufzte. „Und die sich uns nahen in gaukelnder Gestalt, lächelrck» verführerisch, wie jene Cölestine --" Er senkte den Kopf und schloß die Äugen, als
sähe auch er ein Gespenst vor sich auftauchen, schön und lockend aber, die Hände gefüllt mit böser Saat. ,_L...
Preisrätsel.*)
Rösselsprung.
(Nachdruck verboten.)
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*) Lösungen sind mit Aufschrift: „PreiSräisel-Lösuttg" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Girßentk Famllienblället!" einznsenden.
Auflösung der Charade in vor. Nr.: Pomade.
Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn UniverfitiitS-Buch- und Cteindrnckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.


