Ausgabe 
15.2.1902
 
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1902. Nr. 25.

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J&l/ enP nicht so viel an dich! Blick' auf dic andern, FMJ Die neben dir die Lebcnsstraße wandern. AM £rägt jeder still sein Päckchen auf dem Rücken, Und glaube mir, es wird wohl jeden drücken. Glückselig, wer versteht, die Last zn tragen Mit festem Sinn und ohne viel zn klagen. Ergebung macht die schwerste Bürde leicht, Und eh' du's denkst, ist wohl das Ziel erreicht.

Anna Ritter.

(Nachdruck verboten.)

Verschollen.

Original-Erzählung von M. Ludolfs.

(Fortsetzung.)

XX.

Nikolai Karin.

Die Treue ist des Weibes schönster Schmuck, das Unterpfand 1 Ihres Glücks, die Krone ihrer Liebe. Ehrenberg.

Die Somre, die an jenem Morgen über der freien Steppe aufzog, sah viel Verwirrung, viel Sorge, viele Thränen und viel Verdruß inmitten trauriger Verwüstung. Alle Bequemlichkeit war in Ornatoffsko zerstört. Nur wenige Zimmer im Erdgeschoß und kaum einige der Schlaf­stuben im ersten Stockwerke waren bewohnbar geblieben Auf diese wenigen Räume mußten sich die Herrschaften beschränken, und die Dienerschaft sehen, wo sie unterkam. Die alte Eudotja Karpowna hatte man zu Ninas, der Sol- datka Hütte gebracht, sie war von Schreck wie gelähmt und verstummt, die Sprache schien ihr völlig verloren. Dafür ging diese desto geläufiger bei der gestrengen Taliana Pe­trowna; sie war geneigt, der greisen Eudotja die Schuld ail dem ganzen Unglück zu geben, und hielt mit dieser Meinung keineswegs zurück. Sie mochte indes nicht Un­recht damit haben. Das alte Mütterchen, das sich aus früherer Zeit einen Schlüssel für die Zimmer ihrer Herr­schaft im alten Bau geborgen hatte, liebte es, jenen Räumen einen nächtlichen Besuch abzustatten. Das war das Gespenst, der Domowoi, vor dem die Dienerschaft so tiefe Scheu empfand und sich dieserhalb stets vor näherer Unter­suchung fürchtete. Ungestört hatte daher auch in jener Nacht die Alte sich dorthin geschleppt, um ihren, durch die Unter­haltung mit Feodor und Clarita aufgeregten Erinnerungen entsprechend, die Bilder ihrer toten Herrin und deren Söhne bei dem Schein ihres flackernden Oellichts zu betrachten. Während sie sich darin Genüge that, mochte leicht ein

Fünkchen, ein Stückchen glühenden Dochtes auf den mürben Zimmerteppich gefallen sein, wo es unbeachtet weiter glimmend und glühend mit sich fraß, bis endlich, nachdenl die zitternde Greisin längst wieder zu ihrer Stube ge­schlichen. eines der allgemach aufspritzenden, glühenden Wollstäubchen den Vorhang traf und in dem leichteren Gewebe zündend, dieses rasch in Flammen setzte.

Fern lag diese Erklärung nicht, jedenfalls fand sich keine andere, wenn man nicht die Geisterhand annehmen, wollte, von der das Steppcnvolk gleich der niederen Diener­schaft munkelte, während sie sich bekreuzigend, scheu die Trümmer von Ornatoffsko betrachteten.

In diesem, in dem Zimmer, das sich noch einiger­maßen behaglich zeigte, unten neben der Veranda, lag der letzte Ornatoff, der junge Bärin. Er klagte nicht, er wollte selbst nicht zugeben, daß er sich verletzt, aber sein bleiches, leidendes Gesicht spottete jener Behauptung: er fühlte sich nur schwach, und der Schmerz in seinem rechten Bein sei erträglich. Dennoch hatte er daran bei dem Zusammen- brechen unter der Wucht des brennenden Balkens solchen Schaden genommen, daß der ans dem nächsten Städtchen herbeigeeilte Arzt einen Verband anlegte und Schonung und Ruhe empfahl. Dringender noch gebot sich das von selbst. Die Unmöglichkeit, sich frei bewegen zu können, fesselte Feodor auf den Divan. Clarita empfand unsag­bare Unruhe seinetwegen. Die ärztliche Hilfe bäuchte ihr sehr ungenügend, und die Rückreise nach Petersburg un­endlich weit.

Die andern drangen jedoch auf diese und rüsteten sich mit Hast dazu. Nur einer sah dieselbe sehr ungern Herr v. Karin. .

Er hätte am liebsten die ganze Gesellschaft nach seinem Gute gebracht um Claritas willen. Wie er bereits ange­deutet, hatte er nur ihretwegen für Petersburg die Steppe eingetauscht, und sollte nun dort eben angekommen sein, um sie abreisen zu sehen! Nein, er wollte seinen Weg nicht vergeblich gemacht haben. Die Absicht, dic ihn dabei geleitet, mußte einzig durch den gestrigen Vorgang zu einer raschereit Ausführung gelangen. Da er einmal, fortgerissen durch die Macht des Augenblicks, seine Gefühle angedentet hatte, durfte Clarita nicht im Unklaren über seine Meinung bleiben, durfte er mit seiner Werbung nicht zögern.

So beharrlich sie ihn an jenem Morgen mied, so be­harrlich suchte er sie. Seine Ausdauer siegte. Im Park überraschte er sie. Er hatte ihr verstecktes, grünes Plätz­chen, §tt dem die erquickende Morgenfrische sie einen Mo­ment gelockt, herausgefundcn. Entgehen konnte sic ihm gleich nicht mehr, doch mit Geistesgegenwart suchte sic rasch dem Gespräch eine bestimmte Richtung zu geben, sofort nach der ersten Begrüßung meinte sie, hinüber «ach den Trümmern des alten Flügels deutend:Schutt und Asche der Bau, der so lange dem Zahn der Zeit getrotzt, Geschlecht nach Geschlecht beherbergt! Wie schauerlich das aussteht! Die Leute bekreuzen sich davor aus Furcht. Was flüstern