Ausgabe 
15.3.1902
 
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Die Geisterkutsche.

Novellette von A. Scho eb eI.

(Nachdruck verboten.)

Die beiden Herren saßen nach einem gemütlichen Familjendmer im Rauchzimmer.

Aber, das ist doch wohl nicht möglich, lieber Freunds das ist doch Wohl nicht möglich!" Der Baron rückte ein wenig zur Seite, erschreckt und verblüfft. Gleich, darauf trat das gewohnte behagliche Lächeln auf sein offenes, frisches Gesicht.

Der Angeredete, ein bekannter Arzt, und dem Hause des Barons eng verbunden, nickte dreimal mit einem starren, kalten Ernst.Es ist so. Ich glaube an Geister."

Geheimrat!"

An böswillige, schädliche, schändliche Geister."

Davon haben Sie ja noch nie gesprochen."

Weil ich noch nicht danach gefragt worden bin!"

Sie, der aufgeklärteste Mann des Jahrhunderts, Medi­ziner, Psychologe"

Trotz alledem!"

Wer dafür müssen Sie mir eine Erklärung geben, eine bündige, stichhaltige Erklärung, hören Sie, Doktor?" Der Baron wagte es noch immer nicht, seinen früheren Platz einzunehmen.

Der Arzt zündete sich eine frische Zigarre an. Nach einem eigentümlichen Schweigen, wahrend dessen in der Seele des alten Mannes ein geheimer Kampf sich abspielen

Glückes Schmied." Er schob ein Priemchen Tabak in den Mund.Heft Niklas nich seihn, Ebba?"

De sitt 't wol all bi Ji to Hnus."

Jk gah denn ok. Ebba, hm Niklas" Er lachte, er zwinkerte mit den Augen und schüttelte die Stiefel in seiner Hand. He? Wat nu?"

Ich weiß nich, was Du sagen willst."

Nu ja, nu ja, Du weetst't nich. Kann Warden as 't schall. Un as't anners würd, harr ik'r ook nix gegen. Nee, gor nix. Un Flinkheet is wol 'n Brutschatz, Ebba. Dat lat man sin."

Er nickte ihr zu und watete, sein Priemchen kauend, weitbeinig über den Dünenkamm, unter dessen zertretenen Sandhaferbüschen überall der nackte weiße Sand hervor­quoll. Sein Haus lag etwa einen Büchsenschuß entfernt. Rechts und links neben der Thür blühten ein paar Sonnenblumen. Sonst war das Vorgärtchen wüst, ver­sandet. Ueber dem Eingang stand ein Spruch!Bis hieher hat uns Gott geführt. Er Helf' weiter. Amen." Und darunter:Dies Haus hat gebaut Fan Tobias Breeden und seine Ehefrau Anna Katharina Jansen. 1789."

Tobias mußte sich bücken, um unter dem Thürbälken durch auf die mit Backsteinen ausgelegte Diele zu gelangen, die das Hans quer durchschnitt; die Thür am andern Ende führte auf den Hof. Rechts lag die Stube, eine Stube nach Urväterart, ein Schaustück, das kein Gast, der die Insel besuchte, in Augenschein zu nehmen versäumte. Der Raunr war niedrig, die Decke von drei schweren Balken getragen. Bis zur Fensterhöhe zog sich Holztäfelung. Von da ab aufwärts bekleidete eine billige Tapete die Wände; doch wurde ihr stilwidriges grelles Blau beinahe völlig verdeckt durch hunderterlei Raritäten, Flinten, Netze, Bilder, Haussegen, den mächtigen Kleiderschrank, der auf seiner einen Thür in erhabenem Schnitzwerk Adam und Eva und den Baum der Erkenntnis von einem Blumen­kranz umschlossen trug, und auf der andern des Herrn Himmelfahrt. Der Thür gegenüber lag die Feuerstätte, eine einfache Eisenplatte, auf Backsteinen eine halbe Spanne über den Stubenboden erhöht. Ein mächtiger Rauchfang wölbte seinen Mantel darüber, und die Rückwand war zum Schutze gegen die Flamme mit Kacheln bekleidet, die auf weißem Grunde blaue Segelschiffe, Windmühlen und Kühe zeigten. Eine sehr kunstvolle holländische Uhr tickte in altersbraunem Gehäuse. Sie wies außer der Zeit das jedesmalige Mondviertel auf einem blauen, sternbesäeten Himmel über dem Zifferblatt. Vor den Fenstern stand ein Tisch, beladen mit Bernsteinsplitterchen, Muscheln, Möven- eiern, eigenartigen Tanggebilden, Strandgut, das Tobias und sein Bruder bei ihren Wanderungen anflafen, und an weniger geschickte Raritätensucher verkauften.

(Fortsetzung folgt.)

mochte, begann er mit einer tiefen, seltsamen Sftmme zu erzählen:

Das ist nun alles lange her, ein Jahrzehnt und länger. Die ganze Sache lag in einem Winkel meines Herzens be­graben, dort, wo die traurigen Geheimnisse unseres Lebens ruhen, wissen Sie. Wer heute ist jene Erinnerung, jener elende Spuk ans Licht gestiegen." Er legte die. Zigarre nieder und blickte seinen Gefährten aus klaren, blauen, vom Alter kaum gebleichten Augen an.Die Gräfin M. ist tot", sagte er dann fest, laut und sehr sicher, mit einem gewissen zitternden Triumph im Klang seiner Stimme.

Der Baron sprang auf, drehte fich einmal um sich selbst, als habe ihn ein Schuß getroffen, und setzte sich dann, fassungslos.

Die schöne Cölestine! Tot", stammelte er erbleichend. Aber ich habe sie noch vorgestern aus dem Balle der Land­schaft getroffen"

Ganz recht. Sie trug den berühmten Perlenschmuck ihrer Vorgängerin und weiße Seide. In diesem Anzuge besuchte sie auch gestern ein Fest und stürzte sich gegen Morgen nach der Heimkehr aus einem Fenster van Schloß M. Ick) selber habe sie gesehen. Die Perlen, ihr weißes Kleid und das schwarze Haar waren rot von Blut. Man hat sie an derselben Stelle gefunden, wo, hm, am Todes­tage der verstorbenen Gräfin"

Doktor! Ein gräßlicher Zusammenhang muß bestehen zwischen dem Schicksal dieser beiden Frauen"

Gräfin Cölestine lag zerschmettert auf derselben Stelle, wo in der Sterbestunde ihrer Vorgängerin die Geisterkutsche hielt."

Der Baron blickte sich scheu um. Von neuem stiegen ihm Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit seines Gastes auf. Seine Lippen erzitterten, aber er wagte es nicht, eine Frage zu thun.

Der Arzt sprach weiter, mit gesenkten Lidern, jetzt ohne den Triumph in der Stimme. ,

Ich habe die erste Gräfin M. schon in ihren Kinder­jahren gekannt. Sie war das sanfteste Geschöpf, dem ich je begegnet bin, von einer zarten, elfenhaften Schönheit. Die Adern schimmerten wie ein Netz durch ihre Haut, und ihre Augen hätten, mein' ich, im Finstern leuchten müssen. Ihr Herz zeigte sich schwach und zerbrechlich, keinen Stürmen gewachsen. Eigentlich, hätte sie niemals heiraten dürfen, aber seit fie als siebzehnjähries Mädchen den Grafen M. kennen gelernt, war sie derartig blind begeistert für diesen schönen Don Juan ,der hauptsächlich um ihr unermeßliches Vermögen warb, daß es einem Todesurteil für die arme Marie gleichgekommen wäre, wenn ich die in Aussicht genommene Vermählung verhindert hätte. Und wie es häufig vorkomüit bei derartigen Leiden, die jeder ärztlichen Vorher­sage zu spotten scheinen, die junge Frau blühte auf, eine leichte Rote belebte ihr holdes Gesicht, und das Herzleiden machte keine weiteren Fortschritte. Sie durfte sogar gesellig leben, hierin den Wünschen ihres Mannes folgend, den sie anbetete, und der seine bösen Leidenschaften zu unterdrücken schien, seit er einen solchen Schatz zur Seite hatte.

Der Baron konnte sich nicht enthalten, ein wenig bos­haft zu lächeln.Gehaßt scheinen Sie die junge Gräfin nicht zu haben, Geheimrat", warf er ein.

Ich hätte bereitwilligst mein Leben gegeben, um das ihre zu retten! Sie glich in ihrer sanften Anmut meiner verstorbenen Tochter, dem einzigen Kinde, das id), je be­sessen, und wurde nicht müde, mit mir von dem verklärten Liebling zu sprechen.

Sie hatte allerlei kleine Unvollkommenheiten in die Ehe hinübergenommen, die sie nur reizender machten. Sie blieb scheu, furchtsam, verschüchtert, und konnte sich von einem blinden Werglauben nicht losreißen. Sie stöberte gern in alten Chroniken und muß auf diese Weise auch von einer gespenstischen Erscheinung Kenntnis erhalten haben, welche sich den Bewohnern von Schloß M. von Zeit zu Zeit zeigen sollte, von der Geisterkutsche."

Von was für einer Kutsche, Doktor?"

Von der Geisterkutsche. Sobald dem gräflichen Ge­schlecht M. ein Todesfall bevorsteht, soll in der Nacht vor Dein Hauptportal des einsam gelegenen Schlosses eine offene Kalesche vorrollen, unhörbar, gespenstisch. Die schwarzen Pferde, mit welchen fie bespannt ist, zeigen sich, durchwein helles Wiehern an ,im Fond erhebt sich eine weiße Gestalt, winkt dreimal, und fort jagt die Kutsche, ohne daß man auch nur einen Laut vernimmt."