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und munkeln dieselben nur von Fluch und ziirnenden Gespenstern?" , „ , . ,
1 „O" — meinte Nikolai Kurin sinnend — „unser rufst, ches
Volk ist schon im allgemeinen entsetzlich abergläubisch — den Leuten hier hat das unglückliche Ereignis nach des alten Ornatoff Tod vollends den Kopf verrückt."
„Und-, ist es wahr" — fragte Marita rasch — „was sw einander vertrauen, hat damals wirklich ein Bruder den andern ermordet?"
Nikolai nickte: „Ich fürchte, dies ist bte Wahrheit. Wladimir Iwanowitsch wurde erdolcht."
„Wie entsetzlich! Was aber wurde aus dem jüngeren Bruder? Die einen erklären ihn gleichsalls für tot, die andern sagen, er sei nach Sibirien verbannt. Was ist das SRitfjiotc ?/z
Tas Letztere, was indes fast gleichbedeutend mit dem Ersteren bleibt; denn der Aermste ist tot für die menschliche Gesellschaft. Armer, unglücklicher Alexis!" fuhr Karin wehmütig fort, „er büßt die Uebereilung eines dunklen Momentes schwer. Sein Schicksal ist beklagenswert!" , „Wobin ist er verbannt? Und — auf wie lange Zeit?" Msterte Clarita, kaum ihrer Stimme mächtig.
„Ich weiß beides nicht. Das Urteil fiel rasch und blieb der Oesfentlichkeit entzogen; so viel ich indes davon verstehe, wird mein armer, junger Freund niemals mehr aus Sibirien zurückkehren."
„Sie kannten Alexis Ornatoff näher?"
„Gewiß, in seiner Jugendzeit sahen wir uns ost, spater später freilich wurde er mir entfremdet, wie hier aller Welt, die sein Schicksal wohl deshalb merkwürdig kalt aufnahm." , , ,,
„Und seine Familie , that ste nichts, um das schreckliche Urteil zu wenden?" ' „
„Doch — indes ließ sich nicht dagegen ankommen. Wie Wera Sergewna mir selbst sagte, erreichte sie, ungeachtet ihrer hohen Freundin bei Hose nichts, als Schonung des Namens, welchen ihr Sohn führt."
„Unb — und — wird Frau von Ornatoff kernen werteren Versuch in der Sache mehr unternehmen?"
„Was könnte sie nach jenem Fehlschlagen ihrer Be- mühungrn noch thun! Schon durch feine fortgesetzte Abwesenheit aus Rußland, sowie dnrch unklug geäußerte Sympathien für Polen war "Alexis Ornatoff bereits mißliebrg geworden. So spricht nichts für, alles gegen ihn. Kern weiteres Gnadengesuch hat da günstige Aussicht! Nichts könnte ihn retten, als — die vollgiltigen Beweise seiner Unschuld, und die werden nicht zu erbringen sein."
„So hat er die That nicht zugestanden?" Claritas Augen blitzten bei dieser Frage, der Nikolai Karin ernst begegnete :
„Soviel ich weiß — leugnete er sre."
„Dann fiel das schreckliche Urteil emzig auf den Verdacht hin?" t „
„Derselbe war leider nur zti belastend, bte kopflose Flucht bestätigte ihn vollends; selbst Alexis wenige Freunde mußten dies zugestehen."
„Und Sie? Halten auch Sie Alexis Ornatoff für schuldig?" c .. ±
„So leid es mir thut, ich kann nicht anders", erwiderte Nikolai Karin, „aber — was ist Ihnen, teuerste Clarita, Sie erblassen! Sie schaudern!"
Gewaltsam mühte die arme Frau sich zu fassen., „Kann es Sie wundern", sagte sie bebend, „wenn ich — ein Kind des Südens — zusammenschauere vor dem Gedanken an Ihr entsetzliches Eisgrab Sibirien! Zudem hat das gestrige Erlebnis in der That meine Nerven mitgenommen; ich fühle mich sehr schwach!"
„Ja — Sie sehen entsetzlich leidend ans — teuerste Clarita! Mein ganzes Herz ist von Sorge um Sie erfüllt!" Und ehe Clarita es begriff und fassen konnte, wie es geschah, hatte Nikolai Karin mit ehrlichen, schlichten Worten um ste geworben, sie gebeten, feine Gattin zu werden, die er schützen und behüten dürfe nut fürsorglicher Liebe.
Es ist schwer zu schildern, was Clarita bei seinen raschen Worten heißer Liebe empfand. Sie hatte kaum deren Sinn erfaßt, als sie ihn heftig unterbrach: ,„0, Herr v. Karin — nicht weiter, sprechen Sie nicht weiter! Es darf nicht sein — ich kann nie, nie ihre Gattin werden — niemals!" „
Die innere Aufregung machte sie leidenschaftlich. Bestürzt über ihre Erregung, noch mehr über ihre Worte,
wiederholte Nikolai mechanisch: „Niemals! Warum? Spricht in Ihrer Seele nicht eine Regung für mich, der ich Sie liebe mit einer Liebe, die —"
„Still! still!" flehte fie hastig — „ich achte, ich schätze Sie und Ihren Edelmut — aber meine Liebe — mein Herz gehört längst einem andern, gehört ihm mit unlöslichen Banden."
Nikolai wurden todbleich. „Dann, dann schwrndet fr em lich jede Hoffnung für mich!" flüsterte er mit klangloser Stimme.
Clarita fühlte sich tief ergriffen. Ihrem Lebensretter,- dem Manne, der die arme Verlassene so mutig durch bte Flammen getragen, dem lohnte sie dtrrch Schmerz. „Nikolar Pawlowitsch!" bat sie innig, „ich vermag es nicht. Ihnen die Liebe zu geben, die Sie wünschen, sie ist bereits mrt un- lösbaren Banden gebunden, die selbst der Tod nicht zerreißen kann — aber, Nikolai, ich empfinde tiefe Dankbartet,, wahre Hochschätzung für Sie — feien Sie mein Freund! ■
Er blickte fie an mit umflortem Blick. Dann wandte er sich hastig ab. „Später! später vielleicht — Clarita! Noch, liebe ich Sie zu sehr, um Ihr Freund sem zu tomten. Nach dem, was Sie mir vertraut, lassen Ste mtch erst Ruhe finden — jetzt kann ich Ihnen nur Lebewohl sagen/ .
„So leben Sie wohl, Nikolai Karin — die Stunde totcbl kommen, da Sie ruhiger denken und fühlen lernen, dann erinnern Sie sich, daß Clarita stets in treuer Dankbarkeit ihres hochherzigen Retters gedenkt." Sie sah den heftigen Kampf, den der starke Mann innerlich nut sich kämpfte. Zartfühlend zog fie sich zurück, nachdem sie einander schweigend die Hand gedrückt.
So war auch dies vorüber. Clarita erreichte ihr eigenes! Gemach mit hochklopfendem Herzen. Sie war in tiefster Seele bewegt. Wie offen, wie ritterlich hatte Karin um fie geworben; feinen alten, hohen Namen, fein hübsches Kars- kow, beides vergoldet von dem Strahle wahrer, edler Siebe legte er ihr zu Füßen, ihr, der abhängigen unbekannten Fremden, die er, unbekümmert um die Meinung der Welt,- zur Barinitschi auf dem Gute feiner Väter zu machen gedachte. Welch ein Schatten fiel dadurch auf jenes frühere, ihr gewordene Werben zu heimlicher Trauung, zu leichtfertiger Flucht. Nicht zu gesicherter Heimat hatte Alexis ie geführt, und doch liebte er sie, tote sie ihn - den teueren, einst so leichtlebigen, nun so schwer heimgesiichten Gatten! — O! wenn sie ihn nur retten konnte? Wenn nur jemand ihr helfen wollte! Sollte fie Nikolai ihr ganzem Geheimnis vertrauen? Ihn um seine Hilfe,, seinen Rat bitten? Hätte er zugestanden, ihr Freund zu sein, sie wurde gesprochen haben. So — konnte sie es? Konnte sie den Mann, fast im selben Augenblick, da er ihr ferne heiße Liebe gestand, um die Rettung ihres Gatten angehen? Seine Hochherzigkeit war groß — vielleicht hatte sie es versuchen sollen. r.
Unschlüssig, schwankend in ihren Gedanken, stand ;ie eine Weile, endlich schritt sie sinnend nach der Veranda Vorhin hatte sie Karin dort hingehen sehen, vielleicht fand sie ihn noch. .
I Ja — Nikolai Karin stand noch daselbst, aber neben! ihm die kleine, gesprächige Lisavetta. Beide kehrten der Nahenden den Rücken. Lisavetta hatte das krause Köpfchen zu dem hohen Manne emporgehoben und sagte eben weich und kindlich: „Es ist nicht möglich, es ist undenkbar,- Nikolai Pawlowitsch, daß Sie sich hier fh der emsamen Steppe vergraben wollen! Werden Sie wirklich nicht nach Petersburg zurückkehren?" ~ , , , ,
Nein, Lisavetta Sergewna!" Er sagte das freundlich,- mild" wie man zu einem lieben Kinde spricht. »Nein - ich werde mich, wie Sie es nennen, hier tu der Steppe begraben, ich verlange nach dieser Ruhe; — denn im Hochsommer muß ich mich nach Deutschland begeben zu einem! „Stelldichein" mit meinem alten Verwandten General Romanzow. Nach Petersburg komme ich sicherlich so bald
I nichts to{e m(m vermissen wird!" seufzte das hübsche Mädchen kleinlaut. , fnW(,
„Thörichte Kleine!" meinte er fluchtig. „Wer sollte berntin^ n ? es thun", gestand aber Lisavetta!
naiv ?Wie ich ohne Ihre Güte und FreundMkeit Weras ewiges Mäkeln und Kritteln ertragen soll, ist mir unerfindlich !"


