(Nachdruck verboten.)
Tobias Breeden.
Von Luise W e st k i r ch.
Ter Wind fuhr in unregelmäßigen Stößen über die kahle Nordseeinsel, rastlos, unablässig, nimmer den Atem verlierend, ob er ihn gleich den Menschen raubte. Laut aufrauschend rollte Welle auf Welle auf den flachen Strand, die siegreiche, vorschreitende Flutwelle, deren leuchtende Schaumkämme das Vorbild zu den weißen Mähnen der Meergottrosse geliefert haben. Vom dunkelblauen Himmel brannte die Sonne herab auf den weißen Sand der Dünen und die weißen Strandkörbe am Weißen Strand, auf die Köpfe der Menschen, die sich in ihnen und in den Tünentrichtern in ihrer Glut schmoren ließen. Denn der Strand war belebt von Badegästen; die öde, dürre Sandbank wimmelte von Scharen bleicher Städter, die sich vom heißen Tagesgestirn ein kriegerisches Gesundheitsbraun auf die von Arbeiten und Vergnügungen im Kohlenqualm enger Gassen, bei Lampen-, Gas- und elektrischem Licht entfärbten Gesichter malen ließen; von Karten Mädchen, die im Wasser wateten, von Knaben, die im Sand Festungen gruben, von Croguet-, Reif- und Lawn-Tennisspielern. Hefter das Sausen des Windes, über das Brausen der Flut klang das Helle Quieken der Kinderstimmen, das Aufkreischen der jungen Mädchen, wenn eine überkecke Welle ihre Füße netzte, und das Murmeln und Summen der verständigen Leute, die, in zusammengerückten Strandkörben sitzend, leise miteinander flüsterten von der Wirtschaft, von zu Haus, von den kleinen Sorgen und Interessen, die sie ganz erfüllten, die sie begleitet hatten an das unendliche Meer, die sie nicht von sich abthun konnten, auch nicht auf Augenblicke, so wenig, daß sie es nicht einmal in ihrem Behagen erschütterte, das unaufhörliche, triumphierende Wogenrauschen, das zu sprechen
Samstag dm 15. Mär).
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Golt, du lieber Frühlingswind!
Du darfst bei mir nicht säumen!
Flieg fort, flieg fort in den Wald geschwind, Da liegt noch alles in Träninen.
Die Blätter in den Knospen weck', Sie sollen säuselnd sprießen I Und hilf den Veilchen im Dornenversteck, Die Aeuglcin aufzuschlicßen.
Und sag' den Vöglein im ganzen Wald, Der Winter sei zerronnen, Daß jeder Bulch und Wipfel schallt!
Und heiße rieseln die Bronnen. Red Witz.
schien: „Ich war dabei, als Gott am siebenten Schöpfuugs- morgen die Welt gut hieß. Ich habe an diese Küste geschlagen, ehe Wikinger s-.e auf schnellen Schiffen besuchten. Germanikus, der daher zog, um des Barns Niederlage zu rächen, hat mir einen Teil seiner Legionen abgeben müssen. Ich schlug an diese Küste, als die Insel noch Festland war, und meine Wellen rollten schwer von den Leichen der Menschen und Lasttiere. Ich werde auch dann mein Wasser noch fröhlich heben und senken in Ebbe und Flut, wenn von dir und deinem Hoffen, Wünschen, Streben und Thun nicht die leiseste Spur auf diesem Erdball zurückblieb, du thöricht dich aufblasender Tropfen im Ozean des Lebens!"
Auf der Ecke einer Bank hockte ein zerlumpter Junge, der die nackten braunen Füße mit einer Art Siegerstolz auf hem weichen Rückenfell eines toten Seehunds hwum- baumeln ließ. Tas Tier lag im Sand mit zerschossenen Hinterfüßen und blutiger Schläfe. In dem sanften, klugen Gesicht und unter den langen Wimpern d r wie im Schmerz zusammengezogenen Lider war etwas wie ein Ausdruck trauriger Verwunderung zurückgeblieben, verständnisloser Verwunderung darüber, wieso er, der jedem gern seinen Platz gönnte, auf und in der weiten See, der nichts sich zugeeignet hatte, als ein paar Fischchen für seinen Hunger und ein wenig Sonnenschein, ein klein wenig von der blendenden Fülle, die auf die öde Sandbank niederbrannte, ohne ein grünes Hälmchen hervorzulocken, ein paar Helle warme Strahlen nur, bereit nicht Mensch, noch Tier, noch Pflanze begehrten, wieso er den bittern, herben Schmerz, die qualvolle, vorzeitige Auslöschung aus dem Reich des Lebendigen verdient habe? Vielleicht war ein flüchtiges Erinnern au sein t. ues Weibchen, an das kleine, noch fangende Kälbchen im Augenblick des Sterbens durch sein Gehirn gezogen. Aber er hatte sich ergeben. Mit der Würde und Sammlung, die das Tier int Tode auszeichnet, lag er da. Ein Tröpfchen noch sickernden Blutes färbte den Saud als letzte Spur, die er zurückließ auf der Erde, bis der nächste Windstoß auch diese Spur verwehte, auslöschte, vertilgte auf immerdar.
Ter braune Bursch aber, der seinen Fuß auf den Rücken des nicht von ihm erlegten stemmte, trug in den kecken, mitleidslosen Augen, int Ausdruck um den breiten lachenden Mund die ganze, dem Menschen eingeborene Lust zu Mord und Totschlag zur Schau, während Tämchen in Jockeymützen und gelben Schuhen neugierig durch den losen Sand herantrippelten, kleine, geputzte Buben die aufgespießten Tünenschmetterlinge verächtlich aus den Händen warfen, um vom Mord solch eines großen Geschöpfes zu träumen, und Männer in Südwestern und weißen Strandkappen eifrig erzählten, wie reich ihre Jagdbeute einst gewesen war.
Ter Junge hatte ein Tellerchen neben sich stehen. Er bettelte. In unbewußtem schneidendem Hohn ließ er


