die hochgebildete Gesellschaft den widrigen Anblick bezahlen, den er ihr bereitete. Aber es ohrfeigte ihn keiner dafür.
Derjenige, welcher das Tier erlegt hatte, stand noch in Tirolerhut und Lodenjoppe, die das See wasser arg mit- genommen hatte, im Kreise einer Gesellschaft, aufgeregt berichtend, wie es gewesen war, wie sie auf der Sandbank wartend, lauernd gelegen hatten, die Büchsen rm Anschlag, wie der Seehund anfgetaucht war und Weeder untergetaucht, nud wie sie ihn endlich überlisteten, alle Einzelheiten des Fanges.
Plötzlich deutete er lebhaft nach der Art Hühnerstiege, welche zur Bequemlichkeit der Badegäste von den Dünen zum Strand hinab angelegt worden war, und neben der, im tiefen Sand watend, weil er vorsichtig den von Gott geschaffenen Dünen williger vertraute, als dem Werk von Menschenhand, jetzt ein Mann in Schifsertracht herabkam, mit kurzem, ergrauendem Vollbart und goldenen Ohrringen in den sehr großen Ohren.
„Sehen Sie, das ist der alte Seebär selbst! Kommen Sie! Kommen Sie! Es wird Ihnen Spaß machen, ihn kennen zu lernen."
„Wer ist der Mann denn?"
„Wer er ist? Tobias? Tobias Dresden! Ter alte Seehundsjäger, die größte Sehenswürdigkeit der Insel."
lind auf die Jagdbeute deutend, redete er den Alten an. „Nun, Tobias! Heut sind wir mal nicht umsonst losgesegelt! Ein prächtiges Stück! Was?"
' Ter Mann sah den Durchnäßten an, in einer Art Lächeln seine weißen, viereckigen Zähne zeigend. Dann schüttelte er bedächtig den Kopf. Man konnte seine Jahre schwer bestimmen. Der Körper war kraftvoll. Ans dem Gesicht, das Wind. Sonne und Wasser gebräunt und gekerbt hatten, wie die Schale einer Walnuß, schaute ein Paar hellblauer, scharfer Augen.
„Snack'sches Volk, die Herrschaften!"
O, warum denn? Weil wir auf Seehundsjagd gehen?
„Tat 's so. Kain schlng Abel tot, nich? Von der Zeit an is teilt Frieden mehr bei den Menschen nnd beim Vieh auch nich."
„Sieh mal! Sie sind ja ordentlich bibelfest!"
„Mag ich wohl sein, Herrens! Ich hab' ein, die is all hundert un fiftig Jahre alt. In der lesen wir jeden Abend 'n Kapitel, Bro'er un ick."
„Einen Bruder haben Sie auch?"
„Jo, en jongeren Bro'er."
„Aber verheiratet sind Sie nicht?"
„9tee, nee, bün ick nich. §e ook nich. Man he is noch jong."
„Und in dieser hundertfünfzig Jahre alten Bibel steht etwas von Seehundsjagden?"
„'s steht 'r in: „Tn sollst nicht töten, und: Wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden."
„Seehundblut soll damit auch wohl nicht gemeint sein?" ■ _L.l _J-J
„Weiß ich nich, Herrens. In Gott's Wort steht: Blut."
„Das ist einzig! — Aber wenn Sie's so streng nehmen — der Gauner gönnt bloß unsereinem die Felle nicht! — Sie selbst schießen doch Seehunde, Freundchen!"
"Im Winter, wenn kein einziger Kurgast auf der Insel ist, der Sie dazu verführt! Viele Seehunde!"
„Jo, beete, beete Seehunden."
„Sehen Sie mal! Und das ist keine Sünde?"
Tobias Breeden schaute den Frager mit seinen hellen Augen treuherzig pfiffig an. „Ick sied' jem ut, Herrens." „Was?!"
Er meinte, die feinen Herren hätten ihn nicht ver- standen, und wiederholte stockernsthaft: „Ich sied'r den Thran raus, 't Fett, berstahn Se? Tas gibt viel Geld in Norden."
„Und weil's Geld bringt, darum ist's kein Unrecht? Sie sind ja ein richtiger Jesuwiter, Alterchen!"
„Jk bün en armen Kerl", sagte Tobias Breeden, rückte seine Mütze und ging seines Wegs, unerschütterlich überzeugt, daß einem armen Mann zu seinem Unterhalt der Seehund Fell und Leben lassen muß, aber nicht reichen Leuten zum Spaß. So trennten sie sich, jeder Teil durchdrungen bott der ausgemachten Störrigkeit des andern.
„Snack'sches Volk," murmelte der Schiffer, während er den mit dem Steigen der Flut immer lockerer werdenden Strand entlang watete. „Snack'sches Volk."
Seine ölgetränkten schweren Stiesel beengten ihn. Er hockte aus den Boden nieder, und zog sie samt den Strümpfen aus. Die nackten Füße mit den hervortretenden Ballen hinterließen eine charakteristische Spur im Sande.
Breedens wohnten nicht im Torf. Ihr Haus lag eine halbe Stunde abseits mit einigen andern auf einem Dünenarm. Besonders dicht bewachsene Thäler mit zum Teil seltenen Pflanzen zeichneten dieses Stück der Insel aus. Auch fanden sich hier in die Dünen eingeschnittene Vertiefungen, Gärten genannt, in denen allerlei Gemüse, besonders Kartoffeln, gediehen. Grasbewachsene Wälle schützten sie bor Versandung. Denn unablässig strich der! Nordwest über die Insel, nnd was er fassen konnte, Baum, Strauch oder Kraut, dem blies er das Lebenslicht aus, es peitschend mit stechenden Sandkörnern, es überschüttens begrabend unter den trockenen, sengenden Wellen, die er! daher wälzte. Aber die Dünen hoben abwehrend ihre breiten Rücken ihm entgegen, und von ihrer Umwallung geschützt, wagten fröhliche Pflanzenkinder dre Blumenaugen aufznschlagen zum belebenden Sonnenstrahl, ^edes Thal hatte seine besondere Farbe, dre wechselte mit der Jahreszeit. Hier kleideten zahllose wilde Stiefmütterchen die Abhänge in ihr warmes Veilchenblau. Dort leuchtete der Sand golden von ganzen Lagern von gelbem Wiesenschaumkraut und gelbem Klee, dort zog sich ctn brennend roter Teppich durch die Niederung, gewebt aus hundert- tausend Sternblümchen des Tausendgüldenkrauts Werts Thäler überspannt das feinblättrige Dünenroschen mit seinen dunkelgrünen Ranken nnd seinen zarten, vergänglichen Blüten: andre überwucherte der Sanddorn. Unter dem einförmigen Graugrün feiner Matter schimmerten Büschel blasser Orchideen und die matblumenhaste Ptrula hervor. , .
Tobias Breeden ließ die Badezelte im Rucken und wandte sich landeinwärts. Jetzt zeichneten ferne Fuße keine Spur mehr. Er versank ber jedem Schrrtt brs über die Knöchel im tiefen Sand des Fahrwegs. Mchchtvohl trat er nicht seitwärts, erfüllt von der fast abergläubischen Verehrung aller Jnselfriesen für die Pflanzendecke, dre ihre Schutzwälle, die Dünen, zusammenhalt.
Schon grüßte der erste Dachgiebel der kleinen Kolonie über die Höhe. Dies Häuschen lag etwas.vorgeschoben. Es gehörte der Witwe eines Schiffers, Marinka ^urgens, von den Krtrgästen einfach Mutter Marinka genannt, und war tote alle auf der Insel sauber, ja kokett,, als toars aus der Spielschachtel genommen. Ein Bachteinhaus nut leuchtend rotem Ziegeldach, dessen Färbenglut durch kern Atom Kohlenstaub je gedämpft wurde. Dre Thur tn der Mitte, grün angestrichen; zwet Fenster rechts, zwet Fenster links, ein kleiner Giebel obenauf. Zur Bequemlichkeit der Sommergäste, die gern einen Seehundschnaps oder eilte Tasse dicklichen Kaffees bei Mutter Marrnka tranken, hatte die Witwe zwei vorn offene Holzkasten an der Vorderseite des Häuschens anbringen lassen als ^hutz vor der Sonnenglut und dem schneidenden Nordwest.
An der Hinterthür des Häuschens blieb Tobias Breeden stehen. Ein Mädchen scheuerte da einen Milcheimer. Er sah ihr zu, steckte die eine Hand in die ^a,che und Pfiff. Eigentlich wollte er ihr gern etwas sagen. Nur siel, ihm nichts ein. Zu dumm, daß man reden muß, um es einem Menschen zu verdeutlichen, wenn, man etwas auf ihn halt. Tie Leute schnacken ohnehin zu viel, besonders die^Frauensleute. Na, aber so ein junges Ting verlangt das za wohl!
Tas Mädchen sah den Alten stehen, scheuerte, als gält's die Seligkeit, und sagte nichts.
„Süh, Ebba, do büst jo", rang sich der Schisser endlich ab. Es klang sehr freundlich.
Ja, Tobias. Ta bin ich. Da bm ich alle Abend.
„Jo, Ebba, do bist Tu. Un so is't god."
„Mag sein, auch nich." m ,
"Doch, Ebba, doch. Büst en flinke Deern. Laut man sien." Tat's wat. Ick fegg, dat's wat."
„'ne Bütt voll blanke Dahlers war' mehr."
„Tas eine holt's andre. Flink sin is 'n Brutschatz> Ebba." , ., „
„Tie Freiersleute rechnen es da man inch für.
„Verständige wohl. Ick bin veertig Johr'n in der Welt herümmerstrokt von'n eenen En' bet to n annern, kannst mi glöven: blanke Erbdahlers, de kann een licht verdohn. Man wat he is, dat blift he, un jeder is sines.


